Ökonomisches Hinterland

Deutscher Unternehmen drängen in die osteuropäische Wirtschaft
Von http://www.german-foreign-policy.com/
|    Ausgabe vom 4. November 2016
Netto Supermarkt im polnischen Bydgoszcz (Foto: LION_wikimedia_CC BY-SA 3.0)
Netto Supermarkt im polnischen Bydgoszcz (Foto: LION_wikimedia_CC BY-SA 3.0)

Eine aktuelle Studie bestätigt die massive Dominanz deutscher Unternehmen in der osteuropäischen Wirtschaft. Wie ein jüngst veröffentlichter Report der Unternehmensberatung Deloitte zeigt, übt die deutsche Kfz-Industrie in der Region einen besonders starken Einfluss aus. Deutsche Automobilkonzerne haben Polen, Ungarn und andere Länder Osteuropas in ihre globalen Wertschöpfungsketten eingegliedert, lassen ihnen jedoch kaum Raum für eine eigenständige ökonomische Entwicklung. Nicht zuletzt deshalb verharren die dortigen Länder in einer Art Stillstand, den Ökonomen als „Middle-Income Trap“ bezeichnen: Schon seit einiger Zeit gelingt es den Nationen kaum noch, dem durchschnittlichen EU-Bruttoinlandsprodukt näherzukommen. Einige Staaten steuern deshalb um und setzen verstärkt auf die Förderung der heimischen Wirtschaft.
In dem alljährlich von der Unternehmensberatung Deloitte veröffentlichten Report über die 500 umsatzstärksten Unternehmen in Osteuropa belegen Niederlassungen und die regionalen Ableger bundesdeutscher Global Player Spitzenpositionen. Die VW-Tochter Škoda nimmt den dritten Platz ein, Audi Hungaria Motor den sechsten und Volkswagen Slovakia den achten. Unter den ersten 50 platzierten sich zudem noch RWE, Mercedes Benz Mfg Hungary, Lidl Polska und die Metro AG. Genuin osteuropäische Firmen schafften es hingegen kaum auf die vorderen Ränge – und wenn doch, dann handelt es sich zumeist um ganz oder teilweise in staatlichem Besitz befindliche Gesellschaften aus dem Energie- und Rohstoffsektor oder um solche, die Oligarchen gehören.
Als Reaktion auf den stockenden Konvergenzprozess setzen einige osteuropäische Staaten auf eine stärkere Förderung der heimischen Wirtschaft. „Kapital hat ein Vaterland“, erklärt etwa der polnische Wirtschafts- und Finanzminister Mateusz Morawiecki von der konservativen „Partei für Recht und Gerechtigkeit“ (PiS). Darum will er nach dem Vorbild der in Ungarn von Viktor Orbán ergriffenen Maßnahmen den Einfluss ausländischer Kreditinstitute, die in Polen zurzeit auf einen Marktanteil von rund 60 Prozent kommen, zurückdrängen.
Zudem gibt es in Polen ähnlich wie in Ungarn und der Slowakei Bestrebungen, die ökonomische Macht der großen Supermarktketten zu beschränken. So führte die polnische Regierung eine Supermarktsteuer ein, um polnischen Kleinbetrieben „Mittel in die Hand zu geben, die ihnen die Chance geben, zu konkurrieren und sich am Markt zu behaupten“. Überdies kündigte die PiS ein umfangreiches Programm zur Förderung von Unternehmen an.
Diese Bestrebungen sehen sich jedoch nicht nur mit inneren Widersprüchen konfrontiert, sie haben sich auch erheblichen Drucks von außen zu erwehren. Im September kündigte die EU wegen des Verdachtes unerlaubter staatlicher Beihilfe eine Prüfung der polnischen Supermarktsteuer an und setzte sie damit vorläufig außer Kraft.


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Leserbrief zu Artikel »Ökonomisches Hinterland«, UZ vom 4. November 2016





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