Interview

„Die Energie auf der Solibaustelle hat mich fasziniert“

Das Gespräch führte Lars Mörking
|    Ausgabe vom 3. Juli 2015

UZ: Ihr seid mit „Axt und Kelle“ auf Wanderschaft, was ist das für eine Organisation?

Simmel: Wir sind eine Vereinigung von Gesellinnen und Gesellen und unterstützen häufiger soziale und politische Projekte. Dieses Jahr machen wir die Sommerbaustelle in Hamburg, unterstützen die „Rote Flora“.

Samo: „Axt und Kelle“ ist eine GesellenInnenvereinigung, ein Schacht, wie wir das nennen. Es ist einer von sieben Schächten, die momentan unterwegs sind. Wir sind vor allem HandwerkerInnen aus dem Bauhaupt- und -nebengewerbe, D. h. wir sind vor allem Zimmerfrauen und -männer, TischlerInnen, Steinmetze, dann ist auch ein Stuckateur dabei und eine Schneiderin.
Unser Schacht feiert dieses Jahr seinen 33. Geburtstag, ist also 1982 von WandergesellInnen gegründet worden, die die Wanderschaft öffnen wollten, vor allem für Frauen. Aber es ging auch darum, aus den alten, konservativen Strukturen auszubrechen, wo die „Alten Herren“ das Sagen haben. Sie wollten sich selbst organisieren, ein eigenes Verständnis von Wanderschaft realisieren.

UZ: Wie unterscheidet sich euer Verständnis von dem der traditionellen Wanderschaft?

„Samo“ und „Simmel“ (Straßennamen) sind derzeit mit „Axt und Kelle“ auf Wanderschaft

„Samo“ und „Simmel“ (Straßennamen) sind derzeit mit „Axt und Kelle“ auf Wanderschaft

( UZ/Lars Mörking)

Simmel: Dabei geht es schon um das traditionelle Reisen, nur dass die „Reisenden“ das Sagen haben, also entscheidungsbefugt sind. In den traditionellen Schächten hat jedes Mitglied eine Stimme, dementsprechend haben die Alten, die zu Hause sind, die Mehrheit und das Sagen.

Samo: Wichtig ist für „Axt und Kelle“ sich einzusetzen in der Welt, das Know-How, die eigenen Kompetenzen zu nutzen, um für eine bessere Welt zu wirken, Leute zu unterstützen, Projekte zu unterstützen, politisch Farbe zu bekennen und nicht einfach alles unkommentiert an sich vorbeiziehen zu lassen. Die traditionellen Schächte legen Wert darauf, sich unpolitisch zu geben, um nicht den Argwohn anderer auf sich zu ziehen. Das wird mit dem Prinzip begründet, dass ein Ort immer so verlassen werden soll, dass jeder andere Wandergeselle willkommen geheißen wird – da wird politische Positionierung kritisch gesehen, weil ja auch Leute nicht mit dem einverstanden sein können, was Du vertrittst. Also geht es eher darum, Land und Leute kennenzulernen als die Welt zu verbessern.
„Axt und Kelle“ geht davon aus, dass man nicht passiv bleibt und beobachtet, sondern bei Themen wie z. B. Atomkraft oder Rassismus eine Verantwortung hat und haben muss, dass man sich dem also gar nicht entziehen kann.

UZ: Wie seid ihr zu „Axt und Kelle“ gekommen?

Simmel: Ich habe in einem Betrieb gelernt, dessen vier Chefs alle auf Wanderschaft waren und alle sind mit „Axt und Kelle“ gereist und bin dann auch noch von einer frei reisenden Töpferin darauf hingewiesen worden, dass das etwas für mich sein könnte.

Samo: Mich hat damals die Solibaustelle – das war vor drei, vier Jahren eine Baustelle in Frankreich – total fasziniert. Eine sehr romantische Baustelle in der Bretagne, eine kleine Mühle, wo ein neues Dach draufgesetzt wurde, überall lag Holz, überall waren witzige WandergesellInnen, die eine gute und schöne Arbeit gemacht haben. Die Energie auf der Baustelle – das war das Faszinierende. Da haben 30 Leute innerhalb von zwei Wochen eine so aufwendige Baustelle gemeistert, und das dann noch halbwegs koordiniert, dabei waren alle lässig, freundlich und ja, die Stimmung war einfach klasse.
Und ich dachte nur: Wenn das Reisen bedeutet bei „Axt und Kelle“, dann hätte ich da große Lust drauf. Und dieses Prinzip der Solibaustellen, das ist schon ein wichtiger Bestandteil von „Axt und Kelle“.

UZ: Ihr habt gesagt, dieses Jahr arbeitet ihr auf der Solibaustelle für die „Rote Flora“ in Hamburg. Wie seid ihr auf dieses Projekt gekommen?

Simmel: Die „Rote Flora“ hat sich bei uns beworben, wir haben darüber abgestimmt und uns für dieses Projekt entschieden. Auch weil es dort viele kleine, überschaubare Baustellen gibt mit einer Reihe von verschiedenen Aufgaben. In der „Roten Flora“ ist ja in letzter Zeit viel passiert, und trotzdem bleibt noch genug Arbeit für uns: Mit Stuck haben wir wahrscheinlich was zu tun, wir bauen die VoKü aus, es gibt einen Wintergarten, Fachwerk, Deckenbalken, dann Tischlerarbeiten wie die Treppe, und so weiter.

UZ: Was sind die Kriterien für so eine Projektvergabe? Sind vor allem fachliche oder politische Kriterien?

Samo: Ein politischer Anspruch muss nicht unbedingt vorhanden sein. Wichtig ist, dass es ein funktionierendes Projekt ist. Das Eigentum am Projekt muss in gemeinschaftlicher Hand sein, also Vereinsstrukturen oder Genossenschaft – also das Gelände oder Gebäude darf nicht in Privateigentum sein. Es muss einfach unterstützenswert sein. Es gibt ja viele Vereine, aber wir würden jetzt nicht für einen Schützenverein irgendwas ausbauen, sondern es muss schon um die Verbesserung der Welt gehen, ein gemeinnütziges Projekt; Leute die versuchen, etwas auf die Beine zu stellen.

UZ: Sind euch die Projekte, die sich bei euch bewerben, einfach bekannt oder stellen sie sich bei euch vor?

Simmel: Die stellen ihr Projekt und ihre Baustelle bei uns vor.

UZ: Wie häufig macht ihr diese Projekt-Baustellen?

Simmel: Einmal im Jahr. Letzten Sommer haben wir in Frankreich ein politisches Projekt im Zentralmassiv unterstützt. Dort haben wir ein „sale de fete“ gebaut aus Eiche, ein Fachwerkhaus mit Dachstuhl drauf, angelehnt an einen Kirchendachstuhl aus dem 14. Jahrhundert. So was macht man sonst einfach nicht mehr, wenn überhaupt, dann auf Wanderschaft – wir waren dort mit 30 Gesellinnen und Gesellen.

UZ: Wie seht ihr eure Zukunft im Handwerk? Gibt es gute Arbeit auf Baustellen?

Simmel: Ich möchte mich gerne selbstständig machen und mit anderen, die es ähnlich handhaben, schöne Baustellen machen. Im Idealfall mit einem etwas anderen Konzept, als das bisher hauptsächlich gefahren wird. Es gibt ja momentan Baustoffe, die ein wesentlich schöneres Raumklima herstellen, wenn es jetzt um Häuser geht und die auch entspannt entsorgt werden können. Diese Baustoffe gibt es, sie werden aber kaum verwendet, denn es ist immer noch günstiger, z. B. Glaswolle zu verwenden oder Styropor – ist auch so ein Klassiker.
An sich ist das Baugewerbe ein total schönes Gewerbe und ich habe da auch Spaß daran, aber man muss die richtigen Materialien wählen und die auch anpreisen bei den Kunden.

Samo: Ich glaube nicht, dass ich mein ganzes Leben im Handwerk tätig sein werde. Ich bin aus Leidenschaft Handwerker und handwerke sehr gern, vor allem im kleinen Rahmen und mit netten Leuten. Ich kann mir auch vorstellen, den Rest meines Lebens schöne Projekte zu realisieren, aber damit auf Dauer mein Geld zu verdienen, das hinterfrage ich ein bisschen. Ich komme nicht damit überein, den Rest meines Lebens Ressourcen zu verpulvern für Leute, die immer noch mehr haben wollen. Ich will mehr in Richtung Soziales gehen, mit Menschen arbeiten.

UZ: Ihr wart ja auch auf dem „Festival der Jugend“ der SDAJ in Köln. Wie war es da?

Simmel: Ich fands klasse, ich war auch schon vorher einmal da. Das gibt viel Kraft, wenn man so viele Jugendliche sieht, die sich dafür begeistern können, etwas in der Welt zu verbessern und mit anzupacken. Nicht einfach nur zu reden, sondern sich auch zu organisieren.

Samo: Mir geht es auch so. Ich war zum ersten Mal da, hatte vorher auch gar nichts groß mit der SDAJ zu tun, nur indirekt über Simmel, der mich eingeladen hatte. Ich war fasziniert von diesen vielen jungen Leuten, die sich sehr ernsthaft und trotzdem entspannt organisieren. Gerade als Arbeiter und Handwerker – das ist ja nicht so weit von uns weg. Bei mir war das nicht so, als ich aus der Schule kam – ich bin mit 25 zwar immer noch jung – aber als ich aus der Schule kam habe ich nicht daran gedacht, mich für die Arbeiterklasse einzusetzen.


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Leserbrief zu Artikel »„Die Energie auf der Solibaustelle hat mich fasziniert“«, UZ vom 3. Juli 2015





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