Hochschulreform geplant

Neun von zehn Studiengängen sind auf das Bachelor- und Mastersystem umgestellt
Von BM
|    Ausgabe vom 8. Juli 2016

Das Hochschulsystem in Deutschland steht in der Kritik – besonders das dreijährige Bachelor-Studium. Es sei verschult und mit Inhalten überfrachtet, heißt es. Angesichts der weit verbreiteten Kritik dringt die Hochschulrektorenkonferenz (HRK) nun auf durchgreifende Reformen. „Es sollte künftig keine starre staatliche Vorgabe für eine Gesamtstudienzeit Bachelor und Master von zehn Semestern mehr geben“, sagte der Präsident des Dachverbandendes für 268 Hochschulen, Horst Hippler, der Deutschen Presse-Agentur (dpa) in Berlin.
Sechs Semester bis zum Bachelor-Abschluss – also drei Studienjahre – ließen vor allem an den Universitäten kaum Raum „für die nötige erste Orientierung, für Blicke über das eigene Fach hinaus, für Praktika oder Auslandssemester“, betonte Hippler. „Vor allem wer mit dem Bachelor in den Beruf starten will, sollte aber entsprechende Möglichkeiten im Studium gehabt haben.“
HRK und die Kultusministerkonferenz der 16 Bundesländer (KMK) wollen bald ein gemeinsames Reformpapier vorlegen. Eigentlich sollte diese Vereinbarung zwischen Hochschulen und Ländern schon im Mai fertig sein, wird nun aber wohl – wenn alles planmäßig verläuft – erst Mitte Juli präsentiert. Das Papier müsse erst noch von der KMK verabschiedet werden, sagte deren Generalsekretär Udo Michalik der dpa.
Einige Reformvorschläge sind aber schon vorab bekannt geworden. So wird beispielsweise vorgeschlagen, zu Beginn des Bachelor-Studiums gänzlich auf Noten zu verzichten. „Auch die Hochschulen wollen ihren Part übernehmen und die vorhandenen Spielräume besser nutzen“, etwa bei der Notenpraxis, versicherte HRK-Chef Hippler.
Der „Bologna-Prozess“, in Zuge dessen die Bachelor- und Masterstudiengänge eingeführt wurden, leistet nach Ansicht des Bundesbildungsministeriums „einen Beitrag zur Weiterentwicklung der nationalen Hochschulsysteme in Europa, zur Qualifizierung von Fachkräften für den Arbeitsmarkt sowie des wissenschaftlichen Nachwuchses“. Der Prozess wurde 1999 im norditalienischen Bologna gestartet und hatte zum Ziel, die Zahl der Studienabbrecher zu senken und das Studium europaweit vergleichbar zu machen. Deutschland kann Vollzug melden; hierzulande ist die Umstellung so gut wie abgeschlossen. Derzeit sind neun von zehn Studiengängen an deutschen Hochschulen auf das Bachelor- und Mastersystem umgestellt. Insbesondere an Fachhochschulen ist die Transformation praktisch abgeschlossen.
Die Lehre hat das aber kaum verbessert – das Gegenteil ist eher der Fall. Der Soziologe Stefan Kühl schreibt in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, dass die Verschulung des Studiums und die Tendenz zum „Bulimie-Lernen“ in der Grundstruktur der Bologna-Reform angelegt sind.
Damit nicht genug: Die Studenten seien einer regelrechten Prüfungsschwemme ausgesetzt, die ebenfalls systembedingt ist. Weil jedes Studienmodul mit einer Prüfung abgeschlossen werden muss, würden sich bei kleinen Modulgrößen automatisch fünf bis sechs Prüfungen pro Semester ergeben, die ein Student ablegen muss. In vielen Fächern wurde deshalb „auf didaktisch ungeeignete Prüfungsformen wie Multiple-Choice-Klausuren oder mündliche Referate umgestellt“. Manche Hochschulen seien aber noch einen Schritt weitergegangen: Statt einer Prüfung pro Modul verlangten sie nicht selten mehrere, die im Rahmen eines Moduls abgelegt werden müssen. In manchen Fächern habe es dann durchaus zwanzig Prüfungen pro Semester gegeben.
Dennoch scheint die Rechnung der Bologna-Planer aufzugehen. Ihnen ging es unter anderem auch darum, die Studiendauer zu verkürzen sowie eine größere Zahl von Akademikern auf den Arbeitsmarkt zu werfen. Waren im Wintersemester 1998/99 noch rund 1,8 Millionen Studenten eingeschrieben, waren es im Wintersemester 2015/16 schon rund 2,7 Millionen – nach Angaben des Statistischen Bundesamtes durchlaufen gut drei Viertel von ihnen einen Bachelor- oder Masterstudiengang. Die Studiendauer hat sich auch wie erhofft verringert: 1998 studierte man noch bei für einen Diplomabschluss im Schnitt 13,4 Semester. Für den Master benötigten Studenten 2012 nur noch 10,8 Semester – inklusive der im Bachelorstudium verbrachten durchschnittlich sieben Semester.


  Leserbrief schreiben

An die UZ-Redaktion (leserbriefe@unsere-zeit.de):

Leserbrief zu Artikel »Hochschulreform geplant«, UZ vom 8. Juli 2016





Wir bitten darum, uns kurze Leserzuschriften zuzusenden. Sie sollten unter der Länge von 1800 Zeichen bleiben. Die Redaktion behält sich außerdem vor, Leserbriefe zu kürzen und kann nicht versprechen, dass jeder Leserbrief beantwortet oder veröffentlicht wird. Anonyme Leserzuschriften werden in der Regel nicht veröffentlicht.