Zwei Festivals

Die SDAJ auf den 19. Weltfestspielen der Jugend und Studierenden
Von Jan Meier
|    Ausgabe vom 27. Oktober 2017
„Cuba esta presente!“ Die kubanische Delegation ist unübersehbar und unüberhörbar. (Foto: SDAJ)
„Cuba esta presente!“ Die kubanische Delegation ist unübersehbar und unüberhörbar. (Foto: SDAJ)

Die ersten anderthalb Tage sind wir damit beschäftigt, unsere Akkreditierung für die Weltfestspiele zu bekommen. Dabei haben wir tatkräftige Unterstützung von Sophie und Andrej, zwei Freiwilligen, die uns zur Seite gestellt wurden. Andrej steht für uns insgesamt über 32 Stunden in der Warteschlange. Den ganzen Samstag können wir nicht auf das Weltfestspielgelände. Und doch wird es nicht langweilig: Die Akkreditierung unseres Delegationsleiters Fred wird verweigert, weil es ein Sicherheitsproblem gebe, bei allen anderen würden schlicht die notwendigen Plastikkärtchen für unsere Delegiertenausweise fehlen.
Vor dem Akkrediterungszen­trum treffen wir russische Genossen. Aleksander Batow, Vorsitzender des RKSMb, einer kommunistischen Jugendorganisation in Russland, der schon am Festival der Jugend der SDAJ nicht teilnehmen konnte, weil er aufgrund einer Flyer-Verteilung vorübergehend im Gefängnis saß, erzählt uns, dass 50 Prozent der Delegierten seiner Organisation die Akkreditierung verweigert wird. Drei Tage später treffen wir Aleksander dann doch auf dem Festivalgelände wieder: Er sei soeben auf Druck des WBDJ doch noch zugelassen worden. Nicht jedoch der Erste Sekretär des RKSMb – ihm wird bis zum Schluss der Zutritt auf das Gelände verweigert.
Mögen die Spiele beginnen

SDAJ-Delegation vor der Eröffnungszeremonie

SDAJ-Delegation vor der Eröffnungszeremonie

( SDAJ)

Die Eröffnungszeremonie findet im Bolschoi-Palast statt. Delegationen aus der ganzen Welt nehmen teil. Die über 15000 Plätze sind restlos gefüllt. Wir sitzen zwischen der über 200-köpfigen Delegation aus Indien und der ebenso großen aus Kuba. In aufwendig produzierten Kurzfilmen werden junge Wissenschaftler, Unternehmer und Entwicklungshelfer mit ihren Projekten porträtiert: Ein indonesischer Arzt hat ein Projekt ins Leben gerufen, bei dem die Ärmsten der Armen Müll, den sie gesammelt haben, gegen einen Arztbesuch eintauschen können. Auf diese Weise soll die Umwelt geschont und eine minimale Gesundheitsversorgung abgesichert werden.
„Wir sind selbst die Veränderung, wir müssen bei uns selbst anfangen. So können wir die Welt verändern, dafür brauchen wir keine Revolution“, erzählt uns ein junger Brite, der in einem nepalesischen Bergdorf eine Schule gebaut hat, von den vier Großbildschirmen, die im Bolschoipalast hängen. Damit trifft er den Kern der Erzählung der gesamten Eröffnungsveranstaltung: Wir sind die Elite von morgen. Wir werden die Geschicke der Welt lenken. Die antiimperialistischen und antikolonialen Befreiungsbewegungen kommen hingegen nicht vor.
Die einzige Ausnahme ist die Rede des Präsidenten des WBDJ, Nicolas Papademitriou. Er erinnert an den gewaltigen Fortschritt, den die Oktoberrevolution vor 100 Jahren brachte: Das Frauenwahlrecht, den 8-Stunden-Tag und den Beweis, dass eine Welt ohne Ausbeutung, Krieg und Unterdrückung möglich ist – ein Symbol, das antikolonialen Bewegungen auf der ganzen Welt Hoffnung und Auftrieb gab.
Viva Che
Am nächsten Tag demonstrieren bei strahlendem Sonnenschein etwa 1 000 Jugendliche zur Hauptbühne. Es gibt Sprechchöre in verschiedenen Sprachen. Überall sind Fahnen verschiedener sozialistischer, kommunistischer und antiimperialistischer Jugendorganisationen zu sehen. Zwei kubanische Nationalfahnen, so lang, dass sie von 10 Menschen getragen werden müssen, bestimmen das Bild. Die Demo endet vor der Hauptbühne, wo der WBDJ das Festival eröffnet: „Hoch lebe Che Guevara, hoch lebe Mohamed Abdelaziz!“ Das Festival ist dem kubanischen und dem sahaurischen Freiheitskämpfer gewidmet. Zwischen den Reden lassen die Sprechchöre kaum nach. Es dauert, bis die Präsidentin des Weltfriedensrats das Wort ergreifen kann. Auf der Kundgebung treffen wir Delegationen aus Tschechien, aus Peru, aus Mexiko, Russland, Österreich, den Philippinen, Korea und vielen mehr. Die Stimmung ist ernst und ausgelassen zugleich: Die Rede des WBDJ-Präsidenten wird bejubelt, die des russischen Staatsvertreters geht in Pfiffen unter. Über allem steht jedoch die Freude, bekannte Gesichter wiederzusehen. Freunde von den letzten Weltfestspielen sehen sich das erste Mal nach Jahren wieder und die ersten neuen Freundschaften sind bereits geschlossen.
In der roten Zone
Man kann nicht sagen, dass den Delegierten auf diesen Weltfestspielen nichts geboten würde. In einer Halle finden Roboterkämpfe statt, am Rande der Formel-1-Strecke werden Fußballturniere ausgetragen. International renommierte Autoren lesen aus ihren Büchern, auch Emma Watson soll den Weltfestspielen einen Besuch abgestattet haben. Es gibt ein internationales Treffen der Flugzeugingenieure, parallel hetzt der Klerikalfaschist Schirinowksi vor circa 1 500 Menschen gegen alles, was nicht in sein Weltbild passt – und wird von den anwesenden lateinamerikanischen Delegationen aus dem Saal geschrien. Skate-Anlagen, der Sotschi-Vergnügungspark und die Eislaufhalle stehen darüber hinaus den Teilnehmern der Weltfestspiele offen. Abgesehen von den Roboterkämpfen lassen wir das meiste davon links liegen.
Das Programm des WBDJ findet in der „roten Zone statt“. Der Bereich ist ein Gang innerhalb des Main Media Centers, das wiederum eines von verschiedenen Veranstaltungszentren ist. Das Programm des WBDJ ist dabei nicht einmal weniger umfangreich als sonst. Jeden Tag finden allein hier etwa 20 Podiumsdiskussionen, Workshops und Konferenzen statt.
„Die Marinebasis ist nicht nur eine ständige Bedrohung der Sicherheit unserer Bevölkerung, sie ist auch ein wirtschaftlicher Schaden, weil wir die gesamte Bucht wirtschaftlich nicht nutzen können, sie kostet uns sogar viel Geld, weil wir alles in der Nähe bewachen müssen, sie ist ein Hort des Terrorismus, der Verbrechen gegen die Menschenrechte, aber vor allem ist sie eine illegale Besetzung unseres Landes!“ klagt eine Kubanerin die US-Militärbasis in Guantanamo an. Das Publikum reagiert mit anhaltendem Beifall und „Cuba sí, Yankee no!“-Rufen. An anderer Stelle berichtet ein Vertreter der KNE (Kommunistische Jugend Griechenland): „Unsere wichtigste Forderung ist die Schließung aller US-Militärbasen im Land. Jetzt plant die Syriza-ANEL-Regierung allerdings, zusätzlich noch die Stationierung von Atomwaffen zuzulassen. Deswegen werden wir unseren Widerstand verstärken. Zuletzt haben wir eine Demonstration unter Beteiligung von griechischen Soldaten organisiert.“
Und auf dem Gelände
Während wir auf unsere Geschenkpakete – inklusive Pulli, Smartphone und Anstecker – warten, kommen wir mit Masha ins Gespräch. Masha ist 20, studiert und hat sich als Freiwillige gemeldet, um bei den Weltfestspielen zu helfen. Sie ist eine der wenigen, die wissen, welche Geschichte die Weltfestspiele haben.
Gerade ist es ihre Aufgabe, den Ansturm auf die Geschenke am Ausgang der Halle abzufangen und zum richtigen Eingang zu schicken. Im Augenblick ist allerdings wenig los. „Ich darf mit euch nicht über Politik und Putin sprechen“, sagt sie, tut es nach einer Weile dann aber doch. Die Korruption sei aktuell das größte Problem. Viel schlimmer sei es aber in den 1990er Jahren gewesen. „Das ganze Land ist den Bach runtergegangen, ihr könnt euch das gar nicht vorstellen.“ Erst Putin habe das Land stabilisieren können. „Das war gut, seit ein paar Jahren verschlechtert sich die Situation aber wieder.“ Sie sei keine Anhängerin der Regierung, aber die Opposition ist auch schlecht. „Die interessieren die sozialen Fragen nicht.“ Vor allem fehle eine Vision, eine echte Alternative zu dem, was gerade ist. Die Sowjetunion will sie aber auch lieber nicht zurück.
Ein Transpi, zwei Festivals
Am letzten Tag werden wir, mal wieder, bei der Einlasskontrolle aufgehalten. Dieses Mal geht es nicht um unsere Flyer, die wir immer nach kurzer Diskussion wiederbekommen, sondern um unser Transparent. „Es ist zu groß. Es besteht ein Sicherheitsrisiko“, meint der Beamte. Wir dürfen das Transparent nicht mitnehmen. Besonders absurd: Bisher hatten wir das Transpi immer dabei, erst am letzten Tag scheint es ein Sicherheitsrisiko zu sein. Wir diskutieren, protestieren, informieren die Zeitungen „Unsere Zeit“ und „junge Welt“ und den WBDJ. Zufällig trifft die österreichische Delegation ein und stellt sich solidarisch zu uns. „Uns haben sie fast jeden Tag etwas abgenommen, manchmal haben wir es wiederbekommen“, erzählt David Lang, Vorsitzender der Kommunistischen Jugend Österreich. Ähnlich erging es vielen unserer Schwesterorganisationen. Teile der Delegationen aus Sri Lanka und Indien wurden gar nicht auf das Gelände gelassen. Wir befinden uns also in bester Gesellschaft. Nach einer knappen Stunde ist das Transpi kein Sicherheitsrisiko mehr und wir dürfen ganz normal passieren.
Ganz anders werden wir an anderer Stelle wahrgenommen: Als wir das Transpi auf dem Platz vor dem Bolschoi-Palast entrollen, sind in kurzer Zeit diverse Kameras und Handys auf uns gerichtet, vereinzelt wird applaudiert. Bei der Abschlussveranstaltung des WBDJ dürfen wir das Transpi aufhängen und auch hier wird es gern gesehen und viel fotografiert
„Letztlich haben hier zwei Festivals stattgefunden“, resümiert Lena Kreymann, Stellvertretende Vorsitzende der SDAJ. „Eines war eine Werbeveranstaltung der russischen Regierung, die kein Problem damit hatte, Ultrakonservativen wie Schirinowksi oder der AKP-Jugend eine Bühne zu bieten, gleichzeitig aber dem WBDJ viele Steine in den Weg legte. Und es gab das 19. Festival der Jugend und Studierenden, bei dem tausende fortschrittliche Jugendliche aus aller Welt zusammenkamen, diskutiert und gefeiert haben, neue Kontakte knüpften und den Versuchen, dieses Festival politisch zu entsorgen die Stirn boten. Gemeinsam mit diesen Jugendlichen in einer Reihe zu stehen macht uns ein bisschen stolz.“


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Leserbrief zu Artikel »Zwei Festivals«, UZ vom 27. Oktober 2017





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