Ein Mann gegen die Welt

Eine neue Biographie über Richard Nixon
Von Reiner Zilkenat
|    Ausgabe vom 11. August 2017
Präsident Richard M. Nixon mit dem Führer der Minderheit im Senat, Hugh Scott, dem Führer der Minderheit im Repräsentantenhaus, Gerald R. Ford, und dem Abgeordneten John Rhodes im Kabinettraum des Weißen Hauses in Washington. (Foto: Foto: Gerald R. Ford Presidential Library/gemeinfrei)
Präsident Richard M. Nixon mit dem Führer der Minderheit im Senat, Hugh Scott, dem Führer der Minderheit im Repräsentantenhaus, Gerald R. Ford, und dem Abgeordneten John Rhodes im Kabinettraum des Weißen Hauses in Washington. (Foto: Foto: Gerald R. Ford Presidential Library/gemeinfrei)

Tom Wiener: Ein Mann gegen die Welt. Aufstieg und Fall des Richard Nixon, S. Fischer Verlag, Frankfurt a. M. 2016, 458 Seiten, 24,99 Euro

Angesichts der Wahl von Donald Trump zum Präsidenten der USA wachsen überall in der Welt Unsicherheiten und Ängste über den künftigen Kurs des US-Imperialismus. In diesem Zusammenhang wird auch die Frage aufgeworfen, wie es dazu kommen konnte, dass ein derart ungebildeter Immobilienhai und politischer Dilettant, dessen skandalöse Umgangsformen selbst bei seinen Parteifreunden Befremden auslösen, zum mächtigsten Mann der kapitalistischen Welt gewählt werden konnte. Dabei gerät in Vergessenheit, dass manche seiner Vorgänger dem amtierenden Präsidenten durchaus ähnlich waren. Einer von ihnen war Richard Nixon, der von 1969 bis 1974 im Weißen Haus regierte.
In einer umfangreichen Biographie hat der Publizist Tim Weiner die inzwischen zugänglichen Tonbandaufzeichnungen der Gespräche Nixons im Oval Office, Dokumente aus verschiedenen Archiven sowie zahlreiche Interviews mit Weggefährten Nixons ausgewertet und ein ebenso komplexes wie vernichtendes Porträt des Präsidenten der USA veröffentlicht.
Nixon stammte aus einfachen Verhältnissen, hatte keine der Elite-Universitäten besucht, praktizierte als Anwalt in Kalifornien und war im Zweiten Weltkrieg auf dem pazifischen Kriegsschauplatz lediglich als Logistik-Offizier eingesetzt worden. Nach dem Krieg unterstützten wohlhabende Unternehmer den militant antikommunistischen Nixon finanziell bei den Wahlen zum Repräsentantenhaus. Nixon wurde gewählt und gewann als „Kettenhund“ des Kommunistenjägers McCarthy landesweite Prominenz. Als Mitglied des Ausschusses, der sich mit dem Aufspüren „unamerikanischer Umtriebe“ befasste, übermittelte ihm der FBI-Direktor J. Edgar Hoover sensible und mitunter manipulierte Informationen über das Privatleben „verdächtiger Personen“, die nicht selten auf illegalem Wege beschafft worden waren, um sie in der Öffentlichkeit zu diskreditieren. Der Lohn für Nixons demagogische Auftritte im McCarthy-Ausschuss folgte auf dem Fuße: 1950 wurde er zum Senator gewählt, bereits drei Jahre später ernannte ihn Dwight D. Eisenhower zu seinem Vizepräsidenten.
Als John F. Kennedy im November 1960 mit knappem Vorsprung vor Nixon aus den Präsidentschaftswahlen hervorging, schien seine politische Karriere beendet. Aber Nixon schaffte es 1968, von den Republikanern auf dem Parteikonvent als Präsidentschaftskandidat nominiert zu werden. Um seinen Wahlkampf zu finanzieren, zapfte Nixon nicht zuletzt dubiose ausländische Geldquellen an. Die griechische Militärjunta leistete mit 550 000 US-Dollar ebenso ihren Beitrag wie rechte politische Organisationen in Italien bzw. bis heute nicht genau zu rekonstruierende „Helfer“ in Mexiko, die Millionensummen beisteuerten. Unter anderem Philipps Petroleum (50 000 US-Dollar), der ehemalige Botschafter des kubanischen Batista-Regimes (15 000 US-Dollar) sowie ein namentlich nicht genannter Millionär aus Texas, der einen „siebenstelligen Betrag“ zur Verfügung stellte, überwiesen weitere „Wahlkampfspenden“.
Als Nixon sein Amt im Januar 1969 antrat, bildete vor allem der eskalierende Vietnam-Krieg die schwerste Hypothek, die ihm sein Vorgänger Lyndon B. Johnson (1963 bis 1969) hinterlassen hatte. Nixon hatte öffentlich versprochen, die insgesamt 550 000 Soldaten aus Südostasien abzuziehen und einen „ehrenvollen“ Frieden abschließen zu wollen, ja er beabsichtige, als „Friedensstifter“ in die Geschichte eingehen. Doch die Realität sah anders aus. Unter dem neuen Präsidenten erreichte der Krieg der USA gegen die südvietnamesische Befreiungsfront und Nordvietnam neue Dimensionen. Vor allem die barbarischen Bombardements mit B-52-Langstreckenbombern von Hanoi und Haiphong während der Weihnachtsfeiertage 1972 führten weltweit zu Protesten und Bekundungen des Abscheus. Er selbst berauschte sich im kleinen Kreis an der vernichtenden Wirkung dieser Bombenangriffe; so fragte er unter anderem, ob in Hanoi alle Fensterscheiben zerstört worden seien und ahmte die Geräusche der explodierenden Bomben nach.
Tim Weiner dokumentiert, dass Nixon verschiedentlich sogar den Einsatz von taktischen Atomwaffen erwog. So brachte er in einer Diskussion mit seinem Sicherheitsberater Henry Kissinger am 25. April 1972 den Einsatz von Nuklearwaffen gegenüber Nordvietnam als „Alternative“ eines Bombardements von Deichen mit konventionellen Bomben ins Spiel. Bereits wenige Tage zuvor hatte er in kleinem Kreis erklärt, falls sich eine ausländische Macht militärisch in den Krieg „einmischen“ wolle, „drohen wir mit der Atombombe“. Nur die Volksrepublik China und die UdSSR konnten hier gemeint sein. Und weiter: „Ich werde dieses gottverdammte Land (Nordvietnam – R. Z.) zerstören. Und lassen Sie mich sagen, auch mit der Atombombe. Wir werden Nordvietnam die Hölle heißmachen.“ Derartige Überlegungen blieben nicht auf Nordvietnam begrenzt, sondern wurden schon im April 1969 gegenüber Nordkorea erwogen, deren Luftabwehr ein US-amerikanisches Spionageflugzeug abgeschossen hatte. Generalstabschef Wheeler und Henry Kissinger favorisierten den Einsatz von „Honest John“-Raketen, deren Sprengköpfe über mehr als die doppelte Zerstörungskraft der Hiroshima-Bombe verfügten, vom Territorium Südkoreas aus gegen Ziele im Norden. Doch Nixon verwarf schließlich den Einsatz taktischer Atomwaffen, was er später bemerkenswerter Weise als den „schwersten Fehler“ seiner Präsidentschaft bezeichnete!
Der Vietnamkrieg führte in den USA zu einer immer größere Dimensionen annehmenden Protestbewegung. Gegen die anschwellenden Massendemonstrationen, die auch vor Washington nicht Halt machten, initiierte Nixon eine Fülle von Maßnahmen bzw. tolerierte sie. Sie zielten nicht zuletzt darauf ab, die Organisatoren dieser Aktionen zu kriminalisieren und in der Öffentlichkeit zu diskreditieren. Diesem Zweck dienten gesetzeswidrige Handlungen wie zum Beispiel Wohnungseinbrüche, die Kontrolle der Postsendungen, der Einsatz von „Wanzen“ in Privatwohnungen, Bespitzelungen von Protagonisten der Antikriegsbewegung durch Agenten des FBI und Telefonüberwachungen. Außerdem wurden Dossiers über 750 000 US-amerikanische Staatsbürger und solche Organisationen angelegt, die als Kritiker des Vietnamkrieges hervorgetreten waren. Zu diesen innenpolitischen Folgen des Vietnamkrieges finden sich in Weiners Band ausführliche und zum Teil verstörende Informationen. Legitimiert durch ein vom Kongress im Jahre 1950 verabschiedetes Gesetz („Emergency Detention Act“) wurde in der Nixon-Ära gewissermaßen der Bürgerkrieg vorbereitet. Der Kongress billigte die Finanzierung von sechs Internierungslagern, die allerdings nicht in Betrieb genommen wurden. Jedoch wurden am 1. Mai 1971 mehr als 7 000 Demonstranten in Washington verhaftet und in das größte Football-Stadion der Stadt verbracht. Es handelte sich um die größte Massenverhaftung in der Geschichte der USA.
Zur Watergate-Affäre ist in zahllosen Publikationen schon alles geschrieben worden, Weiner fügt aus bisher nicht zugänglichen Aufzeichnungen der Hintermänner manches interessante neue Detail dem bislang vorhandenen Wissensstand hinzu. Geradezu entlarvend ist die Sprache des Präsidenten: Gossenjargon ist eine noch untertriebene Beschreibung seiner extrem vulgären Diktion, hierin Donald Trump nicht unähnlich. Aus seinen rassistischen und antisemitischen Vorurteilen machte er im Kreise seiner Vertrauten keinen Hehl, ungeachtet seines aus einer jüdischen Familie stammenden Sicherheitsberaters Henry Kissinger. Mit Verachtung sprach er von Bundeskanzler Willy Brandt, den er als einen „Idioten“ bezeichnete. Schwerwiegend war Nixons Alkoholismus. Besonders gefährlich wurde er in weltpolitischen Krisen. Während der Jom-Kippur-Krieg im Oktober 1973 zu einem Weltkrieg zu eskalieren drohte, hielt sich ein volltrunkener US-Präsident handlungsunfähig in seinen Privaträumen im Weißen Haus auf. Seine leitenden Mitarbeiter handelten, als seien sie an der Stelle Richard Nixons. Und die Beziehungen zur Sowjetunion? Der SALT-1-Vertrag kam unter Dach und Fach, aber Nixon ließ nie einen Zweifel daran, dass er die UdSSR keineswegs als ebenbürtige Macht betrachtete. Im September/Oktober 1969 versetzte er die US-amerikanischen Truppen, darunter das Strategische Bomberkommando, in Alarmbereitschaft, um die Sowjetunion von einem militärischen Eingreifen in Vietnam angesichts von Großangriffen der US-Streitkräfte abzuhalten. Die Politik der Moskauer Führung um Leonid Breschnew und Alexej Kossygin war auch bei dieser Gelegenheit von einer bemerkenswerten Besonnenheit und Verantwortungsbewusstsein gegenüber dem Weltfrieden geprägt.
Insgesamt gilt, dass Nixon, wie der Autor hervorhebt, „sein gesamtes Leben dem Kampf gegen den Kommunismus gewidmet“ hatte. Dies blieb über die Jahrzehnte eine Konstante seines Denkens und Handelns. Dass die Herrschenden ihn schließlich nicht länger als ihren Prokuristen im Weißen Haus amtieren lassen wollten, hatte Nixon mit seinen schrankenlosen Handlungen selbst organisiert. Man brauchte jetzt einen „seriösen“ Nachfolger, der die Massenloyalität zum bestehenden gesellschaftlichen System zu festigen imstande war und das arg ramponierte Ansehen des US-Imperialismus in der Welt wiederherstellen konnte. So wurde Richard Nixon zum Rücktritt veranlasst; an seine Stelle trat Vizepräsident Gerald Ford. Dass es letztlich nicht um Präsidenten mit unterschiedlichen persönlichen Vorzügen und Schwächen geht, sondern um Personen als Garanten für die von möglichst vielen akzeptierte Fortexistenz des imperialistischen Gesellschaftssystems und die Aufrechterhaltung des US-amerikanischen Weltmachtanspruchs – dieser Gedanke kommt bei Wiener allerdings zu kurz.
Seiner Nixon-Biographie sind dessen ungeachtet viele Leserinnen und Leser zu wünschen.

Tom Wiener: Ein Mann gegen die Welt. Aufstieg und Fall des Richard Nixon, S. Fischer Verlag, Frankfurt a. M. 2016, 458 Seiten, 24,99 Euro


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Leserbrief zu »Ein Mann gegen die Welt«, UZ vom 11. August 2017





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