Geplatzte Träume

Manfred Ziegler zum Kampf um Douma
|    Ausgabe vom 13. April 2018

Das Ziel der syrischen Armee sei die größtmögliche Zerstörung, so ‚Adopt a Revolution‘ zum Vorgehen der Armee in Ghouta“, meldete die Bildzeitung. Auf einer Demonstration von Adopt in Berlin hieß es Ende Februar noch: „Das ist längst kein Kampf mehr gegen radikale islamistische Rebellengruppen, sondern ein Massaker an der Zivilbevölkerung der Ghouta …“
Christine Buchholz sprach auf dem Ostermarsch davon, dass „das Assad-Regime zusammen mit seinen russischen Verbündeten die östlichen Vororte von Damaskus in Schutt und Asche“ lege. Und die TAZ weiß: „Jeder, der sich dem Checkpoint nähert, wird erschossen.“
140 000 Flüchtlinge wurden an den Checkpoints – nicht erschossen. Als die Zivilisten aus Ghouta zu zehntausenden in die Auffanglager der Regierung flohen, läutete es das Ende der Dschihadisten in Ghouta ein.
Militärisch in einer aussichtslosen Situation, blieb den Dschihadisten in Ghouta nur der Abzug in die Gebiete unter der Patronage der Türkei. Gruppe um Gruppe einigten sich die Dschihadisten in Ghouta mit der Armee auf freien Abzug. Den Ortschaften und Städten blieb das Schlimmste erspart. Das Leben kehrt zurück.
Noch blieb Douma, die größte Stadt in Ghouta. Hier herrschte die Dschaisch al-Islam, die sich lange Zeit einer Übereinkunft verweigerte. Sie hatte militärisch keine Chance gegen die syrische Armee – aber sie hat Hunderte Geiseln in ihrer Hand und hoffte, damit die Verhandlungen dominieren zu können.
Es kam zu einer Einigung. Die Geiseln sollten freigelassen werden, die Kämpfer und ihre Familien sollten nach Dscharablus abziehen. Das Abkommen war unterzeichnet, in Kraft und wurde bereits umgesetzt. Erste Gruppen von Kämpfern mit ihren Familien waren auf dem Weg nach Dscharablus – als die Machtverhältnisse in Douma sich änderten. Ein anderer Flügel der Dschaisch al-Islam übernahm die Kontrolle und kündigte das Abkommen auf.
Die reaktionärsten Kräfte unter Kontrolle Saudi-Arabiens begnügten sich nicht damit das Abkommen auszusetzen. Sie griffen mit Granaten und Raketen Wohnviertel in Damaskus an. Nach dieser Aufkündigung des Waffenstillstands griff die syrische Luftwaffe Ziele in Douma an, Spezialeinheiten rückten auf die Stadt zu. Die Flüchtlinge hatten nicht nur ihr Leben gerettet, sie brachten auch wichtige Informationen. Über Nacht überrannte die syrische Armee wichtige Verteidigungsanlagen der Dschihadisten, die Dschaisch al-Islam bat um einen Waffenstillstand und übernahm doch das ursprüngliche Verhandlungsergebnis. Eine Gruppe von Geiseln wurde schon in der Nacht zum Montag freigelassen.
Nach dem ersten Angriff der Armee zerfielen die Traumgebilde der Dschihadisten zu Staub. Wir müssen wohl fürchten, dass die Traumgebilde von Adopt, Christine Buchholz und anderen nicht so schnell zerfallen.
Das Ziel der syrischen Armee war nicht die größtmögliche Zerstörung oder gar ein Massaker an Zivilisten, sondern die Islamisten zu vertreiben. Sobald sie Douma verlassen haben, wird der Wiederaufbau beginnen.
Die Dschaisch al-Islam hatte wohl auf das Eingreifen höherer Mächte gehofft. Und damit meinten sie nicht Allah, sondern das Weiße Haus. Sie hatte nicht nur darauf gehofft, sondern das Ihre dafür getan.
Kaum begannen die Angriffe der syrischen Luftwaffe, schon erklang wieder das Mantra vom „Einsatz chemischer Waffen“. Bis das Mantra Eingang in die internationalen Medien fand, war die Schlacht schon geschlagen. Aber die Zeitbombe tickt. Zwei Sitzungen des UN-Sicherheitsrates sind für Montag geplant, Trump drohte an, der vorgebliche Chemiewaffenangriff würde Assad teuer zu stehen kommen. Die Drohung gilt Putin mindestens so sehr wie Assad.
Gefahr droht somit nur noch von den USA und Saudi-Arabien, die ihre erneute Niederlage womöglich nicht einfach hinnehmen wollen.


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Leserbrief zu »Geplatzte Träume«, UZ vom 13. April 2018





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