Niederlage am spielfreien Tag

VfL Bochum beschließt Ausgliederung seiner Profifußball-Abteilung
Von Anton Czerwony
|    Ausgabe vom 13. Oktober 2017
Weil ein Profiverein von Fans und Mitgliedern im Kapitalismus anscheinend nicht leben kann, braucht es Investoren und Sponsoren. (Foto: [url=https://www.flickr.com/photos/97973449@N08/17009839681]John Alder[/url])
Weil ein Profiverein von Fans und Mitgliedern im Kapitalismus anscheinend nicht leben kann, braucht es Investoren und Sponsoren. (Foto: John Alder / Lizenz: CC BY 2.0)

Als Anhänger des VfL Bochum hat man es nicht leicht. Zwischen 1972 und 1993 die „Unabsteigbaren“, danach diverse Wiederaufstiege in die Erste Bundesliga und genau so viele Wiederabstiege, und nun seit Jahren offenbar die „Nichtwiederaufsteigbaren“. Mittelmaß in der Zweiten Liga – daran will die Vereinsführung etwas ändern.
Und deshalb muss Geld her. Zwar hat man durch eine gute Finanzpolitik, die vor allem auf Imagepflege und Vermarktung setzt, den Verein inzwischen praktisch schuldenfrei gemacht. Parallel wurde vor zwei Jahren eine Mitgliedergewinnungskampagne gestartet, die – auf dem niedrigen Niveau von 5 634 Mitgliedern bei der Mitgliederversammlung im Jahr 2015 startend – mit nun 10 358 Mitgliedern äußerst erfolgreich war. Aber angesichts der veränderten Verteilung der Fernsehgelder durch die DFL, die de facto die „oberen 22“ (also die Bundesligisten plus die vier bestplatzierten Zweitligisten) fortan unverhältnismäßig stark gegenüber den weiteren Zweitligisten bevorteilt, sieht man sich in Bochum zu Recht im etatmäßigen Nachteil. Zum Beispiel erhält der bestplatzierte Zweitligist künftig 4,4 Millionen Euro aus Fernsehgeldern, Bochum mit Platz 9 in der vergangenen Saison nur eine Million.
Deshalb wurde der Mitgliederversammlung am 7. Oktober in der Jahrhunderthalle, der Gebläsehalle des ehemaligen, Stahl erzeugenden „Bochumer Vereins“, ein Beschlussantrag des Aufsichtsrats zur Ausgliederung des wirtschaftlichen Geschäftsbetriebs der Fußballabteilung vorgelegt. Das betrifft den Verwaltungs- und den Lizenzspielerbereich, also das Vermögen des Vereins, die Verträge, die Transferrechte, die Lizenzen sowie den Jugendbereich von U15 bis U19. Der „ideelle Bereich“ bleibt beim Verein, das heißt U9 bis U14 sowie die Mitgliederstruktur.
22 der 36 Vereine der Ersten und Zweiten Liga haben ihre Fußballabteilungen schon ausgegliedert, in Form einer AG wie bei Bayern München oder dem HSV, oder einer GmbH & Co KGaA (Kommanditgesellschaft auf Aktien) wie bei Borussia Dortmund, dem einzigen börsennotierten Verein in Deutschland. Im Kern geht es damit darum, dass (noch zu findende) Investoren über eine KGaA in den nächsten fünf Jahren mit etwa zwanzig Millionen Euro zu einer Kapitalerhöhung beim VfL Bochum einsteigen.
Eine KGaA ist eine Kapitalgesellschaft, und die birgt Risiken. Niemand investiert ohne Gewinnabsicht. Nach einem Aufstieg stiege der Vereinswert, dann darf der Investor seine Anteile verkaufen an wen er will. Zum anderen dürfte in wenigen Jahren die „50+1-Regel“ fallen, nach der heute noch gesichert ist, dass die Vereine immer die Stimmenmehrheit gegenüber Investoren behalten. Die Initiative „echt VfL“ ahnt, was dann kommt: „Sollte der VfL das Investment aufgebraucht haben, den Aufstieg verpasst und plötzlich gegen den Abstieg spielen, können wir uns auf neue Infoveranstaltungen einstellen, die dafür werben, wie wichtig der Schritt eines Stimmrechtsverkaufs ist, um die Situation durch Generierung weiterer Mittel zu verbessern.“ Danach wäre dann freie Hand für weitere Einfluss- bis Übernahme von Fußballclubs durch Unternehmen und Kapitaleigner, wie es in England und anderswo schon gang und gäbe ist. Und im Erfolgsfall und selbst wenn „50+1“ bliebe? EchtVfL: „Steigen wir auf und verkauft die erste Investorengeneration ihre Anteile mit Gewinn, wie will dann die zweite Investorengeneration Geld verdienen? Es muss ja immer weiter nach oben gehen, damit die Blase nicht platzt.“
Herbert Grönemeyers Kultlied „Bochum“, das seit vielen Jahren vor jedem Spielbeginn ertönt, hat die Zeile: „Hier, wo das Herz noch zählt, nicht das große Geld“. Bei der Mitgliederversammlung in der Jahrhunderthalle sind fast alle echte Fans, die im Stadion genau diese Zeile mit Inbrunst mitsingen; und wenn man sie fragt, sind ausnahmslos alle gegen die immer stärkere Einflussnahme des Geldes im Fußball. Deshalb mussten die Mitglieder in zwei Infoveranstaltungen vorab sowie die gut 2 700 anwesenden Stimmberechtigten bei der Abstimmung am Samstag von der Kapitalisierung überzeugt werden, und das geschieht neben Versprechungen wie „Wir werden in den nächsten Jahren eine ganz andere Rolle (= Aufstieg in die Bundesliga) spielen“ natürlich auch mit Angstmache – beliebt ist dabei die Vision ohne Investoren „in der Dritten Liga oder wie RW Oberhausen oder RW Essen in der Regionalliga“ zu enden, wie der eloquente Finanzvorstand Wilken Engelbracht schon einmal vorab an die Wand gemalt hatte. Um eine Menge von einfachen Bochumern (Bochumerinnen waren wohl deutlich weniger als zehn Prozent), unter denen die SPD noch Traumergebnisse hätte, von neoliberalen Ideen zu überzeugen, müssen die fünf Aufsichtsräte und der Geschäftsführer schon viel von Tradition, „unserem VfL“ usw. reden. Dafür ging auch der Besitzer des Werbepartners „Fiege Pils“ als einfaches Mitglied an das Mikrofon, als hätte er vor Jahren unter diesem Dach noch Stahl gekocht. Und die FDP-affinen Heilsversprechen des freien Markts hatten am Ende auch Erfolg. Als VfLer ist man Niederlagen gewohnt. Am spielfreien Samstag gab es zwar eine relativ knappe, aber vielleicht die deftigste in der Vereinsgeschichte.
Das Ganze war ein Lehrstück darüber, wieso im real existierenden Kapitalismus die Vernunft so wenig Überzeugungskraft hat und warum die Menschen für ein paar Illusionen ihre Werte abgeben. 75 Prozent Zustimmung unter den gültigen Stimmen der Mitgliederversammlung waren für die Statutenänderung nötig; 80,2 Prozent Zustimmung des abstimmenden guten Viertels der 10 358 VfL-Mitglieder wurden erreicht, nämlich 2 157. Unter den 533, die sich den Argumenten der Initiative „echtVfL“ anschlossen, waren auch einige Ultras, die sich nach Bekanntgabe des Abstimmungsergebnisses durch Abschießen eines Knallkörpers und mancherlei Sachbeschädigung die Rüge von Hans-Peter Villis, dem Vorsitzenden des Aufsichtsrats – der nach neuer Geschäftsgrundlage jetzt Präsidium heißt – einheimsten, sie seien „keine VfLer“. Warten wir ab, wo Villis und Engelbracht sind, wenn das Modell gescheitert sein wird. Zumindest nicht in der Ostkurve.


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Leserbrief zu »Niederlage am spielfreien Tag«, UZ vom 13. Oktober 2017





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