Vergeblicher Stresstest

Lucas Zeise zu neun Jahren Finanzkrise
|    Ausgabe vom 5. August 2016

Lucas Zeise

Lucas Zeise

Am nächsten Montag, am 9. August wird die Finanzkrise neun Jahre alt. Und wenig überraschend ist die Finanzkrise noch mitten unter uns. Ohne die Finanzkrise gäbe es auch jenen Stresstest der EU-Banken nicht, dessen Ergebnisse nach viel Pomp und Aufregung am vergangenen Freitag nach Börsenschluss publiziert wurden. Veranstalter des Tests – es war der vierte seiner Art in der EU – waren die Aufsichtsbehörden, die Europäische Zentralbank (EZB) und die European Banking Authority (Europäische Bankaufsicht EBA). Der Zweck der Übung war es, Vertrauen zu verbreiten. Es sollte staatlich geprüft und öffentlich dargestellt werden, dass den Banken zu trauen ist. Niemand soll Angst haben, dass morgen die Bank zahlungsunfähig ist. Diese Angst grassiert im Weltfinanzsystem immer noch.
Die Angst, aber noch keine Panik, brach aus an jenem Vormittag des 9. 8. 2007. Der Geldmarkt unter Banken hörte auf zu funktionieren. Dieser Markt befindet sich im Zentrum des Geld- und Kapitalverkehrs. Hier leihen sich und verleihen die Geschäftsbanken kurzfristig Geld, mit Laufzeiten von einem Tag bis zu zwei Jahren. Die Zinssätze sind niedrig und immer ganz nah an den so genannten Leitzinsen, mit denen die Notenbanken die Banken mit Geld versorgen. Zwar sind die Zinsen und Zinsdifferenzen gering, dafür sind die Beträge riesig. Jeden Tag geht der Saldo der Zahlungen, den eine Bank abwickelt durch diesen Markt.
Die Banken hörten am 9. August 2007 auf, ihresgleichen hunderte von Millionen Euro ohne Sicherheit auch kurzfristig zu leihen. Die Geldhändler hatten Angst davor, dass sie das Geld nicht mehr wiedersehen würden, weil die Partnerbank in der Zwischenzeit pleite gehen würde. Es war eine berechtigte Angst. Die Banker wussten, welchen Schrott – meist Hypothekenkredite der ‚subprime‘-Qualität – das eigene Institut in den Büchern hatte. Wenn nur fünf Prozent der Ausleihungen faul werden, kann bei den niedrigen Eigenkapitalquoten, den Banken halten müssen, auch die ganze Bank weg sein. So weit war es an diesem Tag noch nicht. Aber ohne die Hilfe der Zentralbanken (die EZB lieh allein am 9. August 90 Mrd. Euro zusätzlich aus) wäre der große Bankenkrach sogleich passiert.
Der 9. August markiert das Datum, von dem an die große Finanzspekulation und Kreditblase aufhörte, die zurückbleibende Nachfrage nach produzierten Gütern zu stützen. Es handelt sich dabei um die größte Aufblähung des Finanzsektors in der bisherigen Geschichte des Kapitalismus. Von August 1982 (der Pleite Mexikos) bis 2007, volle 25 Jahre lang dauerte diese grandiose Expansions- und Spekulationsperiode. Das System funktionierte mit einigen Unterbrechungen ganz gut, um die Folgen dessen zu überdecken, was Marxisten die ‚Überakkumulationskrise‘ nennen. Seit 2007 funktioniert es nicht mehr. Dem Krach am Finanzmarkt folgte deshalb unmittelbar die Krise der Realwirtschaft und der Sturz in die Rezession.
Zwar ist es gelungen, die Banken mit viel Geld vom Staat und der intensiven Betreuung durch die Zentralbanken zu stabilisieren und die Gewinne der meisten Unternehmen und die Aktienkurse zu neuen Höhen zu führen. Die Angst der Banken vor der Pleite ist nicht akut. Auch wurde ein enges staatliches Sicherheitsnetz gezogen, das den Kreditgebern im Notfall ihre Beträge sichert. Die Notenbanken stehen minütlich bereit, um im Bedarfsfall Liquidität in den Finanzmarkt zu pumpen. Dennoch ist die Zuversicht dahin. Ohne Aussicht auf satte Gewinne in der Zukunft sind Spekulation und ein Finanzboom nicht möglich. Die Banken, der ganze Finanzsektor haben den größten Teil der Schrumpfkur noch vor sich.


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Leserbrief zu Artikel »Vergeblicher Stresstest«, UZ vom 5. August 2016





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