Arzt, Bürgermeister, Kommunist

Von Uwe Koopmann
|    Ausgabe vom 3. März 2017
Hunderte Menschen begleiteten Kostas Peletidis (3. von links) zum Gericht, Foto vom 13. Februar. (Foto: KKE)
Hunderte Menschen begleiteten Kostas Peletidis (3. von links) zum Gericht, Foto vom 13. Februar. (Foto: KKE)

Patras ist nicht „normal“. Für deutsche Touristen, internationale Flughafenbetreiber und die griechischen Kolleginnen und Kollegen am Standort ist wichtig: Araxos (Agamemnon Airport), der Flughafen der Stadt, wurde nicht verscherbelt wie 14 andere Flughäfen in Griechenland, etwa der von Chania auf Kreta. Der „staatsmonopolistische“ und zugleich börsennotiert betriebene FRAPORT ging leer aus. Betreiber ist nach wie vor die griechische Gesellschaft Hellenic Civil Aviation Authority (H. C. A. A.). Einen Ausverkauf konnten Schäuble & Co. im Jahr 2015 nicht erzwingen.
Unterschiedliches Echo auf den Ausverkauf: Nea Dimokratia frohlockte, Syriza schwankte. Man müsse eben die „Reform-Auflagen“ erfüllen, um an neue Kredite zu kommen. Und die KKE lehnte eine Ausbeutung über 40 Jahre durch Fraport ab. Viele Flughäfen gingen an Fraport verloren – Patras blieb „selbstständig“.
Das hat verschiedene Ursachen. Wenn deutsche Auguren die politische Stimmung bestimmen wollen, dann greifen sie neben Inhalten auf Personen zurück. Angela Merkel wird zum Abendstern, Martin Schulz zur Morgenröte hochstilisiert. In Patras gibt es einen Kommunisten, der würde den Demoskopen vom „Sonntagstrend“ allerdings einen Schauer über den Rücken jagen.
Es geht um Kostas Peletidis, Bürgermeister von Patras. 2014 setzte er sich mit 63,51 Prozent der Stimmen in einer Stichwahl durch. Peletidis ist ein „Volksheld“. In Patras bekommen Behinderte „Essen auf Rädern“, für Schülerinnen und Schüler gibt es kostenloses Pausenbrot, die Armen erhalten Oliven aus städtischen Hainen – Protest dagegen folgte von Kirche und Polizei, denen zuvor ein solcher Zugriff auf die städtischen Haine vorbehalten blieb.
Peletidis – das ist Klassenkampf mit den Mitteln des Rathauses. Er erschließt einen städtischen Park-and-Ride-Parkplatz für 50 Cent am Tag. Das Ticket für die Fahrt in die Stadt gibt’s dazu. Städtische Bedienstete entlässt er nicht, wobei er betont, dass es sich bei seinen Beschäftigten um qualifiziertes Personal handelt, das man nicht gemäß einer von der Syriza/ANEL-Regierung in Athen vorgegebenen Quote feuern dürfe. Er wird deshalb sogar angeklagt. Nächster Gerichtstermin: 27. April.
Zu den Feinden von Peletidis gehört auch die Neonazi-Partei „Goldene Morgenröte“ (Chrysi Avgi). Gegen diese Partei laufen Gerichtsverfahren wegen Mord, Gewalttaten und Überfälle auf Politiker der KKE. Der Bürgermeister verweigerte der „Morgenröte“ städtische Plätze und Anträge, die die Neonazis im Rathaus einreichten. Das Platzverbot des Bürgermeisters hatte der Stadtrat einstimmig bestätigt. Die „Goldene Morgenröte“ reichte dagegen Klage ein wegen „Pflichtverletzung im Amt“ – und verlor am 23. Februar.
In einer Stellungnahme der KKE heißt es: „Die Haltung des kommunistischen Bürgermeisters ist ein Beispiel für die regionalen und kommunalen Körperschaften und vor allem für die Massenorganisationen des Volkes, wie der ‚Chrysi Avgi’ entschieden und schonungslos begegnet werden kann.“ Die „Griechenland Zeitung“ berichtete über die Solidarität für Peletidis: „Auf seiner Seite stand im Gerichtsprozess u. a. der Vorstand des Netzwerkes der Märtyrerdörfer und -Städte (1940–1945). Zu den mehr als 100 Mitgliedern dieser Vereinigung zählen Orte wie Kalavryta, Distomo, Kommeno und viele andere, in denen während des II. Weltkrieges grausame Verbrechen von den Nazis verübt wurden.“
Während des Prozesses gegen Peletidis brachten hunderte Gewerkschafter, Organisationen, Bürgermeister und Stadträte ihre Solidarität zum Ausdruck. Die Bediensteten der Stadt Patras legten die Arbeit nieder. Die KKE hatte das Verfahren als eine politische Verfolgung seitens der faschistischen verbrecherischen Organisation „Chrysi Avgi“ verurteilt und sich beim Innenminister der SYRIZA-ANEL-Regierung beschwert.
Die nächste Aktion hat Peletidis bereits vorbereitet. Nach Angaben der „Griechenland Zeitung“ startet Anfang April ein Protestmarsch, der von Patras über 220 Kilometer zum Athener Parlament am Syntagma-Platz führen wird. Im April vergangenen Jahres hatte es bereits eine erste Aktion dieser Art gegeben. Der Marsch dauerte sieben Tage.
Die Demonstration richtet sich auch gegen die EU, deren Fahne der Bürgermeister bereits vom Rathaus holen ließ. Hintergrund: In Patras sind 15 863 Menschen Langzeitarbeitslose, weitere 10 721 sind ebenfalls ohne Arbeit. Die FAZ berichtete schon am 2. Juli letzten Jahres, dass 400 000 qualifizierte Griechen „wegen der Finanzkrise ausgewandert“ seien. Nach Angaben der Nationalen Statistikbehörde (ELSTAT) stellen die Langzeitarbeitslosen, die zwölf Monate und länger nach Arbeit suchen, in Griechenland 73,8 Prozent der Arbeitslosen dar. 10 Prozent bekommen Arbeitslosengeld.
Peletidis fordert alle Bürgermeister an der Marschroute zu aktiver Solidarität auf. Die medizinische Versorgung ist auf der Strecke gesichert. Dr. med. Kostas Peletidis ist im Zivilberuf Kardiologe.


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