Kultursplitter

Von Herbert Becker
|    Ausgabe vom 1. September 2017

Computerspiele als Kulturgut?
In Köln ging die Spielemesse Gamescom mit einem Besucherrekord (mehr als 350 000) zu Ende. Für den Geschäftsführer des Deutschen Kulturrats, Olaf Zimmermann, sind Computerspiele selbstverständlich Teil des Kulturguts und er meinte, „manche Perlen unter den Computerspielen sind sogar Kunstwerke“. Nach der Kontroverse über die Erweiterung des Kultur- und Kunstbegriffs auf Computerspiele zweifle heute kaum noch jemand an deren kulturellem Wert. Woher er diese Weisheit hat, blieb unbekannt, aber höhere Weihen gab es auch durch die Kanzlerin, die bei ihrem Besuch die komplette Einordnung vornahm. Computerspiele „seien Kulturgut, Innovationsmotor und als Wirtschaftsfaktor von allergrößter Bedeutung“. Die Branche bezeichnete sie als „starken Pfeiler der deutschen Wirtschaft“. Und darum geht es schließlich, mögliche Suchtgefahren, Gewaltszenerien und Unterdrückung in nicht wenigen beliebten Spielen kamen nur am Rande vor und sollten nicht die Begeisterung stören. Der Branchenverband meldete voller Stolz, dass mehr als 150 Politiker aller großen Parteien nach Köln gekommen seien, die Wünsche nach Fördermitteln für mehr eigene Produkte wurden wohlwollend aufgenommen.
Provozierte Erregung?
Die umstrittene Performance „Auschwitz on the beach“ ist aus dem Programm der „documenta 14“ in Kassel genommen worden. Franco Berardi, der italienische Künstler, der eigentlich die Performance mit dem Vergleich der europäischen Flüchtlingspolitik und Auschwitz veranstalten wollte, zitierte programmatisch Karl Marx: „Die Menschen machen ihre eigene Geschichte, aber sie machen sie nicht aus freien Stücken, nicht unter selbstgewählten, sondern unter unmittelbar vorgefundenen, gegebenen und überlieferten Umständen.“ Auf die heutige Flüchtlingsfrage übertragen, meint er, „Die Flüchtlinge an den Stränden des Mittelmeeres sind dort aufgrund von Umständen, die sie sich nicht selbst ausgesucht haben: Bürgerkriege, politisches und soziales Elend in ihren Herkunftsstaaten“. Von einem Künstler kann man verlangen, dass er sich mit der Geschichte des Vernichtungslagers auseinandergesetzt hat. Die Menschen sind von den Faschisten in die Gaskammern getrieben worden, die Flüchtlinge werden jedoch nicht bewusst ermordet, sondern möglichst von Europa ferngehalten, solche provokativen Gleichsetzungen sind kalkuliert, der Preis für das Erregen von Aufmerksamkeit ist schändlich und fällt auf den Künstler und die documenta-Macher zurück.
Können das Maschinen?
Nachdem der Wunsch der großen Bibliotheken, keine gedruckten Bücher mehr vorzuhalten und zu sammeln, sondern lieber digitalisierte Texte zu speichern, langsam und unaufhaltsam erfüllt wird, kommt jetzt der nächste Schritt. Die Nationalbibliothek stellt ihr System der sogenannten Verschlagwortung um. Bislang wurde diese Arbeit von Menschen gemacht, jetzt sollen Rechner das übernehmen. Die Nationalbibliothek will damit das gesamte System vereinheitlichen, denn digitale Publikationen werden schon länger maschinell erfasst. Über die Sinnhaftigkeit dieser Unternehmung wird heftig gestritten, zwar können die Maschinen Häufigkeiten und Zusammenhänge auswerten, in denen die einzelnen Wörter in den Texten vorkommen. Darüber hinaus können sie sich Inhaltsverzeichnisse angucken und die, wenn sie so programmiert sind, höher gewichten. Überall da, wo eine ausgereifte Nomenklatur der Disziplin existiert, mag dies ein Weg sein, aber immer dann, wenn Begriffe aus den Gesellschafts- und Geisteswissenschaften einzuordnen und diese oft doppeldeutig sind, kann reichlich dummes Zeug produziert werden. Jeder, der Suchmaschinen nutzt, kann ein Lied davon singen. Warum nun Bibliotheken diesen Weg gehen wollen, hat was mit schmalen Etats zu tun, schließlich kosten BibliothekarInnen laufend Geld, die Maschinen nur einmalig.


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Leserbrief zu Artikel »Kultursplitter«, UZ vom 1. September 2017





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