Kultursplitter

Von Herbert Becker
|    Ausgabe vom 6. Oktober 2017

Wirbel machen
Da bildet sich ganz schnell nach der Bundestagswahl eine sogenannte Initiative „Kulturausschuss schützen“ und hat innerhalb von drei Tagen mehr als 11 000 Unterstützer gewonnen. Sie will vermeiden, dass Politiker der Alternative für Deutschland (AfD) zukünftig den Vorsitz im Kulturausschuss besetzen dürfen. Zwar gibt es noch keinerlei Anstalten von wem auch immer, wie die Besetzung der neuen parlamentarischen Ausschüsse aussehen wird, aber so ein Offener Brief an den Ältestenrat des Bundestages kommt immer gut an. Im Brief heißt es, es dürfe nicht passieren, dass eine „rechtsradikale Partei“ an einer der sensibelsten Stellen des parlamentarischen Systems ihr „nationalistisches Gift“ injiziere. Ob dies für den Politikbetrieb tatsächlich eine so wichtige Position ist, lässt sich aus der Arbeit des letzten Kulturausschusses nicht folgern. Erstunterzeichner der Initiative sind u. a. die Schauspielerin Iris Berben, der unvermeidliche Klaus Staeck, die versammelten Präsidenten des Bühnenvereins, des Goethe-Instituts und der Stiftung Preußischer Kulturbesitz sowie Abgeordnete aus CDU, CSU, SPD, den Grünen und den Linken, fehlt die FDP, aber die hat mit Kulturpolitik eh nie viel am Hut gehabt.

Mitmenschlichkeit
Der „Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung“ gab der österreichische Filmregisseur Michael Haneke anlässlich seines neuen Films „Happy End“ ein Interview. Er kritisiert die fehlende Mitmenschlichkeit in den westlichen Gesellschaften: „Wir haben hier die bestmöglichen Voraussetzungen, mitmenschlich zu sein, weil wir im vollen Luxus leben. Wir sind es aber nicht, wir sind bloß mitmenschlich mit uns selbst“, des Weiteren hätten „wir als Gesellschaft, wir alle hier, die wir verwöhnt im Mittelpunkt des Wohlstands sitzen, kein Recht auf ein Drama“. Und die „Nöte in unseren Breiten“ seien „läppisch“ im Verhältnis zu dem, was andere Menschen erleben müssten, „nicht zuletzt als Folge des Kolonialismus unserer Vorfahren“, so der Regisseur. Man fragt sich, auf welchem Stern lebt der Herr, wenn er die Lebensverhältnisse von Millionen Europäern so abtut und den Wohlstand, ja Luxus der Reichen und Schönen als für alle zugänglich beschreibt. Den Vorwurf, seine Filme seien kalt und grausam, findet Haneke nicht zutreffend: „Nicht ich schau grausam auf die Welt, die Welt ist halt so, wie sie ist: widersprüchlich und schwierig.“ So kommt man um eine konkrete Analyse herum und guckt nur durch die Kameralinse.

Passend
Zum „Tag der Deutschen Freizeit“, pardon „Einheit“ will die SPD-Kulturexpertin Eva Högl und bisher stellvertretende SPD-Fraktionschefin eine neue Debatte im Bundestag anzetteln. Das sogenannte „Einheits- und Freiheitsdenkmal“, im Volksmund „Wippe“ genannt, kommt nicht richtig voran, die Plankosten von 10 Millionen sind schon mal gestiegen auf 15 Millionen. Letztes Jahr stoppte der Haushaltsausschuss den Bau, kurz vor der Sommerpause gab es dann wieder grünes Licht, aber der Bau ruht. Eine Bürgerinitiative, die seit Wochen jeden Tag gegen den vorgesehenen Standort des Denkmals auf dem Sockel des früheren Kaiser-Wilhelm-Nationaldenkmals protestiert, versucht beharrlich, den Blödsinn, der aber ideologisch hoch aufgeladen ist, zu stoppen. Sie will aber nur einen anderen Standort und versteht wohl nicht, dass Stadt und Bund ihr Marketing für Touristen durchsetzen will. Högl will nun, dass der neu gewählte Bundestag sich zügig mit dem Thema auseinandersetzen und darüber verständigen soll, wie das Denkmal realisiert werden könne. Die neuen Mehrheiten werden es schon wuppen.


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Leserbrief zu Artikel »Kultursplitter«, UZ vom 6. Oktober 2017





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