Mit Geld und Arbeit

Rojavas Wirtschaftssystem – Kooperativen statt Monopole?
Von Toto Lyna
|    Ausgabe vom 4. August 2017
Mehl aus einer kooperativ betriebenen Mühle in al-Hasaka. (Foto: [url=https://www.flickr.com/photos/janetbiehl/23644686124/in/album-72157663181502192/]Janet Biehl[/url])
Mehl aus einer kooperativ betriebenen Mühle in al-Hasaka. (Foto: Janet Biehl / Lizenz: CC BY-SA 2.0)

In Nordsyrien soll nach Angaben der Wirtschaftsakademie Rojava ein neues wirtschaftliches System entstehen. Mitarbeiter der Wirtschaftsakademie beschreiben es so: „Wir lehnen die kapitalistische Wirtschaft ab, orientieren uns aber auch nicht am Wirtschaftsmodell des Realsozialismus. Wir verfolgen den Ansatz der kommunalen Wirtschaft und der Kooperativen. Private Unternehmungen sind nicht verboten, jedoch verfolgen wir eine Politik, die den privaten Unternehmen die Möglichkeit des Wachstums und der Monopolisierung nimmt.“ (lowerclassmagazin)
Eine zentrale Rolle spielen in diesem Modell die sogenannten Kooperativen. So soll bis November 2017 eine Bulgur-Fabrik in der nordsyrischen Stadt al-Hasaka entstehen, mit einer täglichen Kapazität von 20 Tonnen. Dieses Projekt wurde von der Handels- und Industriekammer der Stadt ins Leben gerufen, deren Ko-Vorsitzender dazu sagt: „Wir wollen die kommunale Wirtschaft entwickeln, Ausbeutung und Monopole vermeiden und die Volkseinheit zum Gemeinwohl stärken. Deswegen arbeiten wir an der Eröffnung dieser Projekte der Kooperativen Gesellschaften“. Diese Kooperativen funktionieren – wie viele andere Kooperativen – nach den Prinzipien der oben genannten Wirtschaftsakademie Rojava.
Prinzipien der Kooperativen
Die Bulgur-Fabrik soll allerdings nicht den Arbeitern gehören oder sich als volkseigener Betrieb im Eigentum der Kommune befinden. Sie wird von unterschiedlichen Menschen finanziert. Die Handels- und Industriekammer verkauft 2 500 Anteile a 100 Dollar pro Kooperativen-Mitglied, bisher sind 700 Personen beteiligt. Dabei definieren die Prinzipien, wie die Kooperative und ihre Selbstverwaltung funktionieren sollen. Jeder kann Mitglied der Kooperative sein, mit der Einschränkung, dass aus einer Familie nur eine Person Mitglied werden kann. Entscheidungen werden mit einer 60-Prozent-Mehrheit gefällt. Ein Mitglied kann nur einer einzigen Körperschaft angehören, wie der Finanzkommission oder dem Vorstand. Es gibt aktive Mitglieder, die sich mit ihrer Arbeit einbringen und Mitglieder, die lediglich ihr Geld einbringen. Kapitalbeteiligungen sind eingeschränkt, um „Monopole zu vermeiden“. Sie werden in hohe (max. 1 Mio. Euro), mittlere (max. 200 000 Euro) und niedrige (max. 50 000 Euro) Kapitalbeteiligungen eingeteilt.
Die Eigentümer erhalten 50 Prozent der Profite, unter Umständen kann dieser Anteil gesenkt werden. 30 Prozent werden reinvestiert und nach einem bestimmten Schlüssel mit der Zeit verringert. Die übrig gebliebenen 20 Prozent werden an die Kommune zur Erfüllung ihrer Verpflichtungen gezahlt, darunter fällt u. a. ein monatliches „Gehalt“ an die Mitglieder der Kooperative. Wer sich mit seiner Arbeit in die Kooperative einbringt, erhält mittleren Anteil, wer nur mit Geld an der Kooperative beteiligt ist, erhält am wenigsten. Wer sich mit Geld und Arbeit einbringt, erhält den größten Anteil.
Kooperativen, etwas Neues in Syrien?
Die meisten Kooperativen in Rojava dürfte es im landwirtschaftlichen Bereich geben. So behauptet „lowerclassmagazin“, dass 80 Prozent der Ländereien bereits im Besitz von Kooperativen seien. Neben den landwirtschaftlichen Kooperativen sind auch Konsumkooperativen stark verbreitet, diese kaufen und verkaufen Lebensmittel für günstigere Preise an ihre Mitglieder. Auch gibt es zahlreiche Frauenkooperativen. Aber weder Konsumkooperativen noch landwirtschaftliche Kooperativen sind neue Erscheinungen. Konsumkooperativen – staatlich oder gewerkschaftlich – gibt es in Restsyrien zuhauf. Gerade in Kriegszeiten haben diese eine Renaissance erlebt angesichts der ins Unermessliche gesteigerten Preise für Lebensmittel.
Auch auf dem Land bemüht sich die Regierung um die Bildung von landwirtschaftlichen Kooperativen. Laut US-Analysen betrug der Anteil der Kooperativen an den landwirtschaftlich genutzten Flächen in den 1980er Jahren 25 Prozent. Mit günstigen Krediten wurden Bauern in Kooperativen gelockt. Mit geringem Erfolg: 74 Prozent blieben in privater Hand. Lediglich ein Prozent war in staatlicher Hand.


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Leserbrief zu Artikel »Mit Geld und Arbeit«, UZ vom 4. August 2017





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