Zwei Seiten einer Medaille

Die Allianz zwischen Ankara und Rakka
Von Sevim Dagdelen |  
Ausgabe vom 18. Dezember 2015

Er werde zurücktreten, wenn Beweise über türkische Ölgeschäfte mit der Terrormiliz „Islamischer Staat“ im Irak und in Syrien vorgelegt werden würden, erklärte Anfang Dezember der Präsident der Türkei, Recep Tayyip Erdogan. Das russische Verteidigungsministerium nahm diese Ankündigung als Einladung an und präsentierte den Weltmedien in einer detaillierten Bilderschau Fotos, die über die Fahrt von Öl-Tanklastern aus den vom IS kontrollierten Gebieten über Irakisch-Kurdistan in die Türkei beweisen sollen. Im Nordirak stellen die Behörden des türkischen Lakaien Masud Barzani, der seit 2005 als Präsident des Autonomen Nordiraks amtiert und dessen Amtszeit bereits seit 2013 abgelaufen ist, die nötigen Papiere aus, um das IS-Öl als irakisch zu deklarieren und auf dem Weltmarkt zu verkaufen. Danach geht das schwarze Gold an die türkischen Mittelmeerhäfen und auf die Weltmeere. Der Handel mit Öl und Antiquitäten ist ein besonders lukratives Geschäft und stellt eine der Haupteinnahmequellen der Terrormiliz in Syrien und dem Irak dar. Mit der türkischen Unterstützung dieser Geschäfte ist das NATO-Mitglied direkt für das Erstarken und Ausbreiten des IS verantwortlich.

Die Allianz zwischen Ankara und Rakka, der Hauptstadt des IS, kommt nicht von ungefähr. Bereits kurz nach dem Beginn der gewalttätigen Revolte in den dünnbesiedelten Randgebieten Syriens im Jahr 2011 hatte sich die islamistische Regierung des damaligen Ministerpräsidenten Erdogan auf die Seite der Kräfte gestellt, die die Syrisch-Arabische Republik (SAR) zerschlagen wollen. In den vergangenen Jahren hat sich der Konflikt zu einem Bürgerkrieg und zu einem Stellvertreterkonflikt der regionalen und Weltmächte entwickelt. Bei der Beseitigung der SAR ist dabei den türkischen Politikern jedes Mittel recht. Die Türkei unterstützt die IS-Terrormiliz nämlich nicht nur durch Nachschub an Waffen für die Dschihadisten, sondern türkische Spezialeinheiten trainieren wohl auch IS-Terroristen für Spezialeinsätze. Darüber hinaus werden IS-Kämpfer in türkischen Krankenhäusern kostenlos medizinisch versorgt und Ankaras Behörden drücken bei der Rekrutierung von Dschihadisten in ihrem Land beide Augen zu. Ein ägyptischer Geheimdienstoffizier erklärte im Herbst 2014 sogar, dass Ankara den IS-Terroristen Satellitenbilder zur Verfügung stellen würde.

Das türkische Engagement reiht sich in die neo-osmanische Offensive der vergangenen zehn Jahre ein. Diese soll die türkische Stellung auf dem Balkan, im Kaukasus, in Turkestan und der arabischen Welt verbessern. Syrien ist dabei ein besonders arg bekämpfter Feind Ankaras, da die Baathisten dort bereits vor fünfzig Jahren eine säkulare Republik aus der Taufe gehoben haben, die im Wesentlichen bis heute besteht. In Ankara würde Terrorpate Erdogan es jedoch lieber sehen, wenn ein sunnitisches Regime in Damaskus regieren würde – genau wie es der IS-Chef in Rakka auch vorhat. Groß etwas befürchten muss Erdogan nicht. Berlin und Brüssel stehen in Nibelungentreue zu ihm. Weder seine Unterstützung islamistischer Terrorbanden noch sein barbarischer Krieg gegen Oppositionelle im Land, was allein dieses Jahr hunderte Tote hervorbrachte, stört sie. Zu wichtig sind die Waffenbrüderschaft, die Kapitalinteressen und die Verwaltung ihrer Geopolitik.


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Leserbrief zu »Zwei Seiten einer Medaille«, UZ vom 18. Dezember 2015





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