Nichts ist vergessen

25 Jahre nach dem Brandanschlag in Solingen
Von Walter Herbster
|    Ausgabe vom 18. Mai 2018

Vor 25 Jahren, am 29. Mai 1993, fackelte eine Handvoll rassistisch aufgehetzter Jugendlicher das Haus Untere-Werner-Straße 81 in Solingen ab. Fünf Frauen und Mädchen mit türkischer Zuwanderungsgeschichte kamen uns Leben. Vorangegangen war eine Welle von Anti-Ausländer-Hetze rechter und konservativer Kreise. Das Boot sei voll, war ihre Botschaft. „Bild“ schlagzeilte „Fast jede Minute ein neuer Asylant – Die Flut steigt …!“ Das kam an. Ab dem 17.9.1991 wurden in Hoyerswerda sieben Tage lang rassistisch motivierte Übergriffe gegen ein Flüchtlingswohnheim und die Unterbringung vietnamesischer VertragsarbeiterInnen geduldet. Das Haus ging in Flammen auf. Neonazis feierten nach dessen Evakuierung Hoyerswerda als erste „ausländerfreie Stadt“. Dies war das Fanal zu einer Anschlagswelle. Zwischen 1991 und 1993 wurden mehr als 4 700 rechte Übergriffe und Anschläge gezählt. Es folgten Rostock-Lichtenhagen, Mölln und dann Solingen. Heute wissen wir, dass die Saat der damaligen Hetzer aufgegangen ist. Rassismus ist längst alltäglich geworden und hat viele Gesichter. Spätestens seit den NSU-Morden wissen wir auch, dass Behörden, namentlich der „Verfassungsschutz“, in vielfacher Weise mit rassistischen Morden in Verbindung stehen. So ist über V-Leute viel Geld in die Strukturen der rechten Szene geflossen. Versuche zur Aufklärung der Untaten der NSU-Terroristen wurden in den Ämtern durch Vernichtung von wichtigen Beweismittel behindert.
Jetzt, 25 Jahre nach den Morden, rüstet sich Solingen für eine Vielzahl von Aktionen und Veranstaltungen. Dazu hat sich um den „Solinger Appell“ ein großes überregionales Aktionsbündnis gebildet, an dem auch die VVN-BdA beteiligt ist. Am Mittwoch, den 23. Mai, wird es im Theater-und-Konzert-Haus eine Gedenkveranstaltung dieses Bündnisses geben, u. a. mit Mitwirkenden aus Mölln, aus Köln von der Initiative „Keupstraße ist überall“, mit dem Rechtsanwalt Rolf Gössner und anderen. Veranstalter ist der Türkische Volksverein Solingen.
Am Samstag, den 26. Mai wird es eine große überregionale Demonstration mit Musik und vielen RednerInnen gebn. Die VVN-BdA Solingen veranstaltet am Abend des 26. Mai ein Konzert unter dem Motto „Rassismus bekämpfen – das Leben feiern“ mit dem sizilianischen Sänger Pippo Pollina und dem Kabarettisten Wilfried Schmickler.
Am Jahrestag selbst, am Dienstag, den 29. Mai, wird, getragen von der Bezirksschülervertretung und dem Jugendstadtrat, ein Sternmarsch der Schülerinnen und Schüler.
Die Partei „Die Linke“ lädt für Freitag, den 25. Mai ein zu einer Veranstaltung mit Petra Pau, Vizepräsidentin des Bundestages. Sie wird auch an der Demonstration am 26. teilnehmen.
Schon vorher, am Samstag, den 19. Mai, veranstaltet die Solinger Antifa ein Konzert „Love music – hate fascism!“ mit lokalen Bands und Kutlu (Microphone Mafia), Pablo (Irie Revolté), Chaoze One.
Die Stadt Solingen selbst ehrt die Opfer der Morde von 1993 mit einer Gedenkveranstaltung, zu der sich jetzt auch der türkische Außenminister angesagt hat. Die Aktiven sind sich weitgehend einig, dass er in Solingen unerwünscht ist, wollen aber die städtische Veranstaltungen, an der er teilnimmt, aus Respekt gegenüber der betroffenen Familie Genc nicht stören.
In Solingen hat sich als Folge des Brandanschlags ein waches und aktives antirassistisches Klima herausgebildet, das weit über die Szene der ohnehin antirassistisch Aktiven hinausgeht. Die VVN-BdA Solingen, die DKP und SDAJ Solingen sind natürlich dabei.


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