Denk ich an Deutschland in der Nacht

Kommissar Vincent Che Veih erkennt „Es kommt alles wieder“
Von Bee
|    Ausgabe vom 1. September 2017

Horst Eckert, Wolfsspinne. Rowohlt Verlag, Hamburg 2016, geb., 488 S. 19,95 Euro

Horst Eckert, Wolfsspinne. Rowohlt Verlag, Hamburg 2016, geb., 488 S. 19,95 Euro

Eisenach, 4. November 2011. Zwei Männer werden tot in einem Wohnmobil aufgefunden. Vorher hatten sie eine Bank ausgeraubt, 70 000 Euro erbeutet, sind durch die ganze Stadt geflohen, um sich in Stregda ein ruhiges Plätzchen zu suchen. Da war doch was? Richtig! Dies ist die offizielle Darstellung der letzten Stunden im Leben von Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt und somit das Ende des Nationalsozialistischen Untergrunds, kurz NSU. Ronny weiß es besser.
Düsseldorf, 30. November 2015. Vincent Che Veih, leitender Hauptkommissar der Mordkommission, nimmt mit seiner Freundin an einer Anti-Pegida-Demo teil. Eher unfreiwillig gerät er in den Block der Antifa, wird Ziel eines faschistischen Schlägers und dann von Polizeikollegen. Die sind nicht zimperlich, sehen in ihm den Rädelsführer und nehmen den „linken Schläger“ in Gewahrsam. Mit Folgen. Ein gefundenes Fressen für die Boulevardpresse. Die Behörde ist „not amused“. Vincent glaubt an ein Missverständnis und macht seine Arbeit. Schließlich ist ein Mord aufzuklären. Melli Franck, Inhaberin eines angesagten Düsseldorfer Restaurants, ist auf bestialische Art getötet worden. Seine Ermittlungen führen ihn ins Drogenmilieu. Dort trifft er auf Ronny Vogt, seinen weitläufigen Verwandten aus Jena, der vor mehr als 20 Jahren einige Zeit bei ihm und seinen Großeltern gewohnt hatte. Und Ronny wird ihm eine schier unglaubliche Geschichte erzählen.
Horst Eckert entwirft in „Wolfsspinne“ ein Szenario der Geschehnisse am 4. November in Eisenach und wie es dazu kam. Mit Ronny Vogt hat er eine Figur geschaffen, die dem Killer-Trio des NSU sehr nah kommt. Ronny wurde vom Thüringer Verfassungsschutz in die rechte Szene eingeschleust, befreundet sich mit Gerri und Max, verliebt sich in Liese, radikalisiert sich mit ihnen. Sie erfreuen sich umfangreicher Unterstützung. „Die Geheimdienste sahen nicht weg, sie mischten mit“ beim Aufbau rechter Strukturen. „Die Nazis in den Verfassungsschutzämtern. Es gibt sie“, resümiert Ronny, während er Akten schreddert. Ebenso wie die Kollegen überall in der Bundesrepublik. Auch im BKA und diversen Polizeidienststellen wird aufgeräumt. Nichts darf an die Öffentlichkeit. Er war in den NSU stärker involviert als ihm lieb ist, wurde zum (Mit-)Täter, weiß alles und darf niemals darüber sprechen. Etwa darüber, dass die Kripo kurz davor stand, Gerri und Max einer Serie von Banküberfällen zuzuordnen. Für seinen Arbeitgeber ist das gefährlich und musste verhindert werden. Liese rät er, sich zu stellen „Lass dich auf einen Deal ein. Sie werden dich am Leben lassen, wenn sie wissen, dass du schweigen wirst. … Dein Schweigen ist deine Lebensversicherung“. Jetzt ist er ausgeliehen an das LKA Düsseldorf, muss wieder undercover ermitteln und gerät wieder in Neonazi-Kreise. Eigentlich soll er einen Drogenring bespitzeln. Sein langjähriger Mentor und Chef in Thüringen, jetzt LKA, hat ihn für den Job angeheuert.
Parallel dazu lässt Eckert seinen Kommissar Vincent Veih den Mord an Melli Franck untersuchen. Sie hatte nicht nur Drogen-, sondern auch Geldprobleme. Geholfen hat ihr nicht ihr Freund, sondern der Ex, ein mächtiger Immobilienfonds-Manager. Außer diesen beiden werden Mitarbeiter, Freunde und Bekannte befragt. Marie, eine Freundin, ist hilfreich und steuert nebenbei eine schlüssige Erklärung zur Steigerung der Renditen von Investoren durch geschlossene Immobilienfonds und Mietkaufgeschäften bei. Plötzlich sind nicht nur Drogen, sondern auch Finanzjongleure und militante Neonazis im Spiel. Netzwerke überall. An dem Punkt bricht Ronny sein Schweigen, offenbart sich Vincent und trägt so zur Aufklärung der Tat und weiterer Anschläge bei.
Horst Eckert ist eine Meister darin, Fakten und Fiktion zu verschmelzen, hat dabei seine beiden Erzählstränge kunstvoll verknotet und hält alle Fäden fest in der Hand. Er mag es „wenn in einer spannenden Geschichte Bezüge zur Wirklichkeit so stark werden, dass man anfängt, sich mit ihr auseinanderzusetzen“. Mit „Wolfsspinne“ ist ihm erneut ein hochspannender, beunruhigender, ja schockierender Politthriller gelungen, in dem es auch um die Zerfallserscheinungen einer kapitalistischen Gesellschaftsordnung geht. Es ist ein Roman, eine Fiktion. Wirklich?


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Leserbrief zu Artikel »Denk ich an Deutschland in der Nacht«, UZ vom 1. September 2017





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