Schöne Aussichten

Kolumne von Georg Fülberth
|    Ausgabe vom 7. August 2015

Georg Fülberth

Georg Fülberth

Die Bundesrepublik, überlegen u. a. durch Arbeitsproduktivität, überschwemmt die Märkte mit ihren Waren. Wer nicht bezahlen kann, nimmt Kredite auf. Griechenland brauchte nach seinem Beitritt zur Euro-Zone 2001 niedrigere Zinsen zu zahlen als vorher, denn seine Gläubiger mussten nun nicht mehr fürchten, dass ihre Darlehen durch Abwertung der Drachme entwertet würden. Also wurden dem Land Waren und Kredite aufgedrängt. Gewiss hatten neben den Spekulanten und Importeuren auch kleine Leute etwas davon. Als die Blase 2007/2008 platzte, mussten Banken, die sich verzockt hatten, ihre Außenstände teils abschreiben, teils wurden diese von den Öffentlichen Händen der Europäischen Union übernommen. Die versuchen sich dadurch schadlos zu halten, dass sie Griechenland ein Sparprogramm nach dem anderen aufzwingen. Das trifft die wirtschaftlich Schwachen und lässt die Arbeitslosigkeit steigen, vor allem unter Jugendlichen.

Syriza trat mit dem Ziel an, diesen üblen Kurs zu beenden, und errang am 25. Januar 2015 einen großen Sieg. Die „Institutionen“ der EU zeigten sich davon nur mäßig beeindruckt. Um Griechenlands Verhandlungsposition zu verbessern, bat Ministerpräsident Tsipras seine Landsleute um Unterstützung in einer Volksabstimmung, und sie stellten sich tatsächlich mit großer Mehrheit hinter ihn. Auch das juckte Schäuble, Merkel, Juncker und die Scharfmacher in den baltischen Staaten nicht. Angesichts der vorderhand unverrückbaren Machtverhältnisse musste Tsipras kapitulieren. Umfragen scheinen zu bestätigen, dass die Griechinnen und Griechen die Situation für ebenso alternativlos halten wie er und ihn deshalb weiterhin mehrheitlich unterstützen.

Man sagt, dies sei eine schwere Niederlage der Linken. Mag sein. Wichtiger ist: Die hauptsächlichen Opfer sind die Mittel- und die Unterschicht in Griechenland, egal zu welcher politischen Richtung ihre Mitglieder gehören. Anpassung und Widerstand scheinen ihnen gleich wenig zu nützen. Denkbar ist allenfalls, dass die Erpresser-Institutionen kein Interesse daran haben, Tsipras völlig zugrunde zu richten. Ihnen könnte an einem stabilen Parteiensystem mit Syriza und Nea Dimokratia, das ihre Ansprüche im Inneren umsetzt, gelegen sein. Dies geht aber auf lange Sicht wohl doch nur dadurch, dass der Strick um den Hals des Landes etwas gelockert wird, etwa irgendwann durch einen offenen oder verdeckten Schuldenschnitt.


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Leserbrief zu Artikel »Schöne Aussichten«, UZ vom 7. August 2015





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