Kultursplitter

Von Herbert Becker
|    Ausgabe vom 13. Oktober 2017

Schlicht und einfach
Es ist bemerkenswert, wie ein Schriftsteller mit absoluter Präzision und Klarheit seine Geschichten erzählt, wie er seine Figuren ausstattet und voller Poesie leben lässt. Genauso bemerkenswert ist, wenn dieser Autor es schafft, keine Position zu beziehen, weder durch eine Person im Roman noch durch Bemerkungen, Einschübe oder essayistische Anteile. Alles bleibt immer individualistisch, die Freude des Autors an formalistischer Konstruktion ist größer als seine Möglichkeiten, wie auch immer Stellung zu beziehen.
Mit zwei Romanen wurde dieser Autor weltbekannt, der eine erschien 1989 unter dem Titel „The Remains of the Day“ und kurze Zeit später in deutscher Übersetzung unter „Was vom Tage übrigblieb“. Erzählt wird die Geschichte eines Butlers, der bei einem englischen Lord mit besten Verbindungen zu deutschen und britischen Faschisten seinen Dienst tut. Aber genau dies wird nicht weiter thematisiert, sondern eher das Motiv von Herrn und Knecht durchdekliniert und als wohl nicht lösbar beschrieben. Der zweite Roman erschien 2005 als „Never Let Me Go“ und bei uns kurz darauf unter dem Titel „Alles was wir geben mussten“, ein Science-Fiction-Thema über Menschen, die als Klone gehalten werden, um als Ersatzteillager von denen, die bezahlen können, ausgeweidet zu werden. Hier bastelt der Autor an einer Liebesbeziehung und an künstlerischen Ausdrucksformen der potentiellen Organspender und weniger an den gesellschaftlichen Dimensionen, in denen solche Verhältnisse möglich sind.
Als einer der ersten seiner Generation, sagt er, habe er sich bewusst auf eine internationale Leserschaft hin orientiert und seine Bücher so abgefasst, dass sie ohne größere sprachliche Hürden oder kulturspezifischen Erklärungsbedarf übersetzbar sind. Das ist deutlich und erklärt, warum das Nobelkomitee auf diesen Autor kam, der kaum Widerspruch in den internationalen Medien erfährt.
Kazuo Ishiguro erhält in diesem Jahr den Nobelpreis für Literatur.
Mit Absicht?
Der Intendant des Berliner Friedrichstadt-Palastes, Berndt Schmidt, hat heftigen Protest ausgelöst. Er habe in den vergangenen Tagen etwa 250 Hassmails – teils mit Morddrohungen – erhalten, sagte Schmidt, vor einer Nachmittagsvorstellung richtete der Intendant sich an das Publikum. Unter lautem Applaus der Zuschauer sagte Schmidt, dass er sich in Zukunft noch mehr als zuvor von der AfD abgrenzen wolle. Abgrenzen heiße aber nicht ausgrenzen. Auch Menschen, die die AfD wählten, seien ihm im Publikum willkommen. „Doch hoffentlich fühlen Sie sich komisch, wenn Sie gleich sehen, was entstehen kann, wenn ein Ensemble aus 25 verschiedenen Nationen, mit allen Hautfarben, aus Atheisten, Christen, Muslimen und Juden, aus Hetero- und Homosexuellen, von Menschen mit und ohne Behinderungen friedlich zusammenarbeitet.“ Mit seinem Brandbrief hatte Schmidt sich an seine Mitarbeiter gewandt und formuliert, das Theater werde sich künftig noch deutlicher als bisher von 20 oder 25 Prozent der potenziellen Kunden im Osten abgrenzen. Dass tatsächlich ein so hoher Anteil der Theaterbesucher zu den AfD-Wählern gehört, konnte Schmidt aber nicht belegen, es mag also auch ein wenig Profilierungssucht im Spiel sein.
Folgenlos
Gut Wetter will Angela Merkel kurz vor der Frankfurter Buchmesse bei der Branche und den Feuilletons machen. In ihrem Video-Podcast betonte sie, Bücher seien auch in Zeiten des Internets unverzichtbar. Sie lese seit Kindheitstagen sehr gerne, betonte Merkel. Das sagt jede und jeder, der im politischen Betrieb arbeitet, gerne auch „und deshalb möchte ich, dass das Buch eine Zukunft hat, auch in Zeiten, in denen man viel Kurzes und Schnelles im Internet lesen kann.“ Die Dame betonte – zur Beruhigung –, dass die Buchpreisbindung und der ermäßigte Mehrwertsteuersatz für Bücher in Deutschland nicht zur Disposition stünden.


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