Alles oder Nichts?

Die strategische Lage Nordkoreas angesichts der Bedrohung durch die USA
Von Klaus Wagener
|    Ausgabe vom 21. April 2017
Die US-Marine, hier ein Flugzeugträger, ist gegen Nordkorea einsatzbereit (Foto: U.S. Navy photo by Mass Communication Seaman Gitte Schirrmacher/Released)
Die US-Marine, hier ein Flugzeugträger, ist gegen Nordkorea einsatzbereit (Foto: U.S. Navy photo by Mass Communication Seaman Gitte Schirrmacher/Released)

„Nordkorea ist auf Ärger aus“, twitterte der US-Präsident am 11. April, „wenn China sich entscheidet zu helfen, wäre das großartig. Wenn nicht, werden wir das Problem ohne es lösen! USA.“ US-Außenminister Rex Tillerson sieht die „strategische Geduld“ der USA mit Nordkorea am Ende und die Option einer militärischen Invasion nicht vom Tisch. Seit Ende 2016 üben US- und südkoreanisches Militärs, etwa 317 000 Soldaten, im größten und längsten jemals gemeinsam abgehaltenen Militärmanöver den Krieg gegen die Koreanische Demokratische Volksrepublik KDVR. Die USA haben mit der Stationierung des Raketenabwehrsystems THAAD (Reichweite 200 km) in Südkorea begonnenen. THAAD dient der Ausschaltung der nordkoreanischen Gegenschlagsfähigkeit bei der Anwendung von Tillersons „Militärischer Option“. Die US-Navy verlegte einen Flottenverband mit dem Flugzeugträger „Carl Vinson“ vor die koreanische Halbinsel. Ebenso wird von der Entsendung von zwei Cruise-Missile-bewaffneten US-Zerstörern und schweren Bombern in der Region berichtet.
Die KDVR ist, von außen betrachtet, ein relativ homogenes, weitgehend abgeschottetes Land. Ein „Regime-Change“, wie in der Ukraine, eine „Bunte Revolution“ ist hier schwer vorstellbar. Daher ist die „Problemlösung“ nur als militärischer Überfall vorstellbar, wie er momentan auch ganz demonstrativ vorbereitet wird. Plausibel wäre ein Luft-Boden-Kriegs-Szenario wie im Krieg gegen Jugoslawien. Eine technologisch und kräftemäßig weit überlegene Luftstreitmacht zerstört die Kommunikationseinrichtungen und die lebenswichtige Infrastruktur. Bleibt die Frage: Was kommt danach? In Jugoslawien gab es das uralte Konzept der Balkanisierung, der Aufspaltung entlang der (reaktivierten) ethnischen Grenzen. Und es gab bereitwillige Kollaborateure. Beides dürfte in der KDVR nicht so einfach aus dem Boden zu stampfen sein. Die zu erwartende US-Strategie dürfte in dem Versuch bestehen, die konterrevolutionäre Beseitigung nichtkapitalistischer Strukturen militärisch von außen zu betreiben. Was letztendlich auch den Einsatz von (südkoreanischen) Bodentruppen erforderte. Gelänge dies, wäre auf der koreanischen Halbinsel ein abhängiges US-Protektorat geschaffen, das – analog der Ukraine in Bezug auf Russland – ein Vorrücken bis unmittelbar an die Grenzen des Konkurrenten China ermöglichen würde.
In dieser Sicht ensteht für die Führung in Pjöngjang eine Alles-oder-Nichts-Perspektive. Es gibt darin keinen Deal für Kim Jong-un. Die „Problemlösung“ des Pentagon sieht keine Weiterexistenz des nordkoreanischen Sozialismusversuchs vor. Bereits im Koreakrieg stand der Einsatz von US-Atombomben zur Disposition. Auch wenn Oberbefehlshaber Douglas McArthur es später abstritt. Wie in Viet­nam scheute sich das Imperium auch hier nicht, für seinen Fuß in der ostasiatischen Tür Millionen Menschen zu opfern.
Nach dem Untergang der Sowjetunion betrieb Pjöngjang mit Blick auf seine strategische Lage ganz offen ein ambitioniertes Kernwaffenprogramm. Die dahinterstehende Doktrin hieß: Der einzige Schutz gegen Angriffe des Imperiums sind eigene Kernwaffen. Das galt schon für die SU und für die VR China, es sollte auch für die KDVR gelten. Genau das steht mit der gegenwärtigen US-Konfrontation allerdings in Frage. Denn auf der Ebene der atomaren Strategie kommt es natürlich nicht nur auf die vorhandenen Sprengköpfe, sondern wesentlich auf die verfügbaren Trägermittel an. Bislang, so wird vermutet, ist die KDVR nicht in der Lage US-Territorium zu bedrohen (Japan, Südkorea aber schon). Das könnte sich mit der Entwicklung einer Interkontinentalrakete ändern. Es würde die Kalte-Kriegs-Logik „Wer zuerst schießt, stirbt als Zweiter“ wieder auferstehen lassen. Die Frage für Pjöngjang ist, ob ein Beidrehen in der Raketenfrage tatsächlich eine Auflösung oder zumindest ein Zurückschrauben der eigenen Bedrohungslage herbeiführen würde, oder ob man sich freiwillig eines Faustpfandes begäbe. Täte man es, wäre die zu immensen Kosten betriebene Verteidigungsstrategie der letzten 20 Jahre gescheitert. Angesichts der aggressiv-irrationalen Vorgehensweise des US-Imperiums in den letzten 26 Jahren ist das keine einfache Entscheidung.


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Leserbrief zu »Alles oder Nichts?«, UZ vom 21. April 2017





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