Kultursplitter

Von Herbert Becker
|    Ausgabe vom 20. April 2018

Erfolg entschuldigt alles
Der alljährliche Skandal, mit dem der Musikpreis „Echo“ es schafft, ein bisschen Aufregung zu verursachen. Ohne so was wäre eine Trophäe, die von Branchenangestellten unter den Augen von Branchenangestellten an Branchenangestellte verliehen wird, von mäßigem Interesse. Wesentliches Kriterium des Ausrichters Bundesverband Musikindustrie sind Verkaufszahlen. In diesem Jahr waren es nun die Rapper Kollegah und Farid Bang, die für den Skandal sorgten. Ihr Album „Jung, brutal, gutaussehend 3“ war nominiert worden – obwohl Textzeilen als antisemitisch kritisiert worden waren. Die Dumpfbacken sonderten Sprüche ab wie „Mein Körper definierter als von Auschwitzinsassen“ und „Mache wieder mal ’nen Holocaust, komm‘ an mit dem Molotow“. Zu fragen ist, warum so was überhaupt nominiert wird und dann sogar einen Preis abräumt. Der Verband meinte im Vorfeld, die künstlerische Freiheit sei in dem Text „nicht so wesentlich übertreten“. Kapitalistische Logik: Was Erfolg hat und Profit bringt, kann ja nicht falsch sein. Pflichtschuldig gab es bei der Preisverleihung Buhrufe und Pfiffe, der unvermeidliche Campino gab ein Statement ab, das war es dann auch schon. Weitere Reaktionen von Musikerkollegen sind nicht zu finden, verständlich, denn wer beißt schon die Hand, die einen füttert?
Abgang ohne Freude
Soll man sich freuen über die Nachricht, dass der Eventmanager Chris Decron, der trotz heftiger Proteste die Intendanz der Berliner Volksbühne übernahm, nun zurücktritt? Er hatte mit Sponsoring von BMW oder Mercedes in Höhe von 125 Millionen Euro gerechnet, es kam aber nur knapp ein Zehntel der Summe ein. Gastspiele sollten Geld in die Kasse spülen, die geplanten 750 000 Euro kamen überhaupt nicht ein. Der Besucherrückgang ist deutlich spürbar, was zu weitaus geringeren Einnahmen führt. Die Auslastung des Theaters liegt bei unter 50 Prozent. Zum Vergleich: 2016 erreichte die Volksbühne eine Auslastung von 78 Prozent. Bereits klar war auch, dass es zu weniger Vorstellungen kommen würde als unter Decrons Vorgänger Frank Castorf. Die Berliner Kulturpolitik unter Senator Lederer, der Decrons Ernennung nicht verhinderte, steht nun vor einem Scherbenhaufen, denn die finanzielle Schieflage kann das endgültige Aus für die Volksbühne nach sich ziehen. Vielleicht war das auch von langer Hand geplant oder zumindest in Kauf genommen. Das Theater hatte im politischen Berlin schon lange keinen guten Ruf, nun soll eine Kommission ihre Arbeit aufnehmen, ideal, um sich aus der Verantwortung zu stehlen.
Abschied mit Respekt
Daniel Chavarría, einer der bekanntesten und wichtigsten Vertreter des Kriminalromans in Kuba, geboren 1933 in San José, Uruguay, ist jetzt im Alter von 85 Jahren in Havanna gestorben. 1969 verließ er seine Heimat, politisch verfolgt, und ging nach Kuba. Er nannte sich selbst „Ich bin ein uruguayischer Bürger und ein kubanischer Autor.“ Sein erster Roman brachte ihm sofort hohe Aufmerksamkeit, der Spionage-Krimi „Joy“, auf Deutsch erschien der Roman in der DDR im Verlag Neues Leben unter dem Titel „Operation Joy“, im Jahr 1984. Er selbst hatte keine große Meinung, was Krimis angeht: „90 Prozent der Kriminalromane in aller Welt sind Mist, nur ein ganz geringer Teil wie die Romane von Simenon, Hammet oder Chandler ist gute Literatur.“ Dennoch schrieb er weiter in diesem Genre, auf Deutsch konnte man in den nächsten 25 Jahren noch weitere Krimis lesen, leider sind alle nicht mehr lieferbar. Seine Interessen gingen weit darüber hinaus, so als er seine eigentliche Profession als Uni-Dozent für Latein, Griechisch und klassische Literatur nutzt und sich ins Griechenland des 5. Jahrhunderts begibt und die Machtverhältnisse aus der Perspektive der Sklaven und Armen beschreibt. Ob sich ein Verlag finden wird, der diesen Schriftsteller wieder bekannt macht?


  Leserbrief schreiben

An die UZ-Redaktion (redaktion@unsere-zeit.de):

Leserbrief zu »Kultursplitter«, UZ vom 20. April 2018





Wir bitten darum, uns kurze Leserzuschriften zuzusenden. Sie sollten unter der Länge von 1800 Zeichen bleiben. Die Redaktion behält sich außerdem vor, Leserbriefe zu kürzen und kann nicht versprechen, dass jeder Leserbrief beantwortet oder veröffentlicht wird. Anonyme Leserzuschriften werden in der Regel nicht veröffentlicht.