Kein Lohn unter zehn Euro

Tarifabschluss in der Sicherheitswirtschaft
Von Mirko Knoche
|    Ausgabe vom 23. Dezember 2016

In der deutschen Sicherheitswirtschaft arbeiten nach Unternehmerangaben inzwischen bereits rund eine viertel Million Menschen – Tendenz steigend. Der Umsatz im Kerngeschäft ist bis 2015 auf fast sieben Milliarden Euro gewachsen. Doch die Löhne in der Boombranche sind kümmerlich. Die Gewerkschaft ver.di hat deshalb zum Jahresende alle Lohntarifverträge gekündigt. Zur Verhandlung stehen die Bereiche Flughafensicherheit, Geld- und Werttransporte, Atomkraftwerksbewachung, Bewachung von Militäranlagen sowie Allgemeine Bewachung.
In Baden-Württemberg wurde am 6. Dezember ein erster Abschluss für alle Bereiche erzielt. Demnach klettern die Löhne in den kommenden zwei Jahren um maximal 5,8 Prozent und kein Lohn liegt mehr unter zehn Euro pro Stunde. Neu ist eine höhere Eingruppierung der Bewacher von Flüchtlingsheimen. Für Bremen, Niedersachsen und Schleswig-Holstein einigten sich die Tarifparteien bereits am 5. Dezember, allerdings bleibt hier der Tarifvertrag auf die Luftsicherheit beschränkt. Dort steigen die Löhne innerhalb von zwei Jahren um knapp zehn Prozent. „Es waren heiße Verhandlungen“, kommentierte ver.di-Sekretär Domenico Perroni gegenüber der UZ, „unter dieses Ergebnis wären wir nicht gegangen.“
Doch nicht in allen Bereichen und Regionen ist mit einem schnellen Ende der Tarifrunde zu rechnen. So steht in Bremen die nächste Verhandlungsrunde für die Allgemeine Bewachung erst am 21. Dezember an. Dort sind Unternehmer und Beschäftigte weit voneinander entfernt. Die ver.di-Mitglieder verlangen zwei Euro mehr Lohn, die Gegenseite bietet zwei Mal 25 Cent über zwei Jahre verteilt. In der untersten Lohngruppe zu neun Euro die Stunde arbeiteten rund 70 Prozent der Beschäftigten, so die Gewerkschaft. Obwohl die Branche wächst, fehlen Arbeitskräfte. Für die Angestellten ist klar, dass das an den niedrigen Löhnen liegt. Der Bundesverband der Sicherheitswirtschaft (BDSW) bietet mit 9,25 Euro in Bremen noch weniger als einen halben Euro über dem Mindestlohn von 8,84 Euro ab 2017.
Während die Angestellten an den Sicherheitsschleusen der Flughäfen erheblichen ökonomischen Druck ausüben können und hohe Abschlüsse mit bis zu 17 Euro Stundenlohn erzielen, sind die Sicherheitsleute im allgemeinen Wachgewerbe deutlich schwerer zu organisieren. Sie arbeiten häufig alleine oder in kleinen Gruppen. Um sie zu erreichen, fahren Betriebsräte und Gewerkschafter mit dem Auto von Arbeitsort zu Arbeitsort und besprechen die aktuellen Anliegen. Aktionsfähig ist die Gewerkschaft vor allem in größeren Objekten und Betrieben. Benennen will ver.di-Sekretär Perroni diese aber nicht. Das habe nicht nur taktische Gründe, es sei auch zu befürchten, dass sonst der Druck auf die Beschäftigten im Voraus erhöht werde. Umso erfreuter waren die ver.di-Funktionäre, als zur ersten Verhandlungsrunde im Bremer Wachgewerbe Ende November mehrere Dutzend Mitglieder ins örtliche DGB-Haus gekommen waren. Sie standen mit Protestschildern auf den Boden klopfend Spalier, während die Verhandler des BDSW anreisten.
Dabei sind die Arbeitsbedingungen gerade in der Allgemeinen Bewachung besonders belastend. In einem Video auf www.verdi.de/verditv berichtet eine Bewacherin im Bremerhavener Hafen von 12-Stunden-Schichten und Arbeitszeiten zwischen 48 und 60 Stunden pro Woche. Auf dem Hafengelände seien an 365 Tagen im Jahr Wachleute unterwegs – rund um die Uhr.


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