Warnungen vor dem Atomkrieg während des Kalten Krieges – Utopische Literatur in der DDR (Teil 2)

Auch auf deine Tat kommt es an

Bis in die Mitte der 1950er Jahre erschienen in der jungen DDR nur wenige utopische Romane, aber eine Reihe von Erzählungen, anfangs meist technisch-utopische Darstellungen oder phantastische Kriminalgeschichten, nur einige wenige Weltraumabenteuer. Diese Erzählungen, vor allem für Kinder und Jugendliche geschrieben, wurden unter anderem in den Reihen „Das neue Abenteuer“, „Berliner Lesebogen“, „Jugend und Technik“ sowie der Zeitschrift „Neues Leben“, herausgegeben vom Zentralrat der FDJ, veröffentlicht. Erst in der zweiten Hälfte der 1950er Jahre, vor allem nach dem Start von „Sputnik 1“ am 4. Oktober 1957, nahm nicht nur die Zahl der Autorinnen und Autoren und Veröffentlichungen deutlich zu, sondern auch die Themenbreite. Zwischen 1949 und 1990 erschienen insgesamt etwa 250 utopische Bücher von DDR-Autorinnen und -Autoren.

Bis 1955 kamen jedoch zunächst vor allem Übersetzungen aus dem Russischen in die Buchläden, wie die bereits in den 1920er Jahren entstandenen Bücher von Wladimir Obrutschew „Plutonien“ sowie „Das Sannikowland“, 1952 der technisch-utopische Roman „Heiße Erde“ von Fjodor Kandyba, Erzählungen von Wladimir Nemzow, aber auch, 1954, „Der Planet des Todes“ des polnischen Autors Stanislaw Lem. Angesichts der in jener Zeit im Kalten Krieg wachsenden Atomkriegsgefahr wurde die Romanhandlung als Warnung vor der möglichen Selbstvernichtung der Menschheit aufgenommen. Das Buch wurde einige Jahre später von der DEFA verfilmt und kam als erster utopischer Film der DDR unter dem Titel „Der schweigende Stern“ in die Kinos. Ende der 1950er Jahre erschien in der DDR erstmals Iwan Jefremows „Das Mädchen aus dem All“ in gekürzter Fassung. Jefremow versuchte darin, eine künftige kommunistische Gesellschaft mit den Mitteln der wissenschaftlichen Phantastik beziehungsweise Science Fiction (SF) umfassend zu beschreiben.
Zu den wenigen utopischen Büchern, die von DDR-Autoren bis einschließlich 1955 erschienen, gehörten H. L. Fahlbergs (Hans Werner Frickes) „Ein Stern verrät den Täter“, ein utopischer Kriminalroman, Eberhard del Antonios „Gigantum“ und Heinz Viewegs „Ultrasymet bleibt geheim“. In „Gigantum“ geht es, im geeinten sozialistischen Deutschland von 1990, um die Erfindung eines Supertreibstoffs und die Schwierigkeiten bei dessen Produktion und praktischer Nutzanwendung. Viewegs „Ultrasymet bleibt geheim“ führt dagegen nach Algerien. In der Sahara werden dort violette Kristalle gefunden, ein Rohstoff für Ultrasymet, das dem handelsüblichen Stahl um ein Vielfaches überlegen ist – und damit natürlich kapitalistische Konzerne herausfordert, die ihre Spione und Saboteure entsenden. In der Wüste Algeriens soll ein Werk zur Herstellung von Ultrasymet aus den Kristallen aufgebaut werden. Trotz Sabotage und anderem gelingt das auch. In beiden Büchern geht es um die Überlegenheit des Sozialismus über die kapitalistische Welt, bei Vieweg „im Kleinen“, um die direkte Konfrontation mit dem politischen und ökonomischen Gegner – ein Thema, das auch in Erzählungen jener Zeit, aber dann auch in späteren DDR-SF-Romanen, vor allem in den 1960er Jahren, wiederkehrte, nun allerdings in der Regel im Zusammenhang mit Weltraumabenteuern. Zunächst in Eberhard del Antonios „Titanus“ (1959).

In „Titanus“ startet eine Forschungsexpedition des sozialistischen Staatenbundes auf der Erde in den Weltraum und landet auf dem bewohnten Planeten „Titanus“, auf dem noch Ausbeutung existiert und es Klassenauseinandersetzungen gibt. Auf dem Planeten „Titanus II“ existiert dagegen, wie die Menschen von der Erde erst allmählich erfahren, eine fortgeschrittene sozialistische beziehungsweise kommunistische Gesellschaft. Die Herrschenden auf „Titanus“ planen einen Raketenangriff – und sorgen für den eigenen Untergang: Ihr Planet wird durch die eigenen Atomwaffen zerstört. Die irdische Raumschiffbesatzung kann sich auf „Titanus II“ retten. Die Geschichte hat Schwächen, lebt von Vereinfachungen. Aber del Antonio wollte mit seiner Geschichte vor allem vor der größten Bedrohung der damaligen Zeit, vor einem möglichen Atomkrieg warnen. In seinem Nachwort schrieb er: „Die Menschheit steht an einem Scheideweg (…)

Jeder, der in der Zukunft, der für die Zukunft arbeitet, jeder, der das Leben liebt, und jeder, der mit fürsorglicher Hand das Gedeihen seiner Kinder behütet, ist aufgerufen, seine Stimme gegen die wahnwitzigen Atomkriegspläne der Imperialisten zu erheben. (…)

Auch auf Deine Tat kommt es an!“.

Über die Autorin

Nina Hager (Jahrgang 1950), Prof. Dr., ist Wissenschaftsphilosophin und Journalistin

Hager studierte von 1969 bis 1973 Physik an der Humboldt-Universität in Berlin. Nach dem Abschluss als Diplom-Physikerin wechselte sie in das Zentralinstitut für Philosophie der Akademie der Wissenschaften der DDR und arbeite bis zur Schließung des Institutes Ende 1991 im Bereich philosophische Fragen der Wissenschaftsentwicklung. Sie promovierte 1976 und verteidigte ihre Habilitationsschrift im Jahr 1987. 1989 wurde sie zur Professorin ernannt. Von 1996 bis 2006 arbeitete sie in der Erwachsenenbildung, von 2006 bis 2016 im Parteivorstand der DKP sowie für die UZ, deren Chefredakteurin Hager von 2012 bis 2016 war.

Nina Hager trat 1968 in die SED, 1992 in die DKP ein, war seit 1996 Mitglied des Parteivorstandes und von 2000 bis 2015 stellvertretende Vorsitzende der DKP.

Hager ist Mitherausgeberin, Redaktionsmitglied und Autorin der Marxistischen Blätter, Mitglied der Marx-Engels-Stiftung und Mitglied der Leibniz-Sozietät der Wissenschaften zu Berlin.

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"Auch auf deine Tat kommt es an", UZ vom 30. Juli 2021



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