Faustpfand al-Raqqa

US-Armee in Syrien
Von Manfred Ziegler
|    Ausgabe vom 17. März 2017

Hunderte US-Soldaten mit gepanzerten Fahrzeugen und schwerem Gerät wurden in der nordsyrischen Stadt Manbidsch stationiert. Manbidsch ist eine kleine Provinzstadt, die damit auf einen Schlag zu einem der Brennpunkte des Krieges wurde. Die Stadt liegt im Norden der Provinz Aleppo, ca. 30 Kilometer vom Euphrat entfernt – und hier agieren die fünf wichtigsten Armeen des syrischen Krieges auf engstem Raum: die syrische und die türkische Armee, die US-Armee und die russische Armee sowie die kurdischen Selbstverteidigungskräfte (SDF).
In Antalya traf sich der Vorsitzende des US-Generalstabs, General Dunford, mit seinen russischen und türkischen Kollegen. Bei diesem ungewöhnlichen Treffen der drei Parteien ging es darum, Maßnahmen und Prozesse zur Deeskalation festzulegen. Das potentielle Pulverfass um Manbidsch sollte entschärft werden, damit die geplante US-Offensive gegen die IS-Hochburg al-Raqqa nicht gefährdet wird. Dunford erklärte, er wolle einen Gesprächskanal, um im Falle einer Krise die Situation unmittelbar mit seinen Gegenübern klären zu können. Eine weitergehende Zusammenarbeit scheint vorerst ausgeschlossen. Der US-Verteidigungsminister hatte erklärt, es werde keine Zusammenarbeit mit Russland geben ohne politische Übereinkunft auf höchster Ebene.
Ebenfalls deeskalierend wirkt ein Verhandlungserfolg russischer Unterhändler. Sie erreichten eine Einigung zwischen kurdischen YPG und der syrischen Armee. Um eine direkte Konfrontation zwischen türkischen und kurdischen Truppen zu vermeiden, überließen die YPG einen Teil ihres Gebietes syrischen Grenztruppen als Pufferzone gegenüber der türkischen Armee. Syrische, russische und kurdische Soldaten feierten diese Übereinkunft. Türkische und US-Soldaten blieben außen vor.
Die Übereinkunft zwischen SDF und syrischer Armee erschwert der Türkei das weitere Vordringen auf syrisches Gebiet und die Antwort der türkischen Armee ließ nicht auf sich warten: Bei einem Feuerüberfall starben syrische Grenzsoldaten, viele wurden verletzt.
Nach wie vor zeigt die Position der kurdischen Kräfte Licht und Schatten. Während die Zusammenarbeit mit der syrischen Armee einen Hoffnungsschimmer für künftige Verhandlungen darstellt, ist die enge Zusammenarbeit der YPG mit der US-Armee und die Stationierung von US-Soldaten in Gebieten unter kurdischer Kontrolle eine Provokation gegenüber der syrischen Regierung.
In Manbidsch zeigen die USA Flagge und wollen sich die Offensive auf al-Raqqa nicht durch Sonderaktionen der Türkei stören lassen. Offiziell ist eine Offensive der kurdischen SDF geplant – aber ohne Unterstützung durch US-Waffen und US-Soldaten wäre sie nicht möglich. Die Haltung der syrischen Regierung dazu ist eindeutig: Alle ausländischen Truppen, die ohne Zustimmung der Regierung in Syrien sind, sind Invasoren und illegal im Lande.
Die Befreiung Aleppos und das schnelle Vorrücken der syrischen Armee bis hin zum Euphrat hat das Kräfteverhältnis weiter zu Gunsten Syriens und seiner Verbündeten verschoben. Militärisch scheint die Niederlage des „Islamischen Staats“ in Syrien und Irak unabwendbar. Umso wichtiger wird es in den kommenden Verhandlungen für die USA sein, über reale Positionen im Lande zu verfügen. Von den fünf Armeen, die sich in Manbidsch gegenüberstehen, benötigen vor allem die türkische und die US-Armee mehr Einfluss.
Die zusätzlichen Hunderte von US-Soldaten – weitere 1 000 stehen womöglich bereit – dienen nicht so sehr dem Kampf gegen IS. Sie sollen mit al-Raqqa ein Faustpfand für weitere Verhandlungen um eine „politische Lösung“ erobern. Bei den Verhandlungen in Astana stehen die USA am Rande und auch bei den Gesprächen in Genf ist ihre Position bisher schwach. Mit der Eroberung von al-Raqqa würde sich das deutlich ändern.


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Leserbrief zu »Faustpfand al-Raqqa«, UZ vom 17. März 2017





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