Verkehrskollaps

Manfred Idler zum transatlantischen Krach
|    Ausgabe vom 2. Juni 2017

Seit dem 20. Januar ist schon Stau auf der Atlantikbrücke, als wär‘s die A 52. Seit Sonntag aber ächzt und wankt das von den Qualitätsmedien penibel gepflegte Bauwerk, stabil seit Adenauers Tagen, bedenklich. Die Belastung ist zu hoch, seit Donald Trump mit bedenkenlosen, unberechenbaren Spurwechseln alle anerkannten Verkehrsregeln bricht.
Beim Brüsseler Nato-Gipfel der vergangenen Woche hatte der US-Präsident wieder gemeckert, 23 der 28 Mitgliedstaaten, vor allem aber Deutschland, gäben zu wenig für die gemeinsame „Verteidigung“ aus, seien „dem amerikanischen Steuerzahler Geld schuldig“. Sein Tweet „Sehr schlecht für die USA. Das wird sich ändern“ ist ein Verstoß gegen die ungeschriebene Regel, nach außen Geschlossenheit zu demonstrieren. In der internationalen Presse war danach von einem „Scherbenhaufen“ die Rede. Und die rüde Geste, mit der er beim Fototermin den montenegrinischen Premier Markovic wegschubste, um den Platz an der Seite von Nato-Generalsekretär Jens Stoltenberg zu erobern, unterstrich noch einmal seinen Anspruch auf die Rolle des Oberpavians in der Herde.
Mit dem G7-Treffen in Taormina auf Sizilien war‘s dann endgültig zu viel. Erst noch einmal Auseinandersetzungen um die Höhe der Rüstungsausgaben. Dann der seit dem US-Wahlkampf wiederholte Vorwurf, Deutschlands Handelspraktiken seien „unfair“. Und obendrauf die Ablehnung des Pariser Klimaabkommens. Laut Spiegel äußerte sich ein europäischer Diplomat undiplomatisch. „Der hat uns einfach den Stinkefinger gezeigt.“ Das gemeinsame Kommuniqué war denn auch gerade mal sechs Seiten stark
Wie oft wurde Angela Merkel schon das Klischee der schwäbischen Hausfrau angepappt – nun zeigt sie, dass sie nicht nur über die dieser zugeschriebenen Eigenschaften verfügt, reinlich und sparsam zu sein, sondern auch zänkisch. Den Umgang mit dicken Männern ohne Manieren ist sie von den bajuwarischen Kreuzundquerköpfen aus der Schwester-Union gewohnt und macht Trump jetzt die Kehrwoche. „Die Zeiten, in denen wir uns auf andere verlassen konnten, die sind ein Stück vorbei. Das habe ich in den letzten Tagen erlebt“, tönte sie ungewohnt temperamentvoll am Sonntag in einem gefüllten Münchner Bierzelt. Und unverblümt meldet sie Führungsanspruch an: Europa – immer gemeint: die deutsch dominierte Europäische Union – müsse sein Schicksal jetzt selbst in die Hand nehmen. Sigmar Gabriel trompetet als fleischgewordene Marginalie hinterher: „Der Westen“ sei „kleiner geworden, mindestens ist er schwächer geworden“. Er konstatiert gar den „Ausfall der Vereinigten Staaten als wichtige Nation“. Das wird kaum abgeschwächt, wenn der Regierungssprecher hinterherseibert, die deutsch-amerikanischen Beziehungen blieben „ein fester Pfeiler unserer Außenpolitik“ und natürlich halte man auch nach dem G7-Gipfel an engen Beziehungen zu den USA fest.
„Ende einer Ära“, wie die New York Times einen US-Ex-Diplomaten zitiert. Auf jeden Fall ein „enormer Wandel in der politischen Rhetorik“, wie die Washington Post schreibt. Würde „der Westen“ durch das Zerwürfnis geschwächt, könnte das nur gut sein für die Welt. Aber wenn‘s darauf hinausläuft, dass die Welt am deutschen Wesen genesen soll, ist zu befürchten, dass alles in Scherben fällt.


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Leserbrief zu »Verkehrskollaps«, UZ vom 2. Juni 2017





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