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Reloaded: Schattenspiele mit Che Guevara
Von Andi Nopilas
|    Ausgabe vom 6. Oktober 2017

( M. I.)

Wahlkampfzeiten sind Plakatezeiten. Und so taucht er auch 2017 auf, im Wahlkampf im imperialistischen Deutschland, wo es doch so gar nicht um einen bewaffneten Aufstand geht, und ganz offenkundig nicht einmal um irgendeinen anderen Aufstand – nicht einmal um jenen der Anständigen, den es vor Jahren gegeben haben sollte und dessen Ausbleiben der Republik eine neue drittstärkste Fraktion im Parlament gebracht hat. Die Älteren erinnern sich vielleicht.
Also, der Che Guevara ist zu sehen, und zwar auf Wahlwerbung der Fünf-Köpfe-Partei „MLPD“. Das ist eine Millionengrube des Kapitals, deren Plakatierungspotential bundesweit flächendeckend mit dem von AfD, SPD und CDU/CSU mithält, allerdings mit nicht annähernd so viel Zuspruch. Dass ausgerechnet eine Organisation, deren Mitglieder sich abfällig über die Kubanische Revolution äußern und die, wenn es entscheidend darauf ankommt, immer mit der Konterrevolution marschiert ist (ob in Angola, Kambodscha oder Venezuela), den milliardenfach verbreiteten Kopf des Che auf ihre Wahlwerbung druckt, um zu suggerieren, er hätte Konterrevolutionäre dieser Art nicht etwa mit der Waffe in der Hand bekämpft, sondern sei ihr Parteigänger – das gehört genauso zum Umgang mit dem argentinisch-kubanischen Revolutionär, wie wenn linksbürgerliche Verlage teure Bildbände über die Kubanische Revolution herausgeben, die dann der Che – natürlich ohne seine Zustimmung und vermutlich auch gegen seinen Willen – als Ikone auf dem Einband schmücken muss.
Wie ist es immer wieder möglich, dass Leute, die sich in keiner Weise für eine sozialistische Revolution engagieren – sondern als kleinbürgerliche Linkssektierer für die undialektische und zusammenhanglose, ganz im Sinne der Herrschenden gemachte Verballhornung des Ernesto Guevara sorgen – nicht nur mehr Einfluss auf die „öffentliche Meinung“ haben als wir, sondern auch noch den Eindruck vermitteln können, dieser Mann würde heute ebenso wenig mit den Taten und Idealen seiner Jugend zu tun haben wie sie selbst? Gründe dafür mag es mehrere geben, einen hat die UZ vor zehn Jahren genannt:

Weil er sich nicht mehr wehren kann und weil er sich jung und schön so gut eignet – mindestens, seit er denn endlich tot war. Lebendig sind die Revolutionäre nämlich so eine Sache. Da ist der europäische Gutmensch im besten Falle „solidarisch“, natürlich mit dem Vorwort „kritisch“. Denn Fehler geschehen denen, die etwas tun, und Fehler sind nicht so sexy. Che meinte dazu: „Wir irren lieber an der Seite des Volkes als Recht zu haben an der Seite der Unterdrücker.“ Stimmt, aber seine Fans verstehen ihn nicht: Die gleichen Leute, die mit einem Che Guevara auf dem T-Shirt herumlaufen, können absolut selbstverständlich gegen Fidel Castro sein. Das geht, wenn sich das Weltbild entsprechend gebaut wird: „Die beiden hatten ja schon immer Meinungsverschiedenheiten, Fidel war gegen Ches Bolivien-Projekt, Fidel hat den Che in Bolivien ins offene Messer laufen lassen“ undundund. Für „Revolution“ sein und gegen Kuba, das geht. Für ein menschenwürdigeres Leben in Nicaragua, aber gegen die Ortega-Regierung, das geht auch. Ganz zu schweigen von denen, die heute noch mit der Waffe kämpfen – was in den Fünfzigern auf Kuba noch revolutionärer Mut war, ist heute in Kolumbien eine Menschenrechtsverletzung. Zum Glück weiß der Gutmensch nicht, wie viele Gegner der gute Che getötet hat. Und wie. Die Feier zum 40. Todestag am Dienstag wäre ausgefallen, und die zum runden Geburtstag am 14. Juni nächsten Jahres schon gerade.
(UZ vom 5.10.2007)

Nun steht der 50. Jahrestag seiner feigen Ermordung in den bolivianischen Anden an. Die bolivianischen Soldaten, die ihn und seine Mitkämpfer (ja, es gab auch Begleiter) fingen und den Comandante auf höchstes Geheiß hin am nächsten Tag töteten, taten dies gegen ihre objektiven Interessen, waren sich allerdings ihrer Lage auch nicht weniger bewusst als eine Hartz IV beziehende AfD-Wählerin, die einer Flüchtlingsfamilie ein paar Euro neidet.

Wieder werden zum Jahrestag Blätter und vor allem Blogs und sonstige elektronische Medien gefüllt. Es wird etwas Gutes und mehr weniger Gutes dabei sein. Was auch immer zu lesen sein wird, gewiss ist nur eines: es wird in eigenem Interesse interpretiert, was der Che damals wollte und, mehr noch, heute wollen würde.
Auch die UZ gibt eine Seite; ein Teil davon ist der Beitrag über den Menschen Ernesto Guevara, der einen fremden Flugfehler als den seinen ausgab (siehe Kasten). Aber gibt es darüber hinaus einen Anlass, einen Text zu seinem Todestag inhaltlich-qualitativ anders zu schreiben als vor dreißig, zwanzig oder zehn Jahren? Was zu beider Verhältnis zu sagen war, hat der Materialist Fidel gesagt. Dessen Verfügungen zum Gedenken nach seinem Tod vor bald einem Jahr sind gleichzeitig ein Ausdruck seiner Haltung gegen jegliche Ikonisierung als auch ein Schlag ins Gesicht derer, die ihn durch das Versetzen auf einen Sockel von den ihn umgebenden Menschen trennen wollten; das Beispiel einer Verposterung des „Wir sind die Guten!“, die tatsächlich bis zum Hängen an deutschen Laternenpfählen gehen kann, mag ihm zusätzlich anschaulich gewesen sein.
An der Subjektivität, der Form, wird dennoch immer wieder gebastelt. Es werden Filme gemacht, Bücher geschrieben, Dokumentationen gedreht. 1997 waren Ches sterbliche Reste im bolivianischen Vallegrande von kubanischen Spezialisten gefunden und nach Kuba gebracht worden; auch ein Anlass mit dem Tod der Revolutionäre Geld zu verdienen. Aber kein Film, auch von fortschrittlicher Seite, bringt qualitativ neue Erkenntnisse – es ist der Inhalt, die Objektivität, die bleibt. Was wirklich ist, ist auch vernünftig, erkannte Hegel; Idealisierung hilft nicht weiter.

Noch einmal

Noch einmal

Gibt es also nicht so viel Neues über jemanden zu berichten, dem vor fünfzig Jahren das Leben genommen wurde und damit die Möglichkeit, weitere Beiträge zum Weltgeschehen zu leisten, dann muss man sich auf die Jahre davor beziehen. Dabei ließe sich an Ches Entscheidungen und Haltungen reiben und überlegen, ob die Planung zur Abschaffung des Geldes, die Vorstellungen zur Industrialisierung Kubas oder auch seine Nähe zur chinesischen Revolution für das Land damals richtig waren. Was aber heißen muss, im regionalen und historischen Kontext zu bleiben und gleichzeitig auch subjektive Bedingungen des soeben erst militärisch siegreichen und noch im sozialistischen Aufbau befindlichen Landes zu berücksichtigen. Das ist nicht einfach.
Ches Haltungen im Zusammenhang mit dem heutigen Kuba und dessen Weg zum Sozialismus zu diskutieren ist jedoch in der Regel mehr ein Betätigungsfeld für diejenigen, die Kubas heutiger Führung erklären wollen, wie es besser gehen könnte und weshalb das Land auf dem Weg in den Reformismus ist. Sie sind sogar oft von ehrlicher Sorge angetrieben und daher ist es zwar zuweilen müßig, aber zuweilen auch nötig, diese Debatte zu führen. Will man nicht politische Quacksalberei betreiben, muss man dabei zuallererst davon ausgehen, dass politische Entscheidungen in einem Kontext gefällt werden. Dieser bestimmt, dass – wenn es sich um Entscheidungsträger/innen mit einem materialistischen Denkansatz handelt – Entscheidungen in der Regel zu einem Teil revolutionär und zu einem Teil pragmatisch sind, aber ihnen immer eine Überlegung vorausgeht. Diese kann tatsächlich auch einmal falsch sein, aber sie muss von der Mehrheit legitimiert sein. Denn, weil es in den letzten zehn Jahren keine neuen Erkenntnisse dazu gab, hier noch einmal: „Wir irren lieber an der Seite des Volkes als Recht zu haben an der Seite der Unterdrücker.“
Und weil es in Sachen Fotos keines gibt, das besser das Spiel mit dem Bild, das sich seit fünfzig Jahren vom Che gemacht wird, versinnbildlicht, drucken wir dieses mit den bolivianischen Kindern gern wieder. Nicht, dass wir das andere nicht kennen würden.

Der Genosse Flugkapitän Che Guevara
Der Pilot Luis Fernández Oces war es, der das Führungsflugzeug steuerte, das der Formation von 18 Flugzeugen vorausflog, die das V für „Victoria“ (Sieg) machten und der Schlusspunkt der Parade anlässlich des Jahrestags des Sieges der Revolution waren. Tags zuvor war dieser Pilot informiert worden, dass der Comandante Che Guevara ihn im Flugzeug begleiten würde. Fernández Oces sagte dazu, dass Che während der Flugschau an seiner Seite war: Am 2. Januar stellte man ihn mir zu früher Stunde im Aerodrom von Ciudad Libertad vor, von wo aus wir starteten. Zunächst tauschten wir nicht mehr als einen Gruß aus. Etwa um zehn Uhr stiegen wir in die Flugzeuge. Ich besetzte die Vorderkabine, er die hintere. Eine große Sorge stieg in mir hoch, denn der „Trener“* ist ein Flugzeug für Piloten höchster Ausbildung und äußerst empfindlich. Andererseits verlangt der Formationsflug Praxis. Ich fasste den Entschluss und sagte ihm, etwas ängstlich, dass er nichts anfassen solle. Seine Antwort überraschte mich: „Ich werde nichts anfassen. Fliegen Sie!“ Minuten später war alles erfolgreich verlaufen. Als der Platz der Revolution überflogen und die Formation aufgelöst auf dem Rückweg zur Basis war, hörte ich seine Stimme durch die Kopfhörer; er wollte, dass ich ihm die Kontrolle überließ. Ich gehorchte. Er flog eine Weile, machte Kurven, Sinkflüge, Aufstiege und andere nicht sehr komplizierte Manöver. Ich stellte fest, dass er den Apparat beherrschte. Ich sagte, dass der „Trener“ ein Flugzeug für die hohe Ausbildung ist, und daher bat ich ihn, mir die Landung zu überlassen. Da beging ich einen schweren Fehler; ich dachte an die Verantwortung, die auf mich gefallen war ihn als Begleiter mitzunehmen und an alle unten, die ihre Augen auf unser Flugzeug gerichtet hatten. Als ich dann alles tadellos machen wollte, spielten mir die Nerven einen Streich. Im Ergebnis konnte ein Unfall geschehen, denn bei der Bodenberührung hüpfte das Flugzeug, und es fehlte nicht viel, dass es von der Bahn abkam. Ein Anfängerfehler! Schüler und Anleiter bemerkten es … Während wir dann mit einer Gruppe, die uns begleitete, Richtung Basisgebäude gingen, sah der Comandante mich etwas schräg an, als wollte mir sein inneres Ich als Pilot die schlechte Landung vorwerfen, und sagte aber laut: „Die Landung habe ich gemacht.“ Ich gestehe, dass ich danach vor meinen Dienstgenossen entspannt blieb, aber mein Fliegerstolz blieb immer mit ihm verbunden.

Anekdote aus dem Buch „Un hombre que actúa como piensa“ (Ein Mann, der handelt wie er denkt) von Víctor Pérez-Galdos Ortiz

* Zlin Trener, 236 km/h schnelles, tschechisches Fabrikat mit einer Länge von 7,90 Metern und einer Spannweite von 14,80 Metern, das von Staaten wie Österreich, der Tschechoslowakei, der DDR, Ägypten und Mosambik für Training und Flugschauen genutzt wurde

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Leserbrief zu »Jetzt auch aufgehängt«, UZ vom 6. Oktober 2017





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