Der letzte Kunde

In Berlin stimmt Rainer Wittkamp einen „Hyänengesang“ an
Von Ellen Beeftink
|    Ausgabe vom 22. September 2017

Violetta ist schön, labil und bald schon tot. Statt schnelles Geld zu verdienen, wird sie in einer Hotelsuite von ihrem Kunden zusammengeschlagen und später tot aufgefunden. Saif Mohamed Zekri ist polizeibekannt, hat die Palette möglicher Straftaten nahezu ausgeschöpft und nichts zu befürchten. Er ist Militärattaché an der Botschaft des Oman und von daher immun gegen jegliche Art von Strafverfolgung.
Roman Weiler ist ein abgehalfterter Schnulzenkönig, pleite, von Selbstmitleid zerfressen und plant sein Comeback. Seine Millionen hat er durch Spekulationen in den Sand gesetzt, in die ihn sein Freund und Manager getrieben hatte. Jetzt hat der ihm auch noch den Neustart vermasselt und Roman sinnt auf Rache.
Maximilian Hollweg hat sich vom Künstlermanager zum Finanz- und Immobilienhai entwickelt, sitzt nach einem Autounfall mit Fahrerflucht im Rollstuhl und dreht am größten Geschäft seines Lebens.
Martin Nettelbeck ist leitender Hauptkommissar beim LKA in Berlin, liebt seine ghanaische Frau, seine Kinder und Jazz. Er soll den Fall der Toten im Nobelhotel klären. Ermittlungen in Diplomatenkreisen sind heikel, erfordern Fingerspitzengefühl und führen zu nichts. Nettelbeck weiß wie das enden wird. In Resignation und Frustration und er hat wenig Lust, dafür seinen Urlaub zu opfern. Er wird sich noch mit einem weiteren Mord befassen müssen.
Das ist nur der innere Kreis der handelnden Personen in Rainer Wittkamps fünften Krimi „Hyänengesang“ um Kommissar Martin Nettelbeck. Eine Unmenge gut gezeichneter Nebenfiguren bevölkern das Geschehen. Schräge und skurrile Typen, ausgenutzte und hilfsbereite, Kotzbrocken und Abzocker treffen hier aufeinander. Der Autor knüpft immer neue Fäden, die zu entwirren Nettelbeck nicht leicht fallen, von denen aber keiner verloren geht. Es gibt einen kleinen Exkurs in Sachen Sexgewerbe. In der „Begleiterbranche“, neudeutsch Escort-Service, erfahren wir, werden Dienstleistungen extrem gut bezahlt. Ein Weiterer liefert Einblicke in die Abläufe und Machenschaften bei der Finanzierung von Großprojekten hier und anderswo. Und größere Ausflüge in die Welt des Jazz. Der Freizeitposaunist Nettelkamp weiß: „Die Posaune ist nicht das Instrument, sondern der Posaunist“ und schwärmt von unbekannten, gleichwohl genialen Musikern, die es zu entdecken gilt. Vor allem aber geht es um schnöde Polizeiarbeit und analog dazu die Arbeit der Ganoven. Durch die vielen Perspektivenwechsel ahnt der Leser oft schon, was das Kripo-Team erst mühselig ermitteln muss. Das tut der Spannung keinen Abbruch, hält das Tempo auf hohem Niveau und führt zu überraschenden Wendungen.
Es geht – natürlich – um Geld. Um Gier, Rache und um Träume. Wohlige oder Gruselige, auf jeden Fall Zerplatzende. Wittkamp legt seine Geschichte als eine Mischung aus Gaunerstück und Ermittlerkrimi an. Der Spagat zwischen den Genres gelingt ihm ausgezeichnet. Sein Ton ist trocken, schnoddrig, die Sprache dem jeweiligen Protagonisten angepasst. Köstlich, die Charakterstudie eines aufgeblasenen Gecken, der sich für einen Künstler hält. Alles in allem ist „Hyänengesang“ ein ausgesprochen kurzweiliger, witziger und wendungsreicher Krimi. Gerade das Richtige zum Abschalten und zur Ablenkung vom grauen Alltag.


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Leserbrief zu Artikel »Der letzte Kunde«, UZ vom 22. September 2017





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