Keine Ruhe im „Land der Morgenstille“

Die Koreanische Volksdemokratische Republik kämpft mit inneren und äußeren Problemen
Von Kenny Coyle
|    Ausgabe vom 19. Mai 2017
Kriegsflüchtlinge 1951: Koreanisches Mädchen mit seinem Bruder (Foto: [url=https://commons.wikimedia.org/wiki/File:KoreanWarRefugeeWithBaby.jpg?]Maj. R.V. Spencer, US Navy[/url])
Kriegsflüchtlinge 1951: Koreanisches Mädchen mit seinem Bruder (Foto: Maj. R.V. Spencer, US Navy / Lizenz: Public Domain)

Ein vergessener Krieg
Bis heute gibt es keinen Friedensvertrag für die beiden Koreas

Ein dicklicher junger Mann nimmt in großer Pose eine Militärparade ab, eine Rakete steigt auf und stürzt ins Meer, eine Nachrichtensprecherin schnattert aufgeregt Unverständliches – das sind die Bilder von Nordkorea, die uns das TV ins Haus liefert. Fremd ist das und damit ein bisschen schaurig und auch komisch, wie alles was man nicht versteht. Es geht um Nordkorea. Andersrum geht’s auch, die Nordkoreaner könnten Haar- und Barttracht von Martin Schulz komisch finden oder mit einem Bild von Marietta Slomka, der ZDF-Domina mit dem hypnotischen Durchhalteblick, ihre Kinder erschrecken. So ein Gedankenspiel hilft gegen die Herrenmenschenmentalität, die viele Mitteleuropäer unterbewusst herumschleppen und die hochkommt, wenn es um die „Unterentwickelten“ in Russland, Asien, Afrika geht.
Die Politik der Führung Nordkoreas lässt sich nicht von den historischen Erfahrungen trennen, die das koreanische Volk im 20. Jahrhundert gemacht hat. Da sind vor allem die 45-jährige Besetzung durch Japan, die Teilung der Halbinsel nach dem Zweiten Weltkrieg und besonders der verheerende Krieg mit den USA von 1950–1953, der nicht in einem Frieden, sondern in einem Waffenstillstand endete.
Einen Tag vor dem Ende des Krieges gegen Japan verfügte der Oberbefehlshaber der US-Streitkräfte in Asien, General Douglas MacArthur, dass die Regierungsgewalt auf dem Territorium Koreas südlich des 38. Breitengrades unter seiner Oberaufsicht auszuüben sei. Die USA errichteten eine Militärregierung und schoben mit Syngman Rhee eine Marionette in den Vordergrund, deren Hauptqualifikation blutrünstiger Antikommunismus war. Er stützte sich auf die besitzenden Schichten, deren Angehörige größtenteils mit den Japanern kollaboriert hatten. Im April 1948 ließ er einen Aufstand von Fischern und Bauern auf der Insel Jeju niederschlagen, vermutlich 60 000 Inselbewohner wurden ermordet,zum Teil unter Verantwortung von US-Offizieren.
Nördlich des 38. Breitengrades übernahmen – im Süden Ende 1945 verbotene – Volkskomitees die Verwaltung. In ihnen hatte die 1946 gegründete Kommunistische Partei Koreas großen Einfluss, da ihrem Führer, Kim Il-Sung, der schon seit den dreißiger Jahren als Partisan gegen die japanischen Okkupanten gekämpft hatte, auch nationalistische Kräfte große Achtung entgegenbrachten. Durch die Verbesserung der Versorgung, Entmachtung der Quislinge der Japaner und Aufteilung von Großgrundbesitz an kleine Bauern, auch durch die Gleichstellung der Frauen und andere Maßnahmen erlangte die Partei schnell das Vertrauen des Volkes.
Als Syngman Rhee im August 1948 die Republik Südkorea ausrief, antwortete der Norden im September mit der Gründung der Koreanischen Demokratischen Volksrepublik. Beide Teile erhoben den Anspruch, für ganz Korea zu sprechen. Vom Süden ausgehend, kam es zu ständigen militärischen Provokationen, und als Syngman Rhee im Mai 1950 im Süden eine Wahlniederlage erlitt, schien ihm die Zeit für den Krieg gekommen: Am 25. Juni besetzten südkoreanische Truppen die Stadt Haeju im Norden. Der Gegenschlag kam schnell und gewaltig: Nur sechs Wochen brauchte die Armee der KDVR, dann stand sie – vor allem im ländlichen Raum oft als Befreier begrüßt – schon weit im Süden. Einzig die Hafenstadt Pusan war noch in der Hand der südkoreanischen Armee.
Aber Syngman Rhees Rechnung, dass die USA ihn stützen würden, ging auf. Die USA nutzten die Situation, dass die Veto-Macht UdSSR den UN-Sicherheitsrat wegen Nichtberücksichtigung der Volksrepublik China boykottierte, und setzten in einer Dringlichkeitssitzung die Resolution 85 durch, die ihnen die Handhabe bot, unter der Maske der Vereinten Nationen in den Konflikt einzugreifen. Nur Jugoslawien stimmte gegen die Resolution. Den US-Präsidenten Harry S. Truman benannte der Rumpf-Sicherheitsrat zum Verantwortlichen für die Durchführung des Beschlusses. Unter dem Kommando MacArthurs begann eine barbarisch geführte Gegenoffensive mit Napalm-Flächenbombardements, die nordkoreanische Armee wurde bis fast zur chinesischen Grenze zurückgeworfen. Millionen Menschen wurden untergepflügt.
Im Oktober griff die chinesische Volksbefreiungsarmee ein, da MacArthur verkündet hatte, er wolle die Atombombe gegen „Rotchina“ einsetzen. Die „UN-Truppen“ und ihre Marionetten mussten sich bis zum 38. Breitengrad zurückziehen. Hier entwickelte sich ein zäher Stellungskrieg, der sich noch bis in den Sommer 1953 hinzog. Währenddessen gingen die Luftangriffe auf den Norden weiter: Pjöngjang wurde zu 75 Prozent zerstört, die Städte Sariwon und Sinanju zu 95 und 100 Prozent. Dämme und Deiche wurden bombardiert, um Überschwemmungen hervorzurufen. Immerhin konnte dank der inzwischen von der Sowjetunion gelieferten MIG15-Jäger, die den US-amerikanischen F-86 überlegen waren, den Bombern etwas entgegengesetzt werden.
In „The United States Air Force in Korea 1950–1953“, der offiziellen Geschichte des Luftkriegs in Korea, wird eine Gesamtzahl von über einer Million Einsätzen der „UN“-Luftwaffe angegeben, bei denen 698 000 Tonnen Bomben abgeworfen worden seien, davon 32 557 Tonnen Napalm. General Curtis LeMay, der die Bombardierungen befehligte, schrieb in seinen Memoiren: „Wir haben fast jede Stadt, gleich ob in Nord- oder Südkorea, niedergebrannt … Wir haben über eine Million Zivilisten getötet und mehrere Millionen vertrieben mit den unvermeidlichen tragischen Folgen.“
Im Sommer 1953 wurde endlich, gegen den Willen Syng­man Rhees, ein Waffenstillstand abgeschlossen. Nach Schätzungen kamen ca. 3 Millionen Zivilpersonen in diesem Krieg um. 300 000 bis 400 000 nordkoreanische und 200 000 bis 300 000 südkoreanische Soldaten fielen, dazu 150 000 bis 200 000 Soldaten der chinesischen Armee. Die USA verloren 37 000 Mann. Einen Friedensvertrag gibt es bis heute nicht. Faktisch sind die beiden Staaten auf der Halbinsel also noch immer im Kriegszustand. Und die US-Truppen sind nie abgezogen. 27 Basen mit 28000 Mann unterhält die US-Armee bis heute in Südkorea, die mit ständigen Manövern die KDVR provozieren.

Manfred Idler

Korea hat bis zur Niederlage Japans im August 1945 35 Jahre lang unter japanischer Besatzung gelitten. Die koreanische Revolution entstand aus der Niederlage Japans und der gleichzeitigen Ankunft sowjetischer Streitkräfte im Norden und US-Militärs im Süden der Halbinsel. Über die Teilung Koreas am 38. Breitengrad hatten die USA schon einen Tag vor Ende des Krieges entschieden.
Überall im Land entstanden spontan Komitees, die den japanischen Kolonialisten und ihren koreanischen Kollaborateuren die Regierungsgewalt entwanden. An diesen Volkskomitees beteiligten sich sowohl nationalrevolutionäre als auch kommunistische Kräfte, getragen wurden sie jedoch durch die örtliche Bevölkerung.
Im Süden wurden Syngman Rhee, einem konservativen Akademiker, der die meiste Zeit seines Lebens in den Vereinigten Staaten gelebt hatte, nach und nach von den USA die führenden politischen Positionen zugeschanzt. Im Norden kehrten Zehntausende Koreaner aus China und der Sowjetunion zurück. Viele hatten in den Reihen der chinesischen Volksbefreiungsarmee oder der sowjetischen Armee gedient, oft in überwiegend koreanischen Einheiten. So auch der künftige Gründer der KVDR und Führer der Arbeiterpartei Koreas, Kim Il-Sung.
Während die Volkskomitees im Süden unterdrückt und Linke und radikale Nationalisten verhaftet und ermordet wurden, wurde im Norden die Macht der Grundbesitzer und Kollaborateure Japans gebrochen. Da große Güter und Industriebetriebe fast ausschließlich im Besitz der verhassten japanischen Kolonialisten oder Kollaborateure gewesen waren, wurde die radikale Landreform und die Verstaatlichung der Industrie friedlich und mit großer Unterstützung durch das Volk durchgeführt. Das Gegenbild der KDVR war Syngman Rhees Republik Korea (Südkorea), wo den Kollaborateuren keine Rechnung aufgemacht wurde. In kurzer Zeit füllten sie wieder die Vorstandsetagen und Kasernen.
Der Koreakrieg (1950–1953) entstand als Bürgerkrieg, als Kampf zweier konkurrierender Entwürfe zur Gestaltung der Zukunft Koreas: der eine mit dem Ziel, die alte Ordnung zu restaurieren, die andere, ein System der Volksmacht zu erkämpfen.
Nach den kaum mehr messbaren materiellen und menschlichen Verlusten Nordkoreas im Krieg wurde die schnelle Erholung in den 1950er und 1960er Jahren als Wunder angesehen. In den 1970er Jahren berichteten Besucher der KDVR von einem Land, das den meisten anderen asiatischen Ländern in der wirtschaftlichen Entwicklung voraus war.
Der südkoreanische Ökonom Hwang Eui-Gak errechnete, dass das nordkoreanische Bruttoinlandsprodukt im Jahr 1953, nach Kriegsende, geringfügig niedriger war als das Südkoreas. 1960 war es doppelt so hoch und stieg bis 1965 auf das 2,5-Fache. Erst 1976 erreichte Südkorea das Niveau des Nordens, hat aber seither und vor allem seit den 1990ern einen riesigen Vorsprung erlangt. Die Wirtschaft der KDVR stagniert seither auf dem Niveau der frühen 80er Jahre.
Daraus ergeben sich einige Fragen: Liegt das Zurückbleiben der KDVR an dem System staatlicher Planung, am Gemeineigentum an Produktionsmitteln oder an der herrschenden Ideologie? In all diesen Bereichen unterscheidet sich die KDVR nicht grundlegend von der der 70er Jahre. Was ist heute anders? Warum konnte die KDVR trotz der Wirtschaftskatastrophe den „Zusammenbruch des Sozialismus“ in Europa überleben? Warum ist die KDVR nicht dem Weg radikalen Umbaus der Wirtschaft gefolgt, den andere sozialistische Länder Asiens einschlugen?

Nahrungsmittelkrise
Die Hungersnot, die die KDVR in den späten 1990er Jahren heimsuchte, gilt oft als Beleg dafür, dass der Sozialismus nicht funktioniert, dass kollektive Landwirtschaft nicht genügend Produktivitätsanreize bietet und dass der Mangel an Markt das Wachstum begrenzt. Noch bis in die Neunzigerjahre forderte Nordkoreas Wirtschaft selbst den Gegnern Achtung ab. Was ist schief gelaufen?
Trotz der offiziellen Politik der Selbstständigkeit, die in der Dschudsche-Ideologie (auch Chuch’e-, Juche-, koreanische „Weiterentwicklung des Marxismus-Leninismus“) gründet, war die Unterstützung aus der Sowjetunion ein wesentlicher Wirtschaftsfaktor für die Volksrepublik. Schätzungen zufolge wurden noch 1988 60 Prozent des Außenhandels der DVRK mit der UdSSR abgewickelt. Die Kosten der Importe von sowjetischer Kohle und Öl lagen weit unter dem Weltmarktpreis. Die Sowjetunion erlaubte der KDVR, massive Handelsdefizite anzusammeln und einen Teil ihrer Schulden abzuschreiben.
Ein Großteil Nordkoreas ist zu gebirgig, um landwirtschaftliche Nutzung zu erlauben, nur ein sehr kleiner Teil des Landes ist für den Lebensmittelanbau geeignet.  Die Landwirtschaft der KDVR ist also auf einen hohen Mechanisierungsgrad angewiesen, auf Traktoren, Lastkraftwagen und hochwertige Düngemittel, elektrische Systeme zur Be- und Entwässerung. Der Kollaps der Sowjetunion 1991 und der Entzug der Wirtschaftshilfe in Verbindung mit einer Reihe verheerender Naturkatastrophen stürzten die KDVR in eine schwere Krise.
Nordkorea besaß im Vergleich zu anderen Entwicklungsländern eine hochmoderne Landwirtschaft, in den 1970er Jahren waren die sorgfältig terrassierten Felder zum Stolz des Landes geworden. Aber dieser Stolz gründete auf der rücksichtslosen Ausbeutung auch für die Landwirtschaft ungeeigneter Flächen und energieintensivem Anbau.
1990 wurde für Nordkorea ein Bedarf von 140 000 Tonnen Treibstoff für seine landwirtschaftlichen Fahrzeuge geschätzt. Aber Ende der 1990er Jahre hatte das Land nur etwa 25 000 Tonnen jährlich zur Verfügung. So war die Hungersnot nicht nur eine Krise der Landwirtschaft, sondern zum Teil auch das Ergebnis von Kraftstoffmangel.
Der Zeitraum, in dem die Krise sich zur Katastrophe auswuchs, waren die Jahre 1995 bis 1997. Die Überschwemmungen von 1995 vernichteten fast ein Drittel der Ernte und zerstörten 55 Prozent des nutzbaren Ackerlandes, ebenso die meisten Getreidespeicher.
Tausende Kilometer Straßen und Bahnstrecken, hunderte Bewässerungsanlagen, Dämme und Brücken wurden zerstört. Im folgenden Jahr wurde das Ackerland wieder urbar gemacht, aber die Dürre von 1997 verwüstete das Land erneut. Das Ergebnis war eine Hungersnot, der mehrere hunderttausend Menschen zum Opfer fielen. Die KDVR hat ihre Nahrungsmittelproduktionskapazität noch nicht wiederhergestellt und ihre Anfälligkeit für künftige Hungersnöte wurde von ihren Feinden zynisch genutzt: Nahrungsmittelhilfe wurde verwendet, um Nordkorea zu unter Druck zu setzen.

Nationalismus und Personenkult
Die japanischen Kolonialisten hatten versucht, dem koreanischen Volk gewaltsam die japanische Kultur aufzuzwingen. Koreaner wurden gezwungen, Japanisch zu lernen und japanische Namen und Rituale zu übernehmen. Wer sich widersetzte, dem drohte die Todesstrafe. Das Verständnis dieses Nationalstolzes und auch der Empörung über Demütigungen, die das koreanische Volk erlitten hat, ist für das Verständnis des Verhaltens der heutigen KDVR von wesentlicher Bedeutung.
Während der 1960er und 1970er Jahre entzog sich die Arbeiterpartei Koreas dem Einfluss der KPdSU ebenso wie dem der KP Chinas. Anfangs wurde die Dschudsche-Theorie als kreative Anwendung des Marxismus-Leninismus auf koreanische Bedingungen präsentiert. Aber vor allem seit dem Zusammenbruch der UdSSR wird Dschudsche als eine eigenständige Theorie bezeichnet, die dem Marxismus-Leninismus sogar überlegen sei. Seither wird auch die Rolle des Staatsgründers Kim Il-Sung, seines Sohnes Kim Jong-Il und nun auch seines Enkels Kim Jong-Un ins Übermenschliche überzeichnet.
In vielen der nach dem Zweiten Weltkrieg unabhängig gewordenen Staaten wurden die Staatsgründer als „Väter der Nation“ verklärt, die Übergabe von Machtpositionen an enge Verwandte ist ebenfalls kein Einzelfall. Politische Clans kennt man auch im Westen, man denke an die Bushs, die Kennedys oder die Clintons. Die KDVR stellt also in dieser Hinsicht keinen Einzelfall dar. Allerdings hat die Praxis, die führenden politischen Positionen vom Vater an den Sohn weiterzugeben, keine Grundlage in der marxistischen Theorie. Sie spiegelt eher das Überleben traditioneller, vom Konfuzianismus beeinflusster koreanischer Werte wider, wo die Verehrung der Eltern als Pflicht und Tugend gilt. Solche Werte leben auch noch in der südkoreanischen Gesellschaft, aber die KDVR hat den „Familienkult“ zum politischen Programm gebracht. Eine solche Position ist unvereinbar mit den Prinzipien des demokratischen Zentralismus und der kollektiven Führung sowie dem wissenschaftlichen Sozialismus.
Kein Zusammenbruch in Sicht
Es gibt Herausforderungen und Chancen für die KDVR. Mit China hat das Land einen ihm wohlgesonnenen Nachbarn mit florierender Wirtschaft. Dennoch ist der Handel zwischen den beiden Ländern immer noch relativ niedrig. Der Frieden auf der Halbinsel würde es der KDVR ermöglichen, die Verteidigungsausgaben (mindestens 16 Prozent ihres Budgets) zu senken und mehr in die Infrastruktur und die Landwirtschaft zu investieren. Die KDVR hat im Vergleich zu vielen anderen asiatischen Ländern eine qualifizierte und gebildete Bevölkerung. Entspannung im Verhältnis zur Republik Korea im Süden könnte Handelsmöglichkeiten verbessern. Eine Sonderwirtschaftszone an der Grenze bei Kaesong existiert bereits seit dem Jahr 2000. Wenn die Partner sicher vor Wirtschaftssanktionen sein könnten, wären hier weit höhere Investitionen zu erwarten.
Knapp gesagt, die Vorhersagen vom bevorstehenden Zusammenbruch der KDVR, die seit 20 Jahren zu hören sind, gehen an der Sache vorbei. Die KDVR hat nicht nur das Potenzial zu überleben, sondern auch wieder voranzukommen. Doch hat das Land viel an Boden verloren, während andere aufholten und überholten. Ob die koreanische Führung die Flexibilität und Weitsicht der kubanischen haben wird, die in den 1990er Jahren vor einer in mancher Hinsicht ähnlichen ökonomischen Katastrophe stand, bleibt abzuwarten.


Aus: Asia: Imperialism & Resistance“ von Kenny Coyle,
herausgegeben von der Kommunistischen Partei Britanniens.
Übersetzung und redaktionelle Bearbeitung: Manfred Idler

Ein vergessener Krieg
Bis heute gibt es keinen Friedensvertrag für die beiden Koreas

Ein dicklicher junger Mann nimmt in großer Pose eine Militärparade ab, eine Rakete steigt auf und stürzt ins Meer, eine Nachrichtensprecherin schnattert aufgeregt Unverständliches – das sind die Bilder von Nordkorea, die uns das TV ins Haus liefert. Fremd ist das und damit ein bisschen schaurig und auch komisch, wie alles was man nicht versteht. Es geht um Nordkorea. Andersrum geht’s auch, die Nordkoreaner könnten Haar- und Barttracht von Martin Schulz komisch finden oder mit einem Bild von Marietta Slomka, der ZDF-Domina mit dem hypnotischen Durchhalteblick, ihre Kinder erschrecken. So ein Gedankenspiel hilft gegen die Herrenmenschenmentalität, die viele Mitteleuropäer unterbewusst herumschleppen und die hochkommt, wenn es um die „Unterentwickelten“ in Russland, Asien, Afrika geht.
Die Politik der Führung Nordkoreas lässt sich nicht von den historischen Erfahrungen trennen, die das koreanische Volk im 20. Jahrhundert gemacht hat. Da sind vor allem die 45-jährige Besetzung durch Japan, die Teilung der Halbinsel nach dem Zweiten Weltkrieg und besonders der verheerende Krieg mit den USA von 1950–1953, der nicht in einem Frieden, sondern in einem Waffenstillstand endete.
Einen Tag vor dem Ende des Krieges gegen Japan verfügte der Oberbefehlshaber der US-Streitkräfte in Asien, General Douglas MacArthur, dass die Regierungsgewalt auf dem Territorium Koreas südlich des 38. Breitengrades unter seiner Oberaufsicht auszuüben sei. Die USA errichteten eine Militärregierung und schoben mit Syngman Rhee eine Marionette in den Vordergrund, deren Hauptqualifikation blutrünstiger Antikommunismus war. Er stützte sich auf die besitzenden Schichten, deren Angehörige größtenteils mit den Japanern kollaboriert hatten. Im April 1948 ließ er einen Aufstand von Fischern und Bauern auf der Insel Jeju niederschlagen, vermutlich 60 000 Inselbewohner wurden ermordet,zum Teil unter Verantwortung von US-Offizieren.
Nördlich des 38. Breitengrades übernahmen – im Süden Ende 1945 verbotene – Volkskomitees die Verwaltung. In ihnen hatte die 1946 gegründete Kommunistische Partei Koreas großen Einfluss, da ihrem Führer, Kim Il-Sung, der schon seit den dreißiger Jahren als Partisan gegen die japanischen Okkupanten gekämpft hatte, auch nationalistische Kräfte große Achtung entgegenbrachten. Durch die Verbesserung der Versorgung, Entmachtung der Quislinge der Japaner und Aufteilung von Großgrundbesitz an kleine Bauern, auch durch die Gleichstellung der Frauen und andere Maßnahmen erlangte die Partei schnell das Vertrauen des Volkes.
Als Syngman Rhee im August 1948 die Republik Südkorea ausrief, antwortete der Norden im September mit der Gründung der Koreanischen Demokratischen Volksrepublik. Beide Teile erhoben den Anspruch, für ganz Korea zu sprechen. Vom Süden ausgehend, kam es zu ständigen militärischen Provokationen, und als Syngman Rhee im Mai 1950 im Süden eine Wahlniederlage erlitt, schien ihm die Zeit für den Krieg gekommen: Am 25. Juni besetzten südkoreanische Truppen die Stadt Haeju im Norden. Der Gegenschlag kam schnell und gewaltig: Nur sechs Wochen brauchte die Armee der KDVR, dann stand sie – vor allem im ländlichen Raum oft als Befreier begrüßt – schon weit im Süden. Einzig die Hafenstadt Pusan war noch in der Hand der südkoreanischen Armee.
Aber Syngman Rhees Rechnung, dass die USA ihn stützen würden, ging auf. Die USA nutzten die Situation, dass die Veto-Macht UdSSR den UN-Sicherheitsrat wegen Nichtberücksichtigung der Volksrepublik China boykottierte, und setzten in einer Dringlichkeitssitzung die Resolution 85 durch, die ihnen die Handhabe bot, unter der Maske der Vereinten Nationen in den Konflikt einzugreifen. Nur Jugoslawien stimmte gegen die Resolution. Den US-Präsidenten Harry S. Truman benannte der Rumpf-Sicherheitsrat zum Verantwortlichen für die Durchführung des Beschlusses. Unter dem Kommando MacArthurs begann eine barbarisch geführte Gegenoffensive mit Napalm-Flächenbombardements, die nordkoreanische Armee wurde bis fast zur chinesischen Grenze zurückgeworfen. Millionen Menschen wurden untergepflügt.
Im Oktober griff die chinesische Volksbefreiungsarmee ein, da MacArthur verkündet hatte, er wolle die Atombombe gegen „Rotchina“ einsetzen. Die „UN-Truppen“ und ihre Marionetten mussten sich bis zum 38. Breitengrad zurückziehen. Hier entwickelte sich ein zäher Stellungskrieg, der sich noch bis in den Sommer 1953 hinzog. Währenddessen gingen die Luftangriffe auf den Norden weiter: Pjöngjang wurde zu 75 Prozent zerstört, die Städte Sariwon und Sinanju zu 95 und 100 Prozent. Dämme und Deiche wurden bombardiert, um Überschwemmungen hervorzurufen. Immerhin konnte dank der inzwischen von der Sowjetunion gelieferten MIG15-Jäger, die den US-amerikanischen F-86 überlegen waren, den Bombern etwas entgegengesetzt werden.
In „The United States Air Force in Korea 1950–1953“, der offiziellen Geschichte des Luftkriegs in Korea, wird eine Gesamtzahl von über einer Million Einsätzen der „UN“-Luftwaffe angegeben, bei denen 698 000 Tonnen Bomben abgeworfen worden seien, davon 32 557 Tonnen Napalm. General Curtis LeMay, der die Bombardierungen befehligte, schrieb in seinen Memoiren: „Wir haben fast jede Stadt, gleich ob in Nord- oder Südkorea, niedergebrannt … Wir haben über eine Million Zivilisten getötet und mehrere Millionen vertrieben mit den unvermeidlichen tragischen Folgen.“
Im Sommer 1953 wurde endlich, gegen den Willen Syng­man Rhees, ein Waffenstillstand abgeschlossen. Nach Schätzungen kamen ca. 3 Millionen Zivilpersonen in diesem Krieg um. 300 000 bis 400 000 nordkoreanische und 200 000 bis 300 000 südkoreanische Soldaten fielen, dazu 150 000 bis 200 000 Soldaten der chinesischen Armee. Die USA verloren 37 000 Mann. Einen Friedensvertrag gibt es bis heute nicht. Faktisch sind die beiden Staaten auf der Halbinsel also noch immer im Kriegszustand. Und die US-Truppen sind nie abgezogen. 27 Basen mit 28000 Mann unterhält die US-Armee bis heute in Südkorea, die mit ständigen Manövern die KDVR provozieren.

Manfred Idler


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An die UZ-Redaktion (redaktion@unsere-zeit.de):

Leserbrief zu »Keine Ruhe im „Land der Morgenstille“«, UZ vom 19. Mai 2017





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