Kiewer Gedenken

Geschichtspolitiker fälscht Nazi-Kollaborateure zu Freiheitskämpfern um
Aus www.german-foreign-policy.com
|    Ausgabe vom 13. Mai 2016

Zum 71. Jahrestag der Befreiung Europas von der NS-Terrorherrschaft streitet der ranghöchste Geschichtspolitiker der prowestlich gewendeten Ukraine die NS-Kollaboration der führenden ukrainischen Nationalistenvereinigungen und ihre Beteiligung am Holocaust ab. Die US-Zeitschrift „Foreign Policy“ hatte zuvor den zunehmenden Geschichtsrevisionismus in der Ukraine kritisiert.

Wolodomir Wjatrowitsch ist Leiter des „Ukrainischen Instituts für Nationales Gedenken“ und damit eine zentrale Gestalt der Kiewer Geschichtspolitik. Er war nur wenige Wochen nach dem prowestlichen Umsturz von 2014 auf diesen Posten berufen worden. Zuvor hatte er bereits in der Amtszeit des prowestlichen Präsidenten Wiktor Juschtschenko eine wichtige Rolle gespielt.

„Foreign Policy“ schätzt ein, dass er unter anderem daran beteiligt war, die Geschichtsbücher für ukrainische Schulen neu zu erstellen. Diese Schulbücher stellen die OUN (Organisation Ukrainischer Nationalisten), deren Anführer Stepan Bandera und die UPA (Ukrainische Aufstandsarmee) positiv als „Kämpfer für die ukrainische Unabhängigkeit“ dar. Die OUN war der bedeutendste Zusammenschluss der ukrainischen NS-Kollaboration; sie und die ihr nahestehende UPA beteiligten sich am Massenmord an den Jüdinnen und Juden auf dem Gebiet der Sowjetunion und massakrierten – mit dem Ziel, eine „ethnisch reine“ Ukraine zu erkämpfen – weit über 90 000 Polinnen und Polen.

Schon 2006 hatte Wjatrowitsch ein Buch über „Die Haltung der OUN gegenüber den Juden“ publiziert. In diesem Buch versuchte Wjatrowitsch, die ukrai­nische NS-Kollaboration vom Vorwurf des Antisemitismus reinzuwaschen. In seinen Publikationen haben andere Historiker ihm dabei Fälschungen nachgewiesen: So habe er Wörter, Sätze oder ganze Passagen aus den Quellen ausgelassen, die OUN oder UPA belasteten.

Dass die Kiewer Geschichtspolitik von Geschichtsrevisionisten gestaltet wird, hat sich in der Vergangenheit deutlich gezeigt: Die Regierung erklärte den 14. Oktober zum „Tag des Verteidigers der Ukraine“; am 14. Oktober gedenkt die ukrainische Rechte traditionell der Gründung der UPA. Im April 2015 stufte das Parlament zudem OUN und UPA offiziell als „Kämpfer für die ukrainische Unabhängigkeit“ ein; seitdem ist es nicht mehr zulässig, die „Legitimität“ ihres „Kampfes für die Unabhängigkeit der Ukraine“ abzustreiten. Im Juni 2015 hat das Bildungsministerium eine Direktive erlassen, in der Schullehrer aufgefordert werden, „den Patriotismus und die hohe Moral der Aktivisten der Befreiungsbewegung zu betonen“; dazu gehöre auch, die UPA als ein „Symbol für Patriotismus und Opfergeist“ zu ehren und OUN-Führer Stepan Bandera als „herausragenden Repräsentanten“ der ukrainischen Bevölkerung hochzuhalten.

„Die neuen Schulbücher stellen Bandera
als Kämpfer für die Unabhängigkeit dar.“

Scharfe Kritik kommt nun von der renommierten US-Zeitschrift „Foreign Policy“. Wjatrowitschs Bestrebungen, „die moderne Geschichte des Landes neu zu zeichnen, um die Verstrickung ukrai­nischer Nationalistenorganisationen in den Holocaust und in massenhafte ethnische Säuberungen an Polen während des Zweiten Weltkriegs weißzuwaschen“, zeitigten Erfolg, resümiert das Blatt. Mehr noch: Wissenschaftler fürchteten inzwischen „Vergeltung“, sollten sie der offiziellen Linie in Sachen OUN und UPA nicht folgen. Unter Wjatrowitschs Einfluss „könnte das Land auf eine neue und erschreckende Ära der Zensur hinsteuern“, schreibt der Autor, der darauf verweist, dass ein von rund 70 renommierten Historikern unterzeichneter Protestbrief, der sich im April 2015 gegen die Erklärung von OUN- und UPA-Milizionären zu „Kämpfern für die ukrainische Unabhängigkeit“ aussprach, umgehend als Produkt „russischer Geheimdienste“ diffamiert wurde und vollkommen wirkungslos verpuffte. Die Kritik von „Foreign Policy“ ist umso bemerkenswerter, als die Zeitschrift den prowestlichen Umsturz in Kiew ohne Abstriche verteidigt.

In einer wütenden Antwort hat nun Wjatrowitsch selbst zu den Vorwürfen Stellung genommen – und sie dabei ausdrücklich bestätigt. So behauptet er, OUN und UPA hätten „nicht mit den Deutschen kollaboriert“. „Anschuldigungen“, sie hätten dies getan, seien bloße „Xenophobie“; die Feststellung, sie hätten sich am Holocaust sowie an „ethnischen Säuberungen“ – gemeint ist die Ermordung von über 90 000 Polen und Polinnen – beteiligt, seien „charakteristisch für sowjetische Propaganda“. Wjatrowitsch fährt fort, es gebe „keine OUN-Dokumente“, welche die Beteiligung der Organisation am Massenmord an der jüdischen Bevölkerung Lwiws belegten.


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Leserbrief zu Artikel »Kiewer Gedenken«, UZ vom 13. Mai 2016





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