Geplantes Chaos an den Schulen

Lehrerinnenmangel zum Schulanfang – besonders in Niedersachsen
Von Klaus Stein
|    Ausgabe vom 8. September 2017

Bildungsplanung ist leicht. Am Ende eines Jahres geht die Schulministerin durchs Land, zählt die Neugeborenen, teilt die Summe im Falle von Niedersachsen durch 14,9 und schon weiß sie, wieviel Stellen an Grundschulen benötigt werden. Die Regierung hätte in den kommenden Jahren ausreichend Zeit, die benötigten Lehrer – in den Grundschulen zumeist Lehrerinnen – pünktlich auszubilden für den Fall, dass nicht genug da sind. Denn die Zahl der Lehrerinnen und Lehrer, die in den Ruhestand gehen, ist ebenfalls gut abzuschätzen. Das gilt auch bei Schwangerschaften und in anderen Fällen, die zwar für den unwägbaren Einzelfall folgenschwere Einschnitte bedeuten, im Durchschnitt eines Landes mit 850 000 Schulkindern aber unerhebliche Schwankungsbreiten aufweisen.
Insofern sind die zu Beginn dieses Schuljahres plötzlich aufklaffenden Personallücken an den Grundschulen Niedersachsens ungewöhnlich und erstaunlich. Laut Ministerium fehlen 230 Lehrer aus Gründen der Abkehr vom Turbo-Abi. Es erschließt sich nicht sogleich, warum der Mangel an Gymnasiallehrern Lücken an den Grundschulen verursacht – und dann so plötzlich. „Eine auskömmliche Unterrichtsversorgung und die Sicherung des Pflichtunterrichts haben für die Landesregierung höchste Priorität“, tönt es aus dem Ministerium. Die Grundschule habe dabei Vorrang, weil die verlässliche Betreuung bis 13 Uhr zu sichern sei. Folglich sind Schulleiter der Gymnasien und Gesamtschulen angewiesen worden, ihre mühsam erstellten Stundenpläne zu revidieren und Lehrerstunden an andere Schulformen abzugeben.
Die Kooperative Gesamtschule (KGS) Hemmingen mit ihren 135 Lehrern muss zunächst bis Juli 2018 vierzehn Lehrer an fünf Grundschulen in und um Hannover abgeben – meist für einen Vormittag. Erst nach den Sommerferien waren die Abordnungen beziffert worden. Zunächst ging es um 141 Stunden, die umgeplant werden mussten, unterdessen sind es 75 Stunden in der Woche, die KGS-KollegInnen an Grundschulen zu unterrichten haben. Das lassen die Lehrer in der Regel nicht freiwillig mit sich machen. Die Abordnungen musste die Landesschulbehörde verfügen, weil der Personalrat sie abgelehnt hatte. Die Lücken im Stundenplan der KGS Hemmingen werden nunmehr durch Überstunden ausgeglichen, wie die „Hannoversche Allgemeine“ berichtet. Landesweit sind 170 Lehrer mit rund 1 000 Stunden an Grundschulen abgeordnet. Es können aber auch mehr sein. Die Lokalzeitungen in Niedersachsen sind voll von Klagen Betroffener.
Wolfgang Schimpf, Vorsitzender der niedersächsischen Direktorenvereinigung: „Es ist eine irrige Vorstellung, dass ein Gymnasiallehrer den Grundschulbereich mal miterledigt. Im Gegenteil, es ist für die Grundschulkollegen eine Missachtung ihrer täglichen Arbeit, wenn der Eindruck entstehen sollte, da kommt jemand aus dem Gymnasium und nach zwei Tagen kann er das auch. Das ist völlig neben der Wirklichkeit.“ (NDR 3.8.17)
Schon vor diesem Verschiebebahnhof hatte die GEW Alarm gegeben. Viele Lehrer in Niedersachsen seien massiv überlastet. Im Wochenschnitt arbeite ein Gymnasiallehrer drei Stunden mehr als andere Beamte. Auf ein Jahr hochgerechnet kommt die GEW damit alleine bei Gymnasien auf zwei Millionen Stunden. Lehrkräfte an Grundschulen lägen 1,2 Stunden über dem Soll.


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