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Kohl und der „vergessene“ Gorbatschow

Willi Gerns zum „Einheitskanzler“
|    Ausgabe vom 7. Juli 2017

Wenn man die überschwänglichen Würdigungen Helmut Kohls als „Kanzler der Einheit“ in den deutschen Medien liest, reibt man sich verwundert die Augen darüber, dass nirgendwo der Name jenes Politikers auftaucht, ohne den es den Anschluss der sozialistischen DDR an die imperialistische BRD nicht gegeben hätte. Es geht um Michail Gorbatschow, den seinerzeitigen Generalsekretär der KPdSU und Präsidenten der UdSSR. Schließlich hätte im Unterschied zu ihm keiner seiner Vorgänger als mächtigster Politiker der Sowjetunion zugelassen, dass die DDR, der westlichste Vorposten des Verteidigungsbündnisses der Warschauer Vertragsstaaten, der BRD und damit der NATO angegliedert worden wäre. Hat die Geschichte doch gezeigt, dass dies nicht weniger bedeutete als den Anfang vom Ende der Warschauer-Vertrags-Organisation und letztlich auch deren Führungsmacht, der UdSSR selbst, sowie die Öffnung des Weges dahin, dass heute erneut deutsche Soldaten und Panzer an der russischen Grenze stehen.
Im heutigen Russland besteht das Ergebnis der damaligen Handlungen Gorbatschows darin, dass dieser (von den Oligarchen und der prowestlichen Opposition abgesehen) für die überwältigende Mehrheit der Bevölkerung heute zu den am meisten verachteten und gehassten Politikern der russischen Geschichte gehört. Und wie steht es heute um Gorbatschows Popularität bei den deutschen Politikern und Medien, die ihn in den neunziger Jahren zusammen mit Kohl als „Star der deutschen Einheit“ gefeiert haben? Offenbar ist der Star (engl. Stern) Gorbatschow schon nach einem Vierteljahrhundert verglüht und im Dunkel des Vergessens verschwunden, wie die Trauerfeierlichkeiten um Kohl zeigen.
Gorbatschow wohlgesonnene Philanthropen mögen das bedauern und sich mit dem Sprichwort trösten: „Undank ist der Welt Lohn!“ Da ich zu dieser Spezies Mensch nicht gehöre, stelle ich mit einem anderen, abgewandelten Sprichwort fest: „Imperialistische Politiker und Medien lieben zwar den Verrat, wenn dieser ihren egoistischen Klasseninteressen dient, aber den Verräter lieben sie nur so lange wie er gebraucht wird.“ Wenn er seine Judasfunktion erfüllt hat, entledigen sie sich seiner auf dem Müllhaufen der Geschichte.


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Leserbrief zu »Kohl und der „vergessene“ Gorbatschow«, UZ vom 7. Juli 2017





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