Aus dem deutschen Blätterwald

Postfaktische „Landlust“

Von Adi Reiher
|    Ausgabe vom 17. Februar 2017

Das 2005 gegründete Zweimonatsmagazin „Landlust“ verkauft stabil über eine Million Exemplare pro Ausgabe. Damit liegt die Zeitschrift aktuell auf Platz sechs der in Deutschland verkauften Magazine; davor platzieren sich ausschließlich Fernsehzeitungen. Dahinter liegen auch „Spiegel“, „Stern“, „Focus“, „Brigitte“, „Bunte“ usw. Die „Frankfurter Allgemeine“ beschreibt angesichts dessen Gefühle: „Alle Printjournalisten beobachten neidisch den Höhenflug dieser Zeitschrift.“
Andere Zeitungen beließen es nicht bei dieser nachvollziehbaren Haltung, sondern wurden analytisch. „Die Welt“ fand eine „Euterwarme Bullerbü-Idylle“. Die „Süddeutsche“ schrieb verächtlich vom „Wohlfühlmagazin“. Nicht ganz so scharf urteilte der „Stern“, der eine „Suche nach Heimeligem“ ausmachte. Seit Mitte 2016 macht die Milde Sinn. Da kaufte sich Gruner + Jahr, wo auch der „Stern“ erscheint, bei „Landlust“ ein und besitzt dort aktuell 50 Prozent. Andere Verlage hatten schon vorher ähnliche Magazine gegründet, die ebenfalls recht ordentliche Auflagen haben.
Wie das Kirchenjahr folgen diese Magazine den Jahreszeiten. Die neueste „Landlust“ steht ganz im Zeichen des Winters. Das „Winterbuffet“ begleitet den Jahresausklang, gelber Anstrich soll das „Wintergrau“ vertreiben, Bücher sind jetzt „für die Winterzeit“, die Kamine werden fachmännisch – mit Holz natürlich – befeuert und die Seifenblasen gefrieren zu wunderschön anzusehenden Gebilden. Wir befinden uns auch mit dem Rest der Themen ausschließlich im Reproduktionsbereich. Die böse Arbeitswelt, die Unwirtlichkeit der Städte oder gar der Krieg gegen den Terror verschwinden hinter einer deutschen Landidylle, die es so nicht gibt, nie gegeben hat. Sich wenigstens in der engeren Heimat, dem eigenen Heim aus der Realität wegträumen, diese Lebens-Krücke bietet die „Landlust“ – im eigenen Internetshop sogar wortwörtlich. Den Wanderstab zum Selbermachen kann man für 29 Euro erwerben. Den passenden Stock muss man sich allerdings im Wald selbst besorgen, wenn es denn der Oberförster nicht sieht. Solche dreiste Abzocke muss man sich als Kunde leisten können. Die Preise für Stiefelknechte, Rücksäcke, nostalgische Nussknacker und ähnliches sind allesamt gesalzen.
Das Konzept (s. o.) kommt an bei überdurchschnittlich vielen Frauen, Besserverdienern und Eigenheimbesitzern. Die Werbung steigt voll ein und bezahlt überdurchschnittliche Preise an die Blattmacher. Alternativ und idyllisch ist das alles nicht. Die Lebensmittelkonzerne sind dabei, von Massentierhaltung und Pestiziden ist nicht nur in den Anzeigen keine Rede. „Landlust“ war schon postfaktisch, als den Begriff noch niemand kannte.
Ich darf einmal bei der „Zeit“ abschreiben. Dort zitierte der Kollege Ulrich Stock 2011 Gottfried Benn, der 1941 während der im Nationalsozialismus grassierenden Naturbegeisterungswelle über „in der Küche selbstgezogenes Rapsöl, selbstbebrüteten Eierkuchen“ spottete und fand „ein Turnreck im Garten und auf den Höhen Johannisfeuer: das ist der Vollgermane“.


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Leserbrief zu »Postfaktische „Landlust“«, UZ vom 17. Februar 2017





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