Interview

„Wir sind halt Kümmerer“

Werner Sarbok im Gespräch mit Walter Eckert
|    Ausgabe vom 27. Oktober 2017

Aus der Geschichte von Ueberau
1919 entstanden in der damals noch eigenständigen Gemeinde Ueberau in Hessen Ortsvereine der Unabhängigen Sozialdemokratischen Partei Deutschlands (USPD) und der Kommunistischen Partei Deutschlands (KPD). Bei der Reichstagswahl im Jahr 1928 erhielt die KPD erstmals mehr Stimmen als die SPD.
Nach 1945 erhielten die Kommunisten wieder starken Zuspruch. Im Jahr 1948 wurde der Kommunist Adam Büdinger zum Bürgermeister gewählt. Vier Jahre später erhielt die KPD bei der Gemeinderatswahl sieben der zwölf Mandate. Bei der Wahl 1956 blieb Büdinger im Amt: Die Kommunisten hatten mit Parteilosen als Unabhängige Wählergemeinschaft (UWG) kandidiert und damit auf das drohende KPD-Verbot reagiert.
Neun Tage vor der Kommunalwahl 1960 wurde die UWG verboten, Bürgermeister und Beigeordnete abgesetzt. Bei der Kommunalwahl 1968 holte die Deutsche Friedens-Union 38 Prozent der Stimmen. 1968 konstituierte sich auch in Ueberau mit der DKP die Kommunistische Partei wieder neu und ist seit 1972 ununterbrochen im Ueberauer Ortsbeirat vertreten.
Seit 1971 ist Ueberau ein Stadtteil von Reinheim und hat heute etwa 2 200 Einwohner.

Walter Eckert (DKP), Ortsvorsteher von Ueberau

Walter Eckert (DKP), Ortsvorsteher von Ueberau

( privat)

Anfang Oktober feierte Walter Eckert, Ortsvorsteher von Ueberau, seinen 80. Geburtstag. Das Ungewöhnliche: Walter Eckert ist nicht nur auch heute noch als Sänger und Fußballer aktiv in „seiner“ SG – das ist die Sportgemeinschaft 1919 Ueberau e. V. – er ist auch Mitglied der DKP. Bei der letzten Kommunalwahl im Jahr 2016 wurde die DKP in Ueberau mit 33,5 Prozent der Stimmen die stärkste Partei.

UZ: In Überau sind die Kommunisten auch heute noch mehrheitsfähig. Wie erklärst du dir das?

Walter Eckert: Wir waren schon immer nah an den Menschen dran, auch aus der Tradition heraus, und hatten immer Vorbilder. Die Kommunisten und die SG sind Vereinsmenschen, und die Vorbilder waren da, daran haben wir uns dann gehalten. Ich habe Vorbilder gehabt, und das zählt heute noch für mich. Die dahinter nachkommen, die schätzen das ja auch.

UZ: Wie konnte sich die Kommunistische Partei in Ueberau so fest verankern?

Walter Eckert: Das das kommt sicherlich auch aus der Tradition heraus, das war schon immer die Geschichte von Ueberau. Wir haben die Geschichte mitgeprägt von dem ganzen Ort. Und das ist heute noch so. Wir sind nah an den Menschen dran, und das muss man auch. Sonst hat man keinen Erfolg. Man muss irgendwie bekannt sein im Ort und muss auch sich bekümmern. Wir sind halt Kümmerer. Wir kümmern uns um jede Sache und nehmen die Anliegen der Menschen ernst.

UZ: Was macht ihr, um gerade an junge Menschen heranzukommen? Gelingt euch das?

Walter Eckert: Das ist natürlich nicht einfach. Es geht vor allem, weil wir im Verein sind, bei der SG, und da kommt man immer mit jüngeren Menschen zusammen. Die kennen uns ja auch. Obwohl das immer schwerer wird, jüngere Menschen in die Politik reinzubekommen. Die sind wohl bei uns, aber es ist schwer für die jungen Menschen, die Aktivitäten von uns Älteren zu entwickeln. Ich kann das auch verstehen. Die sind im Beruf drin, da schafft es nicht jeder so, so einen Einsatz zu bringen, so viel Engagement. Es ist schon schwer heutzutage. Wir versuchen das.
Wir machen auch Einiges im öffentlichen Leben. Wir machen Grillfeste, und da kommen auch viele Leute, auch vom Verein, das wirkt schon ein bisschen. Aber wie gesagt, an die jungen Menschen kommen wir schon heran, aber dass sie sich engagieren in der Politik, das ist schon nicht einfach für uns.

UZ: Wir – die DKP – brauchen anerkannte kommunistische Persönlichkeiten, die die Partei vor Ort repräsentieren können. Du bist so eine. Was zeichnet dich persönlich aus?

Walter Eckert: Wir sind verbunden auch durch den Verein, das ist ein großer Verein, wo alle Gruppen zusammen sind. Ich bin eben ein Teil dieses Vereins. Ich singe schon seit 65 Jahren und auch heute noch. Da ist man in Gesellschaft, in der Fußball gespielt wird und in dem Verein aktiv ist, auch heute noch.
Ich bin im Parlament in Reinheim und im Ortsbeirat von Ueberau, schon seit Jahrzehnten. Die Leute kennen einen, und ich kann mit jedem, selbst bei politischen Gegensätzen, mit SPD und auch mit CDU.
Wir haben gute Argumente. Wir haben auch schon einiges erreicht im Ort, auch in Reinheim selbst. Und die Leute wissen das, und die akzeptieren das auch. Die akzeptieren uns, und das sieht man jeden Tag.

Aus der Geschichte von Ueberau
1919 entstanden in der damals noch eigenständigen Gemeinde Ueberau in Hessen Ortsvereine der Unabhängigen Sozialdemokratischen Partei Deutschlands (USPD) und der Kommunistischen Partei Deutschlands (KPD). Bei der Reichstagswahl im Jahr 1928 erhielt die KPD erstmals mehr Stimmen als die SPD.
Nach 1945 erhielten die Kommunisten wieder starken Zuspruch. Im Jahr 1948 wurde der Kommunist Adam Büdinger zum Bürgermeister gewählt. Vier Jahre später erhielt die KPD bei der Gemeinderatswahl sieben der zwölf Mandate. Bei der Wahl 1956 blieb Büdinger im Amt: Die Kommunisten hatten mit Parteilosen als Unabhängige Wählergemeinschaft (UWG) kandidiert und damit auf das drohende KPD-Verbot reagiert.
Neun Tage vor der Kommunalwahl 1960 wurde die UWG verboten, Bürgermeister und Beigeordnete abgesetzt. Bei der Kommunalwahl 1968 holte die Deutsche Friedens-Union 38 Prozent der Stimmen. 1968 konstituierte sich auch in Ueberau mit der DKP die Kommunistische Partei wieder neu und ist seit 1972 ununterbrochen im Ueberauer Ortsbeirat vertreten.
Seit 1971 ist Ueberau ein Stadtteil von Reinheim und hat heute etwa 2 200 Einwohner.


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