Atomwaffen raus aus Deutschland

60 Jahre nach dem Göttinger Manifest wird der Abzug der Atombomben auch aus Büchel gefordert
|    Ausgabe vom 23. Juni 2017
Auf dem Festival der Jugend 2017 wird zur Blockade des Fliegerhorstes Büchel aufgerufen (Foto: Tom Brenner)
Auf dem Festival der Jugend 2017 wird zur Blockade des Fliegerhorstes Büchel aufgerufen (Foto: Tom Brenner)

Büchel dicht machen
Vom 22. bis zum 25. Juni werden DKP und SDAJ den Fliegerhorst Büchel (Eifel) mit seinem Atomwaffenlager blockieren. Diese Aktion ist Teil einer 20-wöchigen Mobilisierung verschiedener Gruppen der Friedensbewegung „Büchel atomwaffenfrei – Atomwaffen abschaffen – Modernisierung verhindern!“

Im April 1957 bezeichnet Adenauer die taktischen Atomwaffen als „Weiterentwicklung der Artillerie“. Als Reaktion darauf wird die „Erklärung der Göttinger 18“ am 12.4.1957 durch den Präsidenten der Max-Planck-Gesellschaft Prof. Dr. Otto Hahn veröffentlicht. In ihr warnen die Atomforscher vor den begrenzbaren Folgen des Einsatzes strategischer Atomwaffen. Sie fordern deshalb die Bundesrepublik zum freiwilligen Verzicht auf Atomwaffenbesitz auf und lehnen ihre Beteiligung an Herstellung, Erprobung und Einsatz von Atomwaffen ab. Adenauers Antwort: Der ausdrückliche und freiwillige Verzicht auf den Besitz von Atomwaffen bedeute praktisch die Auflösung der NATO.
Mit der bundesweiten Kampagne „Kampf dem Atomtod“ (KdA) riefen seit März 1958 SPD, DGB, einzelne Kirchenvertreter und Intellektuelle zum Widerstand gegen die Ausrüstung der Bundeswehr mit Atomwaffen auf.
Daneben setzte eine Welle spontaner Protestaktionen in Form von Arbeitsniederlegungen, Schweigemärschen und Mahnwachen ein. Die KdA-Kampagne verlor aber noch im gleichen Jahr an Kraft, nachdem sie von CDU/CSU-Seite als kommunistisch und prosowjetisch attackiert wurde und SPD und DGB – bei wachsender Kommunisten-Furcht in westdeutschen Wohnstuben – um ihre Anhängerschaft fürchten mussten.

Quelle: http://www.niemoeller-haus-ausstellung.de/tafel37.html


Das Göttinger Manifest
Die Pläne einer atomaren Bewaffnung der Bundeswehr erfüllen die unterzeichnenden Atomforscher mit tiefer Sorge. Einige von ihnen haben den zuständigen Bundesministern ihre Bedenken schon vor mehreren Monaten mitgeteilt. Heute ist eine Debatte über diese Frage allgemein geworden. Die Unterzeichnenden fühlen sich daher verpflichtet, öffentlich auf einige Tatsachen hinzuweisen, die alle Fachleute wissen, die aber der Öffentlichkeit noch nicht hinreichend bekannt zu sein scheinen.

1. Taktische Atomwaffen haben die zerstörende Wirkung normaler Atombomben. Als „taktisch“ bezeichnet man sie, um auszudrücken, dass sie nicht nur gegen menschliche Siedlungen, sondern auch gegen Truppen im Erdkampf eingesetzt werden sollen. Jede einzelne taktische Atombombe oder -granate hat eine ähnliche Wirkung wie die erste Atombombe, die Hiroshima zerstört hat. Da die taktischen Atomwaffen heute in großer Zahl vorhanden sind, würde ihre zerstörende Wirkung im Ganzen sehr viel größer sein. Als „klein“ bezeichnet man diese Bomben nur im Vergleich zur Wirkung der inzwischen entwickelten „strategischen“ Bomben, vor allem der Wasserstoffbomben.

2. Für die Entwicklungsmöglichkeit der lebensausrottenden Wirkung der strategischen Atomwaffen ist keine natürliche Grenze bekannt. Heute kann eine taktische Atombombe eine kleinere Stadt zerstören, eine Wasserstoffbombe aber einen Landstrich von der Größe des Ruhrgebietes zeitweilig unbewohnbar machen. Durch Verbreitung von Radioaktivität könnte man mit Wasserstoffbomben die Bevölkerung der Bundesrepublik wahrscheinlich schon heute ausrotten. Wir kennen keine technische Möglichkeit, große Bevölkerungsmengen vor dieser Gefahr sicher zu schützen.

Wir wissen, wie schwer es ist, aus diesen Tatsachen die politischen Konsequenzen zu ziehen. Uns als Nichtpolitikern wird man die Berechtigung dazu abstreiten wollen; unsere Tätigkeit, die der reinen Wissenschaft und ihrer Anwendung gilt und bei der wir viele junge Menschen unserem Gebiet zuführen, belädt uns aber mit einer Verantwortung für die möglichen Folgen dieser Tätigkeit. Deshalb können wir nicht zu allen politischen Fragen schweigen. Wir bekennen uns zur Freiheit, wie sie heute die westliche Welt gegen den Kommunismus vertritt. Wir leugnen nicht, dass die gegenseitige Angst vor den Wasserstoffbomben heute einen wesentlichen Beitrag zur Erhaltung des Friedens in der ganzen Welt und der Freiheit in einem Teil der Welt leistet. Wir halten aber diese Art, den Frieden und die Freiheit zu sichern, auf die Dauer für unzuverlässig, und wir halten die Gefahr im Falle des Versagens für tödlich. Wir fühlen keine Kompetenz, konkrete Vorschläge für die Politik der Großmächte zu machen. Für ein kleines Land wie die Bundesrepublik glauben wir, dass es sich heute noch am besten schützt und den Weltfrieden noch am ehesten fördert, wenn es ausdrücklich und freiwillig auf den Besitz von Atomwaffen jeder Art verzichtet. Jedenfalls wäre keiner der Unterzeichnenden bereit, sich an der Herstellung, der Erprobung oder dem Einsatz von Atomwaffen in irgendeiner Weise zu beteiligen. Gleichzeitig betonen wir, dass es äußerst wichtig ist, die friedliche Verwendung der Atomenergie mit allen Mitteln zu fördern, und wir wollen an dieser Aufgabe wie bisher mitwirken.

Fritz Bopp, Max Born, Rudolf Fleischmann, Walther Gerlach, Otto Hahn, Otto Haxel, Werner Heisenberg, Hans Kopfermann, Max v. Laue, Heinz Maier-Leibnitz, Josef Mattauch, Friedrich-Adolf Paneth, Wolfgang Paul, Wolfgang Riezler, Fritz Straßmann, Wilhelm Walcher, Carl Friedrich Frhr. v. Weizsäcker, Karl Wirtz.

Büchel dicht machen
Vom 22. bis zum 25. Juni werden DKP und SDAJ den Fliegerhorst Büchel (Eifel) mit seinem Atomwaffenlager blockieren. Diese Aktion ist Teil einer 20-wöchigen Mobilisierung verschiedener Gruppen der Friedensbewegung „Büchel atomwaffenfrei – Atomwaffen abschaffen – Modernisierung verhindern!“


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Leserbrief zu »Atomwaffen raus aus Deutschland«, UZ vom 23. Juni 2017





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