Worte statt Waffen

Wie die ehemaligen Guerilleras und Guerilleros der FARC in den Übergangszonen an ihrer Zukunft arbeiten
Von Günter Pohl
|    Ausgabe vom 4. August 2017
Das Zelt ist provisorisch aufgebaut, die Bildungsarbeit, die darin stattfindet, ist es nicht. Schulstunde in der „Übergangszone“. (Foto: Günter Pohl)
Das Zelt ist provisorisch aufgebaut, die Bildungsarbeit, die darin stattfindet, ist es nicht. Schulstunde in der „Übergangszone“. (Foto: Günter Pohl)

Es wäre traurig, wenn man in Kolumbien noch eine politische Gruppierung eliminieren würde, wie es schon mit der Patriotischen Union geschah.“ Das sagte Iván Márquez, Kommandant und Sekretariatsmitglied der FARC-EP und zwischen 2012 und 2016 deren Chef­unterhändler in den Verhandlungen mit der kolumbianischen Regierung in Havanna, Ende Juli in einer Pressekonferenz. Dort skizzierte er gemeinsam mit zwei weiteren Farianos, wie die FARC-Guerilleros im Volk genannt werden, den Übergang der FARC-EP zu einer politischen Partei. Diese wird Ende August bei einem Gründungsparteitag aus der Taufe gehoben und am 1. September mit einem Massenakt auf der Plaza de Bolívar in Bogotá offiziell zu agieren beginnen: „Dann stellen wir unsere Positionen zur Landreform, zum Wirtschaftsmodell, zur Umwelt, zur Stadtentwicklung und zur Jugend- und Frauenpolitik vor.“ Staatliche Finanzierung sowie je fünf Sitze im Senat und im Parlament stehen der ehemaligen Guerilla nun zu. „Tauscht die Kugeln gegen Wahlstimmen, sagte man uns – und eben das tun wir jetzt“, sagte Iván Márquez. Und damit das ohne Gewalt der Gegenseite vonstatten geht, erinnerte Iván Márquez an die als Friedenspartei und Projekt des guten Willens zur Beendigung des damals schon fast vier Jahrzehnte dauernden Bürgerkriegs gedachte Patriotische Union, die nach der Gründung 1985 etwa 4 500 ihrer Mitglieder durch gezielte Morde verlor. Wird es dieses Mal anders? Seit ihrer Waffenabgabe sind bereits sechs Ex-Guerilleros getötet worden; schlimmer noch: Fünfzehn Familienangehörige von FARC-Kämpfern wurden ebenfalls ermordet. Und es gibt vermehrt Drohungen.


Icononzo ist ein kleiner Ort im Departement Tolima, südlich von Bogotá. Auf der sich durch Andenseitentäler schlängelnden Sand- und Schotterpiste kommt man auf dem Weg dorthin unversehens über eine sehenswerte Steinbrücke; ein Parkplatz lädt zum Halten ein. Vögel zwitschern, bis auf ein scheinbar fernes Wasserrauschen herrscht Stille. In großer Tiefe, eingerahmt von zwei fast senkrecht verlaufenden Steilwänden, sieht man vom Brückengeländer aus ein Flüsschen, das in hunderttausenden Jahren diesen atemberaubenden Canyon geformt hat. Ein bezaubernder Ort. „Hier haben sie die Bauern und auch die Guerilleros heruntergeworfen. Irgendwo und irgendwann kamen die zerfetzten Leichen in den Dörfern an. Am Schlimmsten war es in den Neunzigern“, sagt Juan Carlos, der Fahrer unserer kleinen Gruppe.
Die Brücke, der Canyon – man mag nicht mehr so recht schauen. „Natürlich haben sie sie vorher zum Reden bringen wollen“, ergänzt Juan Carlos. Zum Reden bringen … Wenn die Todesschwadronen das geschafft hatten, dann wurden andere geholt. Getötet wurde man so oder so.
Wie viel fehlt dem Menschen zum Helden? Wie viele Menschen schweigen auch dann noch, wenn Motorsägen beginnen, ihnen die Gliedmaßen abzutrennen? Sogar nach halbstaatlichen Angaben wurden über achtzig Prozent der Massaker im kolumbianischen Bürgerkrieg von staatlichen Einheiten, Paramilitärs und „Unbekannten“ begangen; die Vereinten Nationen nannten in ihren Dokumenten fünfundneunzig Prozent.
In den Handbüchern zur Aufstandsbekämpfung heißt es, man müsse eben dem Fisch das Wasser entziehen, wenn sich die Guerilla im Volk wie ein Fisch im Wasser bewegt. Deshalb die Verbrechen an der Landbevölkerung, obwohl doch – befand ein Regierungsunterhändler bei den Gesprächen in Havanna – „die FARC nicht einmal 0,05 Prozent Unterstützung im Volk“ hätten. Für die recht schmutzige Arbeit beim Wasserentziehen – das demnach gar nicht erforderlich gewesen wäre – haben Staat und Großgrundbesitzer paramilitärische Banden engagiert. Vermutlich wollte man die Unterstützerquote auf 0,05 Prozent reduzieren.


Kurz vor dem Örtchen Icononzo passieren wir Militärposten. Noch vor einem Dreivierteljahr hätten sich diese nicht so entspannt geräkelt, wenn sie davon gewusst hätten, dass hunderte FARC-Guerilleros kaum einen Kilometer weiter lagerten. Das heißt: Auch dann nicht, wenn sie nicht davon gewusst hätten. Denn die Soldaten waren nie wirklich unbeobachtet, und im erwähnten Wasser haben sie sich im Taucheranzug und mit Atemgerät bewegt.


Drei der internationalen Delegierten des 22. Parteitags der Kolumbianischen KP (PCC), aus Spanien, Brasilien und Deutschland werden von zwei PCC-Mitgliedern nach Icononzo gebracht. Auf dem Schild am Eingang unseres Ziels steht: „Ländliche Übergangszone der Normalisierung Antonio Nariño“. Nariño war vor zweihundert Jahren ein berühmter Mitstreiter Simón Bolívars. Darunter liest man: „Icononzo – Territorium des Friedens“.
„Ländliche Übergangszone der Normalisierung“ – warum sich die Verhandlungspartner solch einen, auch im Spanischen komplizierten Namen für die Sammelstellen der Guerilleros ausgedacht haben? Vielleicht, weil es ursprünglich nur um eine vorübergehende Bleibe zur Waffenübergabe ging. „Wir wollen hier bleiben und ein Dorf gründen. Wir bauen daran schon seit Monaten“, erzählt César González, ein lokaler FARC-Kommandant. Eigentlich sollten die insgesamt 26 „Zonas Veredales Transitorias de Normalización“ (ZVTN) nur vom Vertragsabschluss zwischen FARC und Regierung im Oktober 2016 bis Mitte August 2017 funktionieren. Danach – so die Überlegung der Regierung – würden sich die 7 200 freiwillig demobilisierten Guerilleros in ihre ursprüngliche Heimat oder wohin auch immer begeben. Aber der politische Anspruch und die Kameradschaft der Kämpferinnen und Kämpfer, die in den verschiedenen ZVTN aus ihren jeweiligen Kommandostrukturen zusammengeblieben sind, ergaben ein anderes Szenario. Man ist hergekommen, hat hier die Waffen übergeben, und man hat sich vorgenommen zu bleiben.
In der ZVTN „Antonio Nariño“ in Icononzo, wo praktisch alle der 320 Farianas und Farianos aus dem „Bloque Central“ der FARC kommen, soll in Solidargemeinschaft Biolandwirtschaft betrieben werden. Yohnier, 32-jähriger Guerillero, der exakt die Hälfte seines Lebens in den FARC verbracht hat, zählt auf: „Wir haben Zwiebeln, Koriander, Möhren, Paprika, Schweine, Hühner und Kaninchen; und wir setzen natürlichen Dünger an. Letztlich kommen ja fast alle vom Land, und wir haben in all den Jahren immer mit der Bevölkerung auf dem Land gelebt.“ Grundlage für die wirtschaftliche Tätigkeit ist das am 4. Juli gegründete FARC-Kooperativensystem ECOMÚN, was eine Verkürzung von „Economía Común“ ist, also Gemeinwirtschaft meint. Zweitausend Guerilleros werden vom staatlichen „Nationalen Ausbildungsdienst“ (SENA) in landwirtschaftlicher Tätigkeit ausgebildet. Die Kooperativenbildung hat auch zum Ziel, das vom Krieg teils beschädigte soziale Gefüge in den Landgemeinschaften zu stabilisieren.
Arley, 25 Jahre alt, war zwölf, als er zu den FARC stieß. Er baut auch mit am Dorf, will aber nicht in die Landwirtschaft, sondern Kommunikation studieren. „Wir haben Nachrichtenkanäle über das Internet, das ist wichtig. Derzeit lerne ich hier am Computer.“


Dass man nun in den 26 Übergangszonen bleiben kann, scheint inzwischen tatsächlich im Interesse des Staats zu sein. Schließlich hat man die Gruppen in den 26 Zonen relativ leicht unter Kontrolle; größere Bewegungen blieben nicht unbemerkt. Es gibt ja das Militär ringsum – natürlich nur zum Schutz, heißt es. Gemeint sind die Paramilitärs. Der Staat schützt also seine Feinde vor seinen Freunden, die deren Todfeinde sind … Vielmehr hilft er wohl seinen Freunden, die nun fast freien Zugriff auf das ganze Land haben.
Wie dem auch sei: Anfang der 60er Jahre hatten die Bauern autonome Dörfer gegründet, die vom Staat als „Unabhängige Republiken“ diffamiert und attackiert wurden. Die Antwort war die Gründung der FARC. Der Kreis der Gewalt schließt sich nun mit 26 kommunistischen Dörfern.


Eigentlich muss der Staat die Infrastruktur der Übergangszonen stellen. Das heißt, nach wenigen Wochen hätten Behelfswohnungen stehen müssen. Mag sein, dass man sich angesichts von 26 Zonen im ganzen Land etwas zu weit aus dem Fenster gelehnt hat, aber was landesweit nach neun Monaten geschafft wurde, ist doch beschämend. Fast alle der 320 Menschen in der 17 Hektar großen Zone in Icononzo leben noch unter Planen. Nur wenige Gebäude sind fertig, Strom kommt aus einem Generator, Wasser aus einem Bach oberhalb des steil abfallenden Geländes, die medizinische Infrastruktur ist mangelhaft. Kommandant César González und sein Genosse Fáber Sánchez, mittlerweile seit neunzehn Jahren in der Guerilla, weisen auf die gegebenen Möglichkeiten hin: „Im Militärhospital kamen bis vor einigen Jahren täglich zwanzig, dreißig verletzte Soldaten an. Heute nicht einer. Aber der Militärhaushalt ist so hoch wie früher! Dieses Geld gehört in den Friedensprozess.“ Zum ursprünglich von der Regierung angestrebten eigentlichen Zeitpunkt der Auflösung der ZVTN „Antonio Nariño“ ist kaum ein Fünftel der Infrastruktur fertig. Laut einem Artikel in der PCC-Zeitung „Voz“ ist das de facto überall der Fall.
Die Baufirma in Icononzo nimmt auch Guerilleros als Helfer unter Vertrag, „zahlt aber unregelmäßig und schlecht“, so Yohnier. Ein ständiger Streitpunkt, und insgeheim wundert man sich doch über den Mut der Chefs der Baufirma, sich ausgerechnet mit diesen Arbeitern über Löhne anzulegen – aber „Unsere Waffen sind Worte“ heißt es nun definitiv bei den FARC. Es ist wie immer: Das Kapital glaubt den Kommunisten aufs Wort. Es ist rational.


„Wir haben unsere Pflichten erfüllt, aber der Staat tut es nicht!“ Carlos Antonio Lozada, wie Iván Márquez Sekretariatsmitglied der FARC, hat einen klaren, moralfreien Diskurs. Er empfängt die internationalen Delegationen des PCC-Parteitags in deren Zentralkomitee und erklärt die Geschichte des Landes, deren Gewaltursprünge letztlich bis zum Konflikt zwischen Francisco de Paula Santander und Simón Bolívar vor zweihundert Jahren zurückgehen. Schon im 19. Jahrhundert gab es unzählige Massaker, wobei es sich immer um Privilegien, Land und Ressourcen drehte. Noch einmal und dann richtig brach der Bürgerkrieg 1948 aus; allein in den folgenden sechzehn Jahren bis zur FARC-Gründung starben dreihunderttausend Menschen im Guerillakrieg zwischen Liberalen und Konservativen. Pedro Antonio Marín war in den 50er Jahren in einer liberalen Guerilla, kam in Kontakt mit kommunistischen Kadern wie Jacobo Arenas, den die PCC zu den Bauern gesandt hatte, und gründete unter dem Decknamen Manuel Marulanda mit vier Dutzend Gleichgesinnten offiziell am 27. Mai 1964 die FARC, die Revolutionären Streitkräfte Kolumbiens. Mit der militärischen Stärke und der unangefochtenen Präsenz mit Fronten im ganzen Land kam 1982 der Zusatz „Volksheer“ hinzu: FARC-EP.
„Wir haben uns für den Frieden gegründet, nicht für den Krieg. Wir haben auch nie an einen solchen Zeitraum von 53 Jahren bis zu unserer Demobilisierung gedacht.“ Carlos Antonio Lozada erklärt, warum die Bedingungen für die Linke nun besser werden können: „In diesem Land hatte der Staat nie ein Monopol auf Finanzen, Bewaffnung, Besteuerung oder Territorium. So war der Krieg immer die Grundlage für ein bestimmtes Modell der Repression. Heute gibt es aber Optionen für echte Reformen.“


Dazu gehört zuallererst, die Vereinbarungen von Havanna zu verteidigen. Der rechtsgerichtete Ex-Präsident Álvaro Uribe hat angekündigt den Vertrag „in Stücke zu reißen“, sollte sich sein Kandidat bei der Präsidentschaftswahl 2018 durchsetzen. Die Chancen dafür sind nicht einmal schlecht, denn die Wahlbeteiligung liegt in der Regel unter vierzig Prozent; auf dem Land aufgrund der staatlichen und der paramilitärischen Repression sogar noch darunter. Nach dem Wegfall der FARC haben sich Todesschwadronen wie die aus dem Militär kommenden „Águilas Negras“ und die von den Großgrundbesitzern finanzierten „Gaitanistas“ wieder breiter machen können.
Gewinnt die extreme Rechte jedoch auch diese Wahl nicht, dann wäre den Kriegsherren und Oligarchen ihr erfolgreiches Repressionsmodell abhanden gekommen; und nun ist zudem ein zweites Narrativ in der Öffentlichkeit, nachdem zuvor immer nur eine Seite ihre Sicht der Dinge über die Medien verbreiten konnte. Die FARC erscheinen jetzt auch in den Medien und mit ihnen zwangsläufig die Opfer und Hinterbliebenen. Carlos Antonio Lozada macht eine Dialektik aus: „In wenigen Monaten wird die Wahrheitskommission zusammentreten, dann wird es einen Bruch in der öffentlichen Debatte geben. Schon jetzt sind wir als FARC glaubwürdiger als die politischen Parteien; das sagen sogar die privaten Meinungsforschungsinstitute. Wir haben alle Waffen abgegeben, aber der Staat hat seine Versprechen nicht eingehalten. Und das kann jeder sehen.“


Der offensichtlichste Bruch der Vereinbarungen ist die massive Verzögerungstaktik der Regierung bei der im Amnestiegesetz vom Dezember 2016 festgelegten Freilassung der inhaftierten Guerilleros der FARC. Nur ein Drittel der etwa 3 000 Gefangenen kamen bisher frei, von den verbliebenen über 1 900 sind deswegen mehr als 1 400 im Hungerstreik. Die UN haben schon nachdrücklich bei der Regierung protestiert. Nahezu alle, die wegen einer Zugehörigkeit zu den FARC inhaftiert waren oder sind, werden in den ZVTN erwartet; diejenigen mit aufgrund anderer Vergehen erheblich höheren Haftzeiten werden in einer speziellen Zone in La Meseta, im Tiefland nahe Venezuela, ihre Strafen unter freiem Himmel erfüllen.
Die von den FARC in Havanna durchgesetzte Wahrheitskommission wird dazu führen, dass auch Vertreter des Staates zu langen Strafen verurteilt werden. Immer noch ungesühnt sind neben den Horrormassakern durch vom Staat ausgerüstete Paramilitärs die so genannten „Falsos Positivos“ des kolumbianischen Heers selbst. Zwischen 2002 und 2009 waren bis zu dreitausend Menschen getötet worden um sie – in entsprechende Uniformen gesteckt – als gefallene Guerilleros zu präsentieren. Dafür gab es Kopfprämien und Sonderurlaub. Human Rights Watch hat dieses Vorgehen als „eine der unseligsten Episoden massiver Gräuel, die in der westlichen Hemisphäre in den letzten Jahrzehnten begangen wurden“, bezeichnet. Iván Cepeda, Senator und Sohn des 1994 vom Staat ermordeten Senators der Patriotischen Union, des Kommunisten und damaligen „Voz“-Chefredakteurs Manuel Cepeda, nahm an der Eröffnung des PCC-Parteitags teil: „Die Friedenssonderjustiz wird die Opfer des Konflikts in einer Weise betreuen, die sie nicht als individuelle Fälle versteht, sondern als Teil krimineller Logiken und Strategien.“ Die Aufarbeitung hat gerade erst begonnen. Und sie wird ans Licht bringen, dass der Konflikt in Kolumbien keiner zwischen Staat und FARC war. Er war und ist einer zwischen oligarchischer Oberschicht und den zum Verkauf ihrer Arbeitskraft gezwungenen Menschen. Den Schutz derer auf dem Land hatten die FARC übernommen.


Materialistische Antwort eines FARC-Delegierten beim Parteitag der Kolumbianischen KP auf die Frage, wie er damit umgehe, dass seit der Waffenabgabe schon diverse Genossinnen und Genossen der FARC ermordet worden sind: „Das gehört hier dazu. Und wäre der Krieg weitergegangen, würden noch viel, viel mehr Menschen sterben.“


So ist der Krieg mit seinen Konsequenzen bei allen Hoffnungen und Aufbrüchen immer präsent. Die alte Gesellschaft ist noch nicht tot, die neue noch nicht geboren. Aber was die pure Aussicht auf Frieden bewirken kann, zeigt sich derzeit in besondere Weise: Es gibt in den ZVTN einen plötzlichen Babyreichtum. Zwanzig Compañeras haben allein in Icononzo in den letzten Monaten bereits entbunden, weitere fünfzehn sind schwanger. Ähnliche Nachrichten kommen aus allen Übergangszonen. Als die Vereinbarungen im vergangenen Jahr immer konkreter wurden, gab es für diese Fälle keine militärische Disziplin mehr. Zuvor waren Schwangerschaften in der Guerilla natürlich nicht gern gesehen. Die Genossinnen sind in diesen Fällen zu Verwandten oder Freunden gegangen und haben sich später wieder integriert, wenn sie das wollten.


„Wie kommen die Nachbarn in Icononzo damit klar, dass hier jetzt euer Lager ist?“ Yohnier hätte verdutzt sein können, weil er sich diese Frage selbst nie gestellt hätte. Aber die meisten nationalen und internationalen Besucherinnen und Besucher, die zurzeit in diese Zonen gehen und solche Fragen haben, wissen eben nicht um die Begleitumstände dieses Krieges, der nie einer der Guerilla gegen das Landvolk war. Im Gegenteil hatten sich die FARC-EP im Laufe der Jahre auf die Unterstützung Hunderttausender und die Sympathie von Millionen verlassen können. Die Umstände des härter werdenden Krieges, als modernste US-Informations- und Spionagetechnologie eingeführt wurde, als die Massaker der Todesschwadronen sieben Millionen Menschen zur Flucht in die Städte zwangen um den Bergbau- und Agroindustrien den Weg frei zu machen, haben zu Verwerfungen geführt. Und die zogen auch umstrittene Maßnahmen der Guerillas nach sich, wie zum Beispiel die jahrelangen Entführungen von Politikern. In den Städten sank die Akzeptanz der FARC, auf dem Land blieb sie solide.
„Wir haben gute Nachbarschaft. Wir kennen uns seit Jahren, waren oft bei ihnen, und viele haben uns unterstützt.“ Yohnier zeigt Geduld mit denen, die ihre Informationen zwar aus fortschrittlichen Medien beziehen, aber die Realität des Landes doch nicht so gut kennen. Was kolumbianisches Leben auf dem Land ohne eine bewaffnete Selbstverteidigung für die Bauern bedeutet, wird die Zukunft erweisen. Die Sorgen sind nicht klein, der Optimismus aber auch nicht.


César und Fáber sagen, dass sich deutsche NGOs und Kirchen in Sachen Ökologischer Landbau und Kooperativen engagieren; auch der deutsche Botschafter wolle in Kürze zu Besuch kommen. Alemania ist in Lateinamerika kaum verrufen.
In der ZVTN in Icononzo sind wie überall in diesen Zonen UN-Kräfte stationiert. Eine Guatemaltekin und ein Honduraner haben gerade Dienst; fast alle sind Lateinamerikaner, aber da und dort sind auch Deutsche stationiert. „Sogar eine Russin ist in Icononzo“, sagt Yohnier fast ein wenig stolz, ansonsten gibt es in Kolumbien nur wenige UN-Beobachter aus Europa. Die UN-Leute wohnen direkt am Ort der Waffenübergabe, die am 27. Juni mit der Aushändigung von insgesamt 7 132 Gewehren abgeschlossen war – alle Guerilleros der verschiedenen Blöcke und Fronten hatten ihre Waffen in den Übergangszonen übergeben. „Nicht mehr sehr lange“,werden die Vereinten Nationen bleiben, heißt es. Danach sind die unbewaffneten an die zehntausend Farianos ganz allein auf 26 Orte im ganzen Land verteilt.
Sie verlassen sich dann auch auf unsere Aufmerksamkeit. Und auf die Nachbarn.


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Leserbrief zu Artikel »Worte statt Waffen«, UZ vom 4. August 2017





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