Kultursplitter

Von Herbert Becker
|    Ausgabe vom 25. August 2017

Starke Worte
Die für Ende August angekündigte documenta-Performance „Auschwitz on the beach“ des Italieners Franco Bifo Berardi sorgt in Kassel für Empörung. Die documenta relativiere „mit diesem Titel die nationalsozialistische Judenverfolgung“, sagte Martin Sehmisch, Leiter der Informationsstelle Antisemitismus in Kassel. Zudem werde „die europäische Migrationspolitik, die in der Performance thematisiert werden soll, mit Vokabeln belegt, die aus dem Kontext des nationalsozialistischen Massenmordes an den europäischen Juden“ stammten. In der offiziellen Ankündigung der Veranstaltung bezichtigt der Autor und Aktivist Berardi die Europäer (wen meint er damit?) „Konzentrationslager“ auf ihren eigenen Territorien einzurichten und „Gauleiter“ in der Türkei, Libyen und Ägypten dafür zu bezahlen, die „Drecksarbeit“ entlang ihrer Küsten zu erledigen. „Das Salzwasser hat mittlerweile Zyklon B ersetzt“, heißt es unter anderem. Berardi rechtfertigte seine Wortwahl mit der Begründung, dass der Name Auschwitz für das stünde, was gänzlich unmenschlich sei. Er habe lange gezögert, solche Worte zu schreiben.

Hilfloses Gerede
Die Ruhrtriennale begann am letzten Freitag in der Bochumer Jahrhunderthalle mit der Debussy-Oper „Pelléas et Mélisande“. Die Eröffnungsrede hielt die unsägliche Literaturnobelpreisträgerin Herta Müller. Bis zum 30. September gibt es im ganzen Ruhrgebiet Schauspiel-, Opern- und Musikaufführungen sowie Installationen. Spielorte sind häufig Industriedenkmäler, etwa in Bochum, Dinslaken, Dortmund, Duisburg und Essen. Es ist die letzte Ruhr­triennale-Spielzeit von Intendant Johan Simons. Er sieht die humanistisch-aufgeklärte Weltsicht schmerzvoll in Frage gestellt. Simons äußerte sich bei der Vorstellung des Programms sehr skeptisch zum Zustand der Welt: „Unser Selbstverständnis bekommt Risse. Unsere europäische, humanistisch-aufgeklärte Sicht auf die Welt ist nicht die einzig denkbare. Wir sind mit aggressiven Gegenentwürfen konfrontiert.“ Wie er diese Sicht angesichts der imperialistischen Aggressionen noch als humanistisch bezeichnen kann, bleibt wie auch sein Seelenschmerz geradezu typisch für sich gerne als linksliberal verstehende Kulturmanager. Mit dem hilflosen Titel „Freude schöner Götterfunken“ unterstreicht die diesjährige Ruhrtriennale ihre Orientierungslosigkeit bei der Suche nach Utopien und Visionen. Geldgeber, genannt Projektförderer, sind die Stiftungen der verschiedenen Konzerne der Ruhrindustrie.

Trump kneift
Der Kennedy-Preis wird seit 1977 durch das John F. Kennedy Center for the Performing Arts in Washington, D. C. jährlich am ersten Dezember-Wochenende an darstellende Künstler für deren „außergewöhnliche Beiträge zur amerikanischen Kultur mit ihrem Lebenswerk durch ihre dargestellten Künste“ vergeben. Geld gibt es nicht, nur schöne Orden für das Dekolleté bzw. für das Revers. Nach Boykottankündigungen mehrerer Preisträger hat US-Präsident Donald Trump seine Teilnahme an den diesjährigen Feiern anlässlich der Kennedy-Center-Auszeichnungen abgesagt. Er und First Lady Melania Trump hätten sich entschieden, sich nicht an den „Aktivitäten“ zu beteiligen, um den Geehrten ein Feiern „ohne politische Ablenkungen“ zu ermöglichen, teilte das Weiße Haus mit. Schade, denn die diesjährigen Geehrten und ihre VorgängerInnen hätten dem Herrn sicherlich so einiges auf die Ohren gegeben. TV-Produzent Norman Lear und Carmen de Lavallade, eine der ersten Afroamerikanerinnen, die an der Me­tropolitan Opera tanzten, hatten zuvor mitgeteilt, dass sie dem Empfang aus Protest gegen Trumps Politik fernbleiben würden. Gloria Estefan hätte die Veranstaltung lieber nutzen wollen, um ihre Sichtweise klarzumachen und sagte ebenfalls ab.Herbert Becker


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