Die nationale Schande

Brasilien, der ungeliebte Präsident und die Olympischen Spiele
Von Wolf Gauer
|    Ausgabe vom 30. September 2016
Lula als alter und neuer Hoffnungsträger: 7000 junge Menschen kamen in die Turnhalle Mineirinho in Belo Horizonte, um gegen den neuen Präsidenten zu protestieren. (Foto: Midia Ninja)
Lula als alter und neuer Hoffnungsträger: 7000 junge Menschen kamen in die Turnhalle Mineirinho in Belo Horizonte, um gegen den neuen Präsidenten zu protestieren. (Foto: Midia Ninja)

Böllerschüsse und teures Feuerwerk in den „besseren“ Vierteln von São Paulo signalisierten am 31. August 2016 das Ergebnis der Schlussabstimmung des brasilianischen Senats im beschämenden Amtsenthebungsprozess gegen Dilma Vana Rousseff, die legitime Präsidentin Brasiliens: „Dilma“ ist abgewählt. Mit 61 Ja- und 20 Nein-Stimmen. Trotz ihrer fulminanten Verteidigungsrede, die so sicher in die brasilianische Geschichte eingehen wird wie das vergleichbare „Politische Testament“ des Präsidenten Getúlio Vargas, der sich nach der Niederschrift erschoss (1954).
Der ungeliebte Interims-Präsident Michel Elias Temer Lulia, vormals Rousseffs Vize (eine Konzession an den sozialdemokratischen Koalitionspartenr PMDB), ist nunmehr Regierungschef bis zu den Präsidialwahlen von 2018. Einige Senatoren geben zu, dass sie gegen ihre Überzeugung gestimmt haben, nämlich so, wie es die extreme Hasskampagne der Medienkonzerne gegen die integre Nachfolgerin von Präsident Lula da Silva diktierte. Ihre politischen Rechte hat man Rousseff in separater Abstimmung überraschend belassen, und sie kämpft weiter. Beim Obersten Bundesgericht ist schon Beschwerde gegen das Verfahren eingelegt. Altpräsident Lula da Silva bemüht sich um eine nationale demokratische Front gegen die Regierung der Putschisten.
Laut Pressemitteilungen sind gegen 49 der 81 Senatsmitglieder Strafsachen anhängig, bislang ohne praktische Folgen. Vierzehn Jahre sozialer Ausgleich durch die Regierungen der Arbeiterpartei (PT) haben deutlich gemacht, dass Brasilien nicht mehr Spielwiese der Eliten mit Offshore-Konto und obligatorischer Zweitwohnung in Miami sein kann. Lula da Silvas und Rousseffs Ausscheren aus der US-hörigen Nord-Süd-Gefolgschaft und ihre Hinwendung zur Süd-Süd-Solidarität, zur lateinamerikanischen Integration und schließlich zur BRICS-Gruppe waren logische Folge ihres Bemühens um eine multipolare, solidarische Welt. Die von Rousseff angestoßene Offensive gegen die Korruption („Aktion Waschstraße“) pervertierte in den Händen der bourgeoisen Justiz zur einer selektiven Hexenjagd gegen die Arbeiterpartei, vor allem gegen Altpräsident Lula da Silva. Seine für 2018 angekündigte erneute Kandidatur soll unbedingt verhindert werden.
Michel Temer ist nun Präsident, obwohl wegen Parteifinanzierungsvergehen in seinem heimatlichen Bundesstaat São Paulo für 8 Jahre unwählbar; weitere Korruptionsvorwürfe stehen an. Temer flieht sein Volk. Nach seiner olympischen Eröffnungsansprache von ganzen 7 Sekunden (ohne namentliche Ansage) war er mit 105 Dezibel ausgebuht worden. Keines der 18 angereisten Staatsoberhäupter (45 hatte man erhofft, bei der Olympiashow in London waren es 110 gewesen) akzeptierte die Ehrenplätze neben dem „Usurpator“, wie ihn die kritischen Medien nennen. Nur 13 Prozent der Bevölkerung würden ihn jemals wählen. Japans Regierungschef Shinzo Abe und Yuriko Koike, Gouverneurin der Präfektur Tokio, beide Gastgeber der nächsten Spiele, mussten sich bei der zeremoniellen Übernahme der olympischen Mission mit dem Parlamentsvorsitzenden Rodrigo Maia begnügen. Das Staatsoberhaupt hatte gekniffen, ein Skandalon in den olympischen Annalen. Temer schrieb den versetzten Japanern unverfroren, sie könnten ihn ja gerne in Brasilia aufsuchen.
Präsident Lula da Silva hatte vormals den Olympiastandort Rio durchgesetzt, und Dilma Rousseff bewältigte die innenpolitischen und finanziellen Hürden. Brasiliens Olympioniken führen ihre Erfolge auf die Sportförderung der PT-Regierungen zurück. Seit 2005 wurden 17 000 SportlerInnen mit insgesamt 600 Millionen Reais (rund 200 Mio. Euro) unterstützt. „Der Sport hat mein Leben verändert, für mich ist er die weltweit größte soziale Einbindung“ versichert der Ringer Davi Albino, Afro-Brasilianer und vormals Straßenkind in São Paulo. Rafaela Silva (Goldmedaille Judo) stammt aus einer Favela (Elendsviertel) in Rio. „Rafaela – ouro na favela“ („Rafaela – Gold in der Favela“) skandierten die erstmals einbezogenen Mitbewohner. Die Sportbeihilfe ist nur eine der Errungenschaften, die nun der Sozialdemontage und Privatisierungswut der neuen Machthaber ausgeliefert sind.
„Rio 2016“, war so fremdbestimmt, korporativ dirigiert und durchkommerzialisiert wie die Fußball-WM 2014, der Zugang unerschwinglich für die ärmeren Brasilianer. Die elitären Sportarten der Kolonisatoren bis hin zu Golfspiel und Reiten in Frack und Zylinder illustrierten die persistente Führungs- und Normierungshoheit der reichen Länder. Das arrogante und unsportliche Verhalten einiger US-Olympioniken gegenüber russischen SportlerInnen und dem Gastland selbst spiegelte den hegemonialen Anspruch der Supermacht im Norden.
Die dennoch hochgestimmte und hoffnungsvolle Atmosphäre der Spiele war vor allem den teilnehmenden Frauen zu verdanken. Frauen sind dagegen im Kabinett Temer nicht vertreten, da gibt es nur Männer – weiße, versteht sich. Umso bedeutsamer war demgegenüber das Eintreten der Senatorinnen der Kommunistischen Partei (PCdoB) und der Arbeiterpartei (PT) für Dilma Rousseff. Sie waren Glanzlichter in der „Woche der nationalen Schande“, wie Lula da Silva die Gerichtstage im Senat etikettiert.


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Leserbrief zu »Die nationale Schande«, UZ vom 30. September 2016





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