Schuldenfalle Studium

„Centrum für Hochschulentwicklung“ untersuchte Seriosität von Studienkrediten – Gewerkschaften fordern radikale Reform
Von Markus Bernhardt
|    Ausgabe vom 21. Juli 2017
Studierende vor der Universität Freiburg (Foto: Alexandra Bucurescu / pixelio.de)
Studierende vor der Universität Freiburg (Foto: Alexandra Bucurescu / pixelio.de)

Im Rahmen des „CHE-Studienkredit-Tests 2017“ ist das gemeinnützige „CHE Centrum für Hochschulentwicklung“ zu dem Schluss gekommen, dass die Finanzierungsangebote für Studienkredite in der Bundesrepublik „durchweg seriös und gut gestaltet“ seien. Unter den 43 untersuchten Studienkrediten, Studiendarlehen und Bildungsfonds hätten viele Spitzenergebnisse in mehreren der fünf Bewertungskategorien (Zugang, Kapazität, Kosten, Risikobegrenzung und Flexibilität) erreicht. Der diesjährige „CHE-Studienkredit-Test“ entstand in Zusammenarbeit mit dem Handelsblatt und bewertet die Vor- und Nachteile von 43 aktuell verfügbaren Studienkreditangeboten. Dadurch soll eine transparente Marktübersicht für Studierende und Studieninteressierte geschaffen werden. Ein gutes und seriöses Angebot erkenne man daran, dass bereits bei der Kreditaufnahme Klarheit über die späteren Rückzahlungsmodalitäten herrsche. Dies sei jedoch nicht bei allen untersuchten Angeboten im Test der Fall. „Der Zinssatz für die Rückzahlung ist eine ganz entscheidende Stellschraube des Kreditvertrages“, erklärte der CHE-Experte Ulrich Müller. Er wies darauf hin, dass Studierende, die einen Kredit aufnehmen, angesichts der aktuellen Niedrigzinsphase bei Vertragsabschluss auf Klarheit und Sicherheit des Zinsniveaus drängen sollten. Zudem warnte Müller, „neue innovative Angebote zur Studienfinanzierung besonders genau zu prüfen“. Hierzu gehörten etwa Peer-to-peer- oder Crowdfunding-Kredite, die im diesjährigen Studienkredit-Test nicht bewertet worden seien. Dabei würden die Kredite nicht von der Bank, sondern über ein Webportal von einzelnen oder mehreren Privatpersonen vermittelt. „Unter dem Label ‚Studienkredit‘ wird hier zu teils horrenden Zinssätzen von über 10 Prozent ein Kredit gewährt, der mit den Bedürfnissen eines Studierenden nichts zu tun hat“, warnte Müller.
Hingegen fordern der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) und das Deutsche Studentenwerk, mehr Menschen in die Studienförderung einzubeziehen. Schließlich sei das BAföG in den vergangenen Jahren „systematisch vernachlässigt“ worden, kritisieren sie. Lag die Zahl der BaföG-Empfänger in den 70er Jahren noch bei knapp 50 Prozent, sei sie heute auf unter 20 Prozent gesunken. „Zu viele potentiell Studieninteressierte aus finanziell schwächeren Schichten nehmen kein Studium auf, weil sie gerade so eben keine Finanzierung über das BAföG mehr erhalten, ihre Eltern aber nicht in der Lage sind, ihren Lebensunterhalt zu finanzieren“, heißt es in einer Stellungnahme der beiden Organisationen. Um diese Gruppe für ein Studium zu gewinnen müsse „das BAföG bis weit in die soziale Mittelschicht hineinreichen“. Dafür müssten die Freibeträge der Förderung „regelmäßig und dynamisch an die Preis- und Einkommensentwicklung angepasst werden“.
Für weitreichende Reformen des BAföG sprachen sich im Februar dieses Jahres auch die DGB-Jugend, die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) sowie andere Gewerkschaften aus, als sie ihren „Alternativen BaföG-Bericht“ vorlegten. Darin kritisierten sie, dass die „gute wirtschaftliche Situation der letzten Jahre nicht für Zukunftsinvestionen genutzt“ worden sei. Stattdessen sei das BAföG erodiert und „wurde nicht mal auf das Niveau von 2012 gehoben“. „Die Förderung wurde in den vergangenen 45 Jahren nicht ausreichend erhöht. 2016 lagen die Bedarfssätze um 6,4 Prozentpunkte unter der Entwicklung der Lebenshaltungskosten seit 1971“, konstatierten die Gewerkschafter außerdem. Zudem seien geförderte Studierende aus finanzschwachen Elternhäusern mehrfach belastet. „Es kommt vermehrt zu einem Ende der Förderung oder Abbruch der Ausbildung“, warnen die Experten. Als erste Gegenmaßnahme fordern sie daher, die Fördersätze sofort um 6,5 Prozent anzuheben.


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Leserbrief zu »Schuldenfalle Studium«, UZ vom 21. Juli 2017





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