Etwas leisten

Das Bündnis zwischen Islamisten und Kolonialherren – und ein Schüler aus Frankfurt
Von Hans Christoph Stoodt
|    Ausgabe vom 2. Dezember 2016
Was kann daran schlecht sein? Koranverteilung der „Lies!“-Kampagne. (Foto: YouTube)
Was kann daran schlecht sein? Koranverteilung der „Lies!“-Kampagne. (Foto: YouTube)

Der Frankfurter Schüler Enes G. starb 2012 mit 16 Jahren auf einem Schlachtfeld des syrischen Krieges. Die ARD-Dokumentation „Sterben für Allah?“ zeigt, was man in diesem Zusammenhang von seinem Leben und seinem Umfeld weiß. Dazu gehört, dass er mit der salafistischen „Lies!“-Aktion Kontakt hatte und ihr Aktivist wurde. Den heimlich vorbereiteten Entschluss, über die Türkei nach Syrien in den „Heiligen Krieg“ des IS zu ziehen, verwirklichte er unmittelbar nach einem Frankfurter Auftritt des salafistischen Predigers Pierre Vogel. Sein Umfeld in Schule, Moschee, Familie, Freundeskreis konnte ihn daran nicht hindern. Von seiner fassungslosen Mutter verabschiedete er sich per SMS. Seinen von der Familie getrennten Vater hat er nicht wieder gesehen. Der Ort seines Grabs ist unbekannt.
Als im Spätherbst 2012 klar wurde, dass Enes G. kein Einzelfall ist, handelte der hessische Innenminister Boris Rhein, CDU. Er lud alle Schulleiter weiterführender Schulen des Bundeslandes in das Frankfurter Polizeipräsidium, wo die Vorgeladenen in Anwesenheit des Verfassungsschutzpräsidenten dazu vergattert wurden, jeglichen Hinweis auf eine mögliche „Radikalisierung“ islamischer Schüler sofort den Strafverfolgungsbehörden zu melden.
Die Bewegung der salafiyya ist Jahrhunderte alt und stellte immer eine Randerscheinung im Islam dar. Neben der Tradition des Islam als auf philosophischer Debatte basierenden unterschiedlichen Rechtssystemen einerseits, der nach Ansicht ihrer Träger auf intuitivem inneren Wissen beruhenden mystischen Tradition der Sufis andererseits, stellt sie eine dritte Variante dar. Ihr zufolge ist alles rechtgläubige Verhalten von Muslimen am überlieferten, vorbildlichen Handeln des Propheten und der auf ihn folgenden beiden Generationen zu messen, die als „as-salaaf“, Vorfahren, bezeichnet werden. Der Islamwissenschaftler Thomas Bauer hat gezeigt, dass der Aufstieg traditionalistischer Strömungen in den Mainstream des Islam erst im 19. Jahrhundert, nach dessen kolonialistisch geprägter Begegnung mit dem Westen, erfolgte. Das ist nicht nur von historischer Bedeutung. Marc Thörner hat in seinen beiden Büchern „Afghanistan-Code“ (2010) sowie „Die arabische Revolution und ihre Feinde“ (2012) belegt, wie es im 19. Jahrhundert in den kolonial unterworfenen arabisch-islamischen Gesellschaften zu einem Bündnis zwischen Kolonialoffizieren und fundamentalistischen, bis dahin völlig minoritären islamischen Gruppierungen kam, die ein großes gemeinsames Interesse einte: die Söhne und Töchter der Unterjochten auf keinen Fall auf die Idee kommen zu lassen, die angeblich universalen, in Wahrheit aber immer schon unerfüllbaren Versprechen der bürgerlichen Gesellschaft angeborener Menschenrechte auf Freiheit, Gleichheit und Geschwisterlichkeit gälten auch für sie. Das wollten beide Seiten nicht. Diese grundlegenden Ideen der kolonialen Administrationen des britischen und französischen Imperialismus finden sich noch heute in den „field manuals“, Handbüchern der Aufstandsbekämpfungsstrategen in Afghanistan. Historisch hatte der fundamentalistische Islam eine Chance auf Hegemonie in seinen Gesellschaften erst aufgrund dieser Machtkoalition mit dem Kolonialismus. Zum Ausdruck kam und kommt das bis heute in der je nach Umständen durchaus möglichen, zeitweiligen, bedenkenlosen Kooperation imperialistischer Politik mit islamischen „freedom-fighters“ (Ronald Reagan über die Vorläufer der heutigen Taliban) bis hin zum IS, wenn es in den eigenen imperialistischen Kram passt.
Von alledem wusste Enes G. natürlich nichts. Den Koran zu verteilen – was konnte daran schlecht sein? Dass Pierre Vogel ausgerechnet zu dem Flügel salafistischer deutscher Muslime gehört, die den IS und sein Dschihad-Konzept vehement ablehnen – er hat es wohl nicht bemerkt. Er wollte etwas leisten, kämpfen, aktiv werden für eine Sache, die ihm dringlich, notwendig, gerecht schien. Er sah, suchte, fand diese Sache in Frankfurt nicht. Auch wir konnten sie ihm nicht zeigen. „Märtyrer“ im Heiligen Krieg zu werden kann einem 16-Jährigen attraktiver erscheinen, als eine Ausbildung zum Beispiel als Gebäudereiniger zu absolvieren und dann vermeintlich ereignislos zu malochen bis zu Rente.


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Leserbrief zu Artikel »Etwas leisten«, UZ vom 2. Dezember 2016





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