Die Würde des Absaufenden ist unantastbar

Eine Glosse von Guntram Hasselkamp zu Ursachen des aktuellen Hochwassers
|    Ausgabe vom 10. Juni 2016

Sieben Tote, Verwüstungen wie nach einem Bombenangriff, Schäden in Milliardenhöhe. Ja, richtig, Starkregen, ein Naturereignis, passiert nicht jede Woche. Also Schicksal? Kismet? Der Herr hat’s gegeben, der Herr hat’s genommen? Schaut man in die Qualitätsmedien, dann sieht das in etwa so aus. Ein bisschen wie im Mittelalter, nur die Bußprozessionen mit Fackeln und Flagellanten fehlen noch, um die bösen Flussgeister zu vertreiben.
Vielleicht liegt es ja an der Bologna- und Pisa-Katastrophe, dass keiner so recht darauf kommt, dass zwar das Wasser von „Oben“ kommt, „alles Gute“ erfahrungsgemäß nicht unbedingt. Vielleicht könnte man ja auch selbst etwas tun, zum Beispiel mal rechnen und ein bisschen planen – und zwar vorher. Bevor Menschen abgesoffen sind.
Wer zwei und zwei zusammenzählen kann, weiß auch, dass es Starkregen geben kann. Und zwar, trotz der großartigen Erfolge der „Klima-Kanzlerin“, immer öfter. Und der weiß auch, dass Starkregen bei 150 l/qm plus nicht im Boden versickert, sondern im Gelände nach unten abfließt. Dorthin, wo normalerweise nur die Bäche fließen. Wer nun ganz schlau ist, kann anhand der topographischen Karte sogar ausrechnen, wie viel da bei welcher Regenmenge so zusammen kommt. Und was da potentiell durch manche Orte rauschen wird. Man könnte vielleicht die Menschen warnen. Und ganz Verwegene könnten sogar auf den Gedanken kommen, dass man da vielleicht auch etwas machen könnte, damit es nachher nicht so aussieht, wie es jetzt aussieht.
Halt, Stopp. Jetzt wird es irreal. Hochwasserschutz, egal in welcher Form, hört sich sofort nach viel Geld an. Städte und Gemeinden sind Pleite – gemacht worden. Privat vor Staat. Auf Kuba werden bei Wirbelstürmen Hunderttausende, teilweise eine Million Menschen evakuiert. Und niemand stirbt. Im High-Tech-Land Deutschland geht das offensichtlich nicht. Hier geht es schließlich marktgerecht-demokratisch zu. Da ist Absaufen wie die Arbeitslosigkeit oder demnächst vielleicht auch wieder die Schwarze Pest ein Stück individueller Gestaltungsfreiheit. Die Würde des Absaufenden ist unantastbar … Was sollte denn sonst auch aus den schönen Phototerminen werden. Die Gummistiefel stehen in der Staatskanzlei und im Kanzleramt immer bereit. Und für ein paar Kerzen in Altötting und ein Seelenamt im Passauer Dom wird’s wohl auch noch reichen. Na, und wer weiß, vielleicht gibt’s ja demnächst doch noch die Bußprozessionen.


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Leserbrief zu Artikel »Die Würde des Absaufenden ist unantastbar«, UZ vom 10. Juni 2016





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