Von Selfie zu selbst aktiv

Jugendliche gegen Krieg organisieren? Die SDAJ-Kampagne „Stop Wars“ hat gezeigt, wie es gehen kann
Von Olaf Matthes
|    Ausgabe vom 17. Februar 2017
„An jedem Krieg in jedem Land verdient am Schluss die Deutsche Bank“: SDAJ-Mitglieder bei einer „Outing-Aktion“ vor der Zentrale der Deutschen Bank in Frankfurt. (Foto: SDAJ)
„An jedem Krieg in jedem Land verdient am Schluss die Deutsche Bank“: SDAJ-Mitglieder bei einer „Outing-Aktion“ vor der Zentrale der Deutschen Bank in Frankfurt. (Foto: SDAJ)

Den nächsten Schritt
organisieren

Der SDAJ-Bundesvorsitzende Jan Meier über die Erfahrung der Offenen Antikriegstreffen

UZ: Ihr habt viel Kraft in „Offene Antikriegstreffen“ gesteckt. Hat es sich gelohnt?

Jan Meier: Der Schritt vom Bewusstsein: „Ich bin gegen Krieg“ hin zu „ich werde selbst aktiv“ ist für Jugendliche sehr groß. Vor diesem Hintergrund: Der Versuch, die Offenen Treffen zu bilden, hat sich für die Friedensbewegung gelohnt. Das ist viel Arbeit gewesen, in einigen Fällen ist niemand oder nur wenige zu den Treffen gekommen. Aber das Problem ist doch: Der klassische Friedensstammtisch ist nichts, womit wir junge Leute gewinnen. Die Friedensbewegung braucht Angebote, bei denen Jugendliche selbst bestimmen können, was passiert. Und in einigen Orten hat sich gezeigt, dass es gehen kann.

UZ: Was ist nötig, um Jugendliche für Aktivitäten gegen Krieg zu mobilisieren?

Jan Meier: Zuerst einmal die Erkenntnis, dass Krieg nicht irgendwo weit weg einfach so passiert, sondern dass Kriege mit deutschen Unternehmen zu tun haben – und dass sich auch hier etwas gegen diese Kriegsprofiteure unternehmen lässt. Und die Erkenntnis: Krieg ist für mich, meine Mitschüler, meine Kolleginnen, ein echtes Problem – jeder Euro, der in den Militärhaushalt fließt, fehlt für Ausbildung und Arbeit im Öffentlichen Dienst, fehlt an Schulen und Unis, fehlt bei mir.
Auf der einen Seite sind die Leute gerne bereit, bei ganz einfachen Mitmachaktionen dabei zu sein: Ein Foto gegen Krieg, eine Aktion mit planen. Aber wenn man sagt, lass uns was gegen Krieg machen, stellt sich für viele die Frage: Wie geht das eigentlich, etwas gegen Krieg zu machen? Da braucht es Angebote, da braucht es organisierende Kräfte in der Friedensbewegung. Es ist die Aufgabe von SDAJ und DKP, die Frage zu beantworten: Wie kann man diesem deutschen Imperialismus Steine in den Weg legen?

Ich bin gegen Krieg, weil…“ Ein Statement gegen Krieg – bei Festivals, Parties, Aktionen und in der Fußgängerzone hat die SDAJ Jugendlichen die Gelegenheit gegeben, auf einer Kreidetafel für den Frieden Position zu beziehen. Wer sein Gesicht nicht zeigen möchte, findet Masken oder Sonnenbrillen. Ein Foto gegen Krieg.
„Ich bin gegen Krieg, weil Love, Peace und Harmony besser sind“, schreiben die einen auf die Tafel. „Was soll die dumme Frage? Ich bin gegen Krieg, weil die NATO mein Haus kaputtgebomt hat, bevor ich als Flüchtling aus Afghanistan gekommen bin“, antworten die anderen. „Diese Aktionen sind ein Ansatzpunkt für Diskussionen. Sie unterstützen die Leute dabei, ihren eigenen Standpunkt zu formulieren“, sagt Jan Meier, der Vorsitzende der SDAJ. „Dann zeigt sich natürlich, dass auch viele Illusionen da sind – aber so ein Foto ist eine erste Positionierung gegen Krieg.“
Die Fotoaktionen sind ein Bestandteil der SDAJ-Kampagne „Stop Wars – Gemeinsam gegen ihre Kriege“, die der Verband im letzten Jahr zu den Ostermärschen begonnen hat und deren zentralen Abschluss an diesem Wochenende die Demonstration gegen die „Sicherheitskonferenz“ in München bildet. Der Jugendverband wollte bekannter machen, wer die Kräfte sind, die an der deutschen Kriegspolitik profitieren. Und er stellte die Frage: Auf welche Weise können wir junge Menschen dafür gewinnen, selbst gegen Krieg aktiv zu werden?
Bei über 25 Aktionen hat die SDAJ im vergangenen Jahr Kriegstreiber und -profiteure „geoutet“, also öffentlich angegriffen. Mit einer Bildungszeitung „Deutschlands Griff nach der Weltmacht“ haben sich die Mitglieder auf die Aktionen vorbereitet. Rund 50 mal hat der Verband öffentliche Auftritte der Bundeswehr gestört. 1 800 Jugendliche haben die SDAJ-Mitglieder gewonnen, um den Aufruf „Krieg? Nicht in unserem Namen“ zu unterschreiben.
Als die SDAJ-Mitglieder in Essen die Besucher einer Spielemesse darauf hinwiesen, dass dort, wo sie gerade Tüten mit Gesellschaftsspielen hinaustragen, eine Woche zuvor eine Kriegskonferenz der NATO stattgefunden hat, haben die Besucher den SDAJlern nicht immer zugestimmt – „aber da waren Kinnladen, die runtergehen“, erzählt ein Teilnehmer.
Nur wenige Rüstungsgüter, mit denen von der Leyen ihre Truppe ausstattet oder für die das Wirtschaftsministerium den Export genehmigt, werden ohne Kapital der Deutschen Bank produziert. Den Friedensdemo-Sprechchor „An jedem Krieg in jedem Land verdient am Schluss die Deutsche Bank!“ haben die SDAJ-Mitglieder mit Fakten hinterlegt: Drei der „Outings“ klärten über die Rolle der Deutschen Bank auf, in Frankfurt legten sich SDAJler zum „Die In“ vor die Zentrale. In Tübingen wies die SDAJ darauf hin, dass unter der Stadt die Pipeline verläuft, die die NATO-Länder im Krieg mit Treibstoff versorgen soll. Die Nürnberger Gruppe hat den Konzern „Diehl Defence“ als Kriegsprofiteur geoutet, die Kieler SDAJ den Wehrbeauftragten des Bundestages, Hans-Peter Bartels (SPD), als Kriegstreiber. In Jena erklärte die SDAJ, dass das Unternehmen Jenoptik die Technik liefert, die dem Schützen im Leopard-II-Panzer auch bei voller Fahrt genaues Zielen erlaubt. „Wir sagen: Krieg beginnt hier, in den Zen­tralen dieser Konzerne“, sagt Jan Meier. „Warum führt Kapitalismus notwendigerweise zu Krieg? Die Leute denken ja: Krieg ist ein Naturgesetz, den gab es schon immer. Dann kann ich den Krieg schlecht finden, aber nichts dagegen tun. Wir sagen: Krieg hat etwas mit deutschen Wirtschaftsinteressen zu tun. Das ist nicht im Bewusstsein der Menschen, aber das knüpft an ihr Bewusstsein an.“
Wie ist es möglich, so ans Bewusstsein von Jugendlichen anzuknüpfen, dass sie selbst gegen die Kriegspolitik der Bundesregierung aktiv werden? Die SDAJ ging in ihrer Kampagne davon aus, dass die meisten Jugendlichen sich von den üblichen Formen der Friedensbewegung nicht angesprochen fühlen. Die Form, die der Verband in seiner Kampagne entwickelt und erprobt hat, sind die „Offenen Antikriegstreffen“. In gut 20 Städten hat die SDAJ zu „Offenen Antikriegstreffen“ eingeladen. In manchen Städten kamen nur die SDAJ-Mitglieder zu den Treffen. In einigen Städten haben nur wenige Treffen stattgefunden. In anderen Städten sind diese Treffen zu einer mehr oder weniger regelmäßigen Aktivität geworden.
In Essen haben die SDAJ-Mitglieder beim „Grillen gegen Krieg“ im Park, beim Unterschriftensammeln und bei einer Fotoaktion rund 100 Kontakte gesammelt und diese neuen Bekannten zum Offenen Treffen eingeladen – nicht einer ist gekommen. In Kassel hat die SDAJ zum Treffen „SchülerInnen gegen Krieg“ eingeladen. Die meisten derjenigen, die kamen, waren schon vorher in einer SV oder in anderen Zusammenhängen aktiv. In dieser Gruppe war schnell klar: Die Organisationsform der Offenen Treffen reicht nicht – die meisten sind in die SDAJ eingetreten, das Offene Treffen gab es ein paar Monate lang nicht, dann kamen neue Leute zum nächsten Anlauf. In Dortmund ist aus dem Offenen Treffen ein Antikriegscafé geworden, dort treffen sich regelmäßig Jugendliche, um Aktionen zu planen und sich inhaltlich auszutauschen.

Den nächsten Schritt
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Der SDAJ-Bundesvorsitzende Jan Meier über die Erfahrung der Offenen Antikriegstreffen

UZ: Ihr habt viel Kraft in „Offene Antikriegstreffen“ gesteckt. Hat es sich gelohnt?

Jan Meier: Der Schritt vom Bewusstsein: „Ich bin gegen Krieg“ hin zu „ich werde selbst aktiv“ ist für Jugendliche sehr groß. Vor diesem Hintergrund: Der Versuch, die Offenen Treffen zu bilden, hat sich für die Friedensbewegung gelohnt. Das ist viel Arbeit gewesen, in einigen Fällen ist niemand oder nur wenige zu den Treffen gekommen. Aber das Problem ist doch: Der klassische Friedensstammtisch ist nichts, womit wir junge Leute gewinnen. Die Friedensbewegung braucht Angebote, bei denen Jugendliche selbst bestimmen können, was passiert. Und in einigen Orten hat sich gezeigt, dass es gehen kann.

UZ: Was ist nötig, um Jugendliche für Aktivitäten gegen Krieg zu mobilisieren?

Jan Meier: Zuerst einmal die Erkenntnis, dass Krieg nicht irgendwo weit weg einfach so passiert, sondern dass Kriege mit deutschen Unternehmen zu tun haben – und dass sich auch hier etwas gegen diese Kriegsprofiteure unternehmen lässt. Und die Erkenntnis: Krieg ist für mich, meine Mitschüler, meine Kolleginnen, ein echtes Problem – jeder Euro, der in den Militärhaushalt fließt, fehlt für Ausbildung und Arbeit im Öffentlichen Dienst, fehlt an Schulen und Unis, fehlt bei mir.
Auf der einen Seite sind die Leute gerne bereit, bei ganz einfachen Mitmachaktionen dabei zu sein: Ein Foto gegen Krieg, eine Aktion mit planen. Aber wenn man sagt, lass uns was gegen Krieg machen, stellt sich für viele die Frage: Wie geht das eigentlich, etwas gegen Krieg zu machen? Da braucht es Angebote, da braucht es organisierende Kräfte in der Friedensbewegung. Es ist die Aufgabe von SDAJ und DKP, die Frage zu beantworten: Wie kann man diesem deutschen Imperialismus Steine in den Weg legen?


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Leserbrief zu »Von Selfie zu selbst aktiv«, UZ vom 17. Februar 2017





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