Langer Atem? Haben wir.

Sozial- und Erziehungsdienst: Weiter kämpfen für die Aufwertung
Von Olaf Matthes
|    Ausgabe vom 18. September 2015

Fast vier Wochen Streik im Sozial- und Erziehungsdienst, dann die Schlichtung. In der folgenden Mitgliederbefragung machten die organisierten Kolleginnen und Kollegen deutlich: Sie sind bereit, weiter für eine Aufwertung ihrer Berufe zu kämpfen. Was hat der Streik gebracht, wie geht es weiter? UZ sprach mit Inga, einer Sozialpädagogin in einer Einrichtung der Stadt Frankfurt, als ver.di-Mitglied an der Leitung des Arbeitskampfes beteiligt.

„Der Streik hat uns gestärkt. Unter den Kollegen ist das Bewusstsein dafür gewachsen, dass wir gemeinsam etwas erreichen können. Ein Streik im Sozial- und Erziehungsdienst geht immer auch zu Lasten der Menschen, mit denen wir arbeiten – das lässt sich nicht vermeiden. Aber wir fordern doch gerade deshalb mehr Gehalt, weil wir unseren Job gerne und gut machen. Die Bedingungen in vielen Einrichtungen sind inzwischen so, dass wir an unsere Belastungsgrenze kommen, dass die Arbeit auf Kosten unserer Gesundheit geht.

Wir haben die Erfahrung gemacht, dass es eine große Solidarität unter den Berufsgruppen gab. Zum Beispiel haben bei der Streikdelegiertenkonferenz die Erzieherinnen gesagt: Wir lehnen den Schlichterspruch ab, weil die Sozialarbeiter und die Kollegen aus der Behindertenhilfe nicht bekommen haben, was sie verdienen – das hat mich stolz gemacht.

Die Bereitschaft zu streiken ist im Laufe der Zeit sogar noch gewachsen. Wir haben diskutiert, wir haben Einrichtungen besucht, in denen niemand gestreikt hat, um die Leute für den Streik zu gewinnen. Wir haben eine gewerkschaftliche Betriebsgruppe, da arbeiten Mitglieder von ver.di, GEW und nichtorganisierte Kolleginnen und Kollegen zusammen. Im Laufe der Tarifrunde haben wir eine ganze Reihe von neuen Mitgliedern aufgenommen, weil klar war: Diesen Streik müssen wir unterstützen. In unserer Betriebsgruppe haben wir eine Vernetzung der Aktiven aus fast 30 kleinen Einrichtungen, aus unterschiedlichen Berufsgruppen. Da geht es natürlich nicht nur um Tariffragen, wir vermissen zum Beispiel bei unserer Betriebsleitung eine gewisse Transparenz. Inzwischen ist es so, dass mehr Kolleginnen und Kollegen auf einer Personalversammlung etwas sagen, das stärkt natürlich auch dem Personalrat den Rücken.

Der Schlichterspruch war für uns in der Betriebsgruppe wie ein Schlag ins Gesicht. Uns war klar: Dieses Angebot, dafür haben wir nicht gekämpft, dafür sind wir nicht auf die Straße gegangen. Bei einer Schlichtung soll doch ein Kompromiss herauskommen, aber die Arbeitgeber haben sich überhaupt nicht bewegt. Die kommunalen Arbeitgeber machen uns in der Öffentlichkeit schlecht – als wären wir nur scharf auf’s Geld. Dabei geht es uns um mehr: Es geht darum, die Arbeit im Sozial- und Erziehungsdienst insgesamt aufzuwerten. Wir wollen unsere Arbeit gut machen – aber dazu brauchen wir bestimmte Ressourcen. Dazu gehören Räume, dazu gehören Sachmittel, dazu gehört ausreichend Personal, dazu gehört natürlich auch das Gehalt. In Frankfurt, bei den Mieten, hat eine Erzieherin große Schwierigkeiten, von ihrem Gehalt zu leben.

Ich erwarte von ver.di, dass es jetzt Unterstützung und Ideen gibt, wie wir mit dem Streik weitermachen können, welche Aktionsformen die richtigen sind, wie wir die Solidarität der Eltern sichern können. Denn wir als betroffene Kollegen sagen: Das Angebot der Arbeitgeber ist kein Angebot, sondern ein Witz. Ich erwarte, dass wir als ver.di jetzt geschlossen hinter den Forderungen stehen, die wir beschlossen haben, und dass wir weiter Kampfaktionen organisieren. Den Kolleginnen und Kollegen war von Anfang an klar, dass das eine langwierige Auseinandersetzung wird. Es war klar, dass wir einen langen Atem brauchen – und den haben wir.“


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