Die Jeans von Dieter Zetsche

Hans-Peter Brenner zum Grünen-Parteitag
|    Ausgabe vom 18. November 2016

Nein ich habe nicht prinzipiell etwas gegen meine Altersgefährten, nur weil sie aus damals jungen „68gern“ in der über großen Mehrheit zu wohlgesitteten, wohldotierten und braven Mittelstandsbürgern mit hohen Pensions- und Rentenansprüchen geworden sind. Immerhin hat ja ein Joschka Fischer das wichtigste Erbe der „Jugend- und Studentenrevolte“ auf seinem Kerbholz.
Trugen früher alle einigermaßen in Amt und Würde gekommenen: Beamte, Lehrer, Bankangestellte, Sachbearbeiter, Referatsleiter, Bundesminister, Vorstandsmitglieder und Aufsichtsräte den klassenlosen braven Schlips, so ist es doch Fischers und seiner Generation der Grünen historisches Verdienst, dass deren Kinder und Enkel das ebenso klassenübergreifende und Klassengrenzen einreißende schlipslose Hemd mit (un-)passendem Jackett tragen.
Wer will dann behaupten, dass die Grünen nicht „bleibende Werte“ geschaffen hätten?!
Und wenn dann auf dem letzten Parteitag in Münster der Vorstandschef eines der bedeutendsten globalen Großkonzerne, Daimler, ebenfalls schlipslos, in Jeans und Sneakers auftritt und den Grünen von Kumpel zu Kumpel treuherzig attestiert, dass ihre Forderung nach der „verpflichtenden“ Durchsetzung der E-Cars bei allen Neuzulassungen „im Prinzip“ auch die seine sei – über das eine oder andere Jährchen müsse und dürfe man unter Freunden ja wohl noch einen Dissens anmelden, das Jahr 2030 sei ein bisschen verfrüht –, dann ist endlich das erreicht, was die Gründergeneration auf ihrem Parteitag in Karlsruhe im Jahre 1980 schon im Visier hatte: die Erringung der „Hegemoniefähigkeit“.
Ich hatte seinerzeit das Vergnügen, für den MSB Spartakus über die beiden ersten Parteitage der Grünen – also auch den folgenden Programmparteitag in Saarbrücken – zu berichten. Ich erinnere mich lebhaft an meine maoistischen Hamburger Ex-Genossen um Rainer Trampert und Thomas Ebermann vom damaligen K(H)B, die all ihre auf studentischen Teach-Ins und Vollversammlungen akkumulierte Routine und ihr Wissen ausspielten und mit Bravour diese Kongresse dominierten.
Ich erinnere mich aber auch an einen Ex-Genossen aus dem Hamburger MSB, mit dem ich von Karlsruhe mit dem Zug zurück gegen Norden fuhr. Er triumphierte – müde und etwas heiser. Jetzt sei auch für Linke, die mit der DKP nichts (mehr) am Hut haben wollten, klar: Die politische Linke werde mit den Grünen endlich aus der Verlierer- und Schmuddelecke rauskommen.
Jetzt seien er und seine neuen Parteifreunde endlich auch den Ballast von DDR, „Mauer“ und „Stalinismus“ los. Die politische Zukunft gehöre dieser neuen Partei.
Zumindest in einem Punkt hat dieser frühere Spartakus-Genosse Recht behalten. Auf dem Gebiet der Herrenmode haben die „Pflasterstrand“-Autoren und Leser von damals, denen kein Wort zu links, kein Antikommunismus zu scharf und keine revolutionäre Phrase zu blechern und hohl klang, tatsächlich dauerhaften Erfolg gehabt und damit die von ihnen (uns) damals so hochgeschätzte chinesische Kulturrevolution übertroffen.
War in Maos China der blaue Arbeitskittel mit Ballonmütze zeitweilig das Erkennungszeichen für den wahren, auf die klassenlose Gesellschaft nicht von morgen, sondern von heute geeichten jungen „Revolutionär“, so ist es eben heute die Markenjeans mit dem Markenhemd – aber schlipslos.
Das ist doch eine weitaus bedeutendere Frage als die kleine Aufgeregtheit darüber, dass die Grünen sich für die Wiedereinführung der Vermögenssteuer entschieden haben. Das hatten sie auch schon 2013 beschlossen und niemanden hat es gestört, weil seitens der Grünen mit diesem Beschluss niemand politisch gearbeitet hat. Es gab ja auch wesentlich Wichtigeres zu tun – nämlich „bella figura“ zu machen.


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Leserbrief zu Artikel »Die Jeans von Dieter Zetsche«, UZ vom 18. November 2016





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