Der Stahlkrieg

Mit Zöllen und Subventionen in eine verlorene Schlacht
Von Klaus Wagener
|    Ausgabe vom 28. April 2017

Die Stahlproduktion steigt, als wären wir im Eisenbahnboom. Wurden in 2000 weltweit 849 Mio. Tonnen Rohstahl erzeugt, so waren es in 2016 fast doppelt so viel, 1 629 Mio. Tonnen Selbst in der Krise stieg die Produktion noch (1 433 Mio. t in 2010) um fast 14 Prozent. Diesem massiven Ausbau der Produktionskapazitäten steht eine anämische gesamtwirtschaftliche Konjunkturentwicklung, vor allem in den entwickelten kapitalistischen Staaten, gegenüber. Die Disproportionen steigen. Der Kampf um die Märkte wird zum offenen Handelskrieg.

Schon im letzten Jahr hatte die EU-Kommission als „Anti-Dumping-Maßnahme“ Zölle auf Flachstahlerzeugnisse aus China (19,7 bis 22,1 Prozent) und Russland (18,7 bis 36,1 Prozent) verhängt. Nun hat auch das US-Handelsministerium Grobblech Stahl aus Deutschland, Österreich, Frankreich, Italien und Belgien mit „Strafzöllen“ in der Höhe wie etwa die der EU-Kommission belegt.

Die USA hatten für chinesische, japanische, indische, taiwanesische, südkoreanische und auch italienische Stahlprodukte schon unter Obama teilweise prohibitiv hohe Zöllen verlangt. Für spezielle Produkte wurden 256 bis 522 Prozent gefordert. Die Vorkämpfer des Freihandels, gern in der vordersten Propagandafront, wenn es beispielsweise um das Niederkonkurrieren regionaler Landwirtschaftsproduktionen mit den hochsubventionierten, genmanipulierten Produkten der US- und EU-Agroindustrie geht, versenken sofort alle ihre Glaubenssätze in den Orkus, sobald die „eigene“ Industrie im Feuer steht. Da die weltweit führenden Stahlkonzerne, als quasi national monopolisierte industrielle Basisindustrie, nahezu wie Staatsunternehmen agieren, gilt es dem jeweils „heimischen“ Monopolisten, den Markt mit einem Mix aus Dumping, Subventionen und Zöllen freizuschießen.

Generell wird China für die Überkapazitäten auf dem Stahlmarkt verantwortlich gemacht. Schaut man sich die Liste der führenden Stahlkonzerne an (www.worldsteel.org/steel-by-topic/statistics/top-producers.html), es konkurrieren ja zunächst einmal Monopole untereinander, so steht da ganz oben Acelor Mittal mit 97,1 Mio. Tonnen in 2015. Es folgt Hesteel Group (China) 47,7 Mio. Tonnen; NSSMC (Japan) 46,3 Mio Tonnen; POSCO (Süd-Korea) 42,0 Mio. Tonnen; Baosteel (China) 34,9 Mio.Tonnen; Shagang Group (China) 34,2 Mio. Tonnen; JFE Steel (Japan) 29,8 Mio. Tonnen. In der Tat, der „Westen“ ist nicht mehr allein.

Auffallend ist die hohe Anzahl eher mittlerer und kleinerer chinesischer Produzenten (48 unter den 94 weltweit größten Stahlkonzernen). Hier hat die staatliche Wirtschaftssteuerung offensichtlich den kapitalistischen Konzen­trations- und Monopolisierungsprozess gebremst. Ein dominanter nationaler Global Player hat sich noch nicht heraus gebildet. Der Konzern mit dem anspruchsvollen Namen China Steel ist mit 14,8 Mio. Tonnen (Platz 23) vergleichsweise ein eher mittelgroßes Unternehmen. Wenn auch in China der brachenübliche „Marktbereinigungsprozess“ abgeschlossen sein wird, dürfte sich die Konkurrenzsituation für den Rest der Welt noch einmal spürbar verschärfen.

Abgesehen von den Krisenjahren 2008 und 2011 realisierte auch die deutsche Stahlindustrie, wie andere deutsche Industriesektoren hohe Außenhandelsüberschüsse. Erst seit 2014 beginnt sich eine leichte Tendenz ins Defizit durchzusetzen. Volumenmäßig nahezu unbedeutend im Vergleich zu den bisherigen Überschüssen, aber ein klarer Verstoß gegen das angeborene Recht des deutschen Exportweltmeisters auf Marktdominanz.

Der Krieg um die Hoheit über den strategischen Werkstoff Stahl ist ohne das Eingreifen des Staates für die imperialistischen Hauptstaaten längst verloren. Der Werkstoff, der den europäischen Expansionismus beflügelt hat, wie höchstens noch das Erdöl und der Sprengstoff, wird Dank der „Globalisierung“ in Zukunft in Asien hergestellt werden. Wir erleben die letzten Nachhutgefechte. Sie werden den industriellen Niedergang des „Westens“ nicht aufhalten.

Wie in anderen Sektoren auch hat das finanzkapitalistische Krisenmanagement über die Erweiterung der Geldbasis eine Vernichtung der Überkapazitäten bzw. der Überakkumulation nicht zugelassen. Man kann die Krise mit viel Zentralbankgeld überkleistern, verschwunden ist sie deswegen nicht. Im Gegenteil die Kapazitäten wurden in einem Maße ausgebaut, die in dem anämischen Krisenwachstum keine Entsprechung finden. Umso härter wird der Krieg um die verbliebenen Absatzmärkte geführt werden. Der neue US-Präsident ist der willkommene Watschenmann, um „die Glacéhandschuhe“ auszuziehen.


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Leserbrief zu Artikel »Der Stahlkrieg«, UZ vom 28. April 2017





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