Kultursplitter

Von Herbert Becker
|    Ausgabe vom 3. November 2017

Plätschereien
Der Lyriker Jan Wagner hat den diesjährigen Georg-Büchner-Preis der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung erhalten. Die Auszeichnung wurde ihm im Staatstheater Darmstadt verliehen. Der mit 50000 Euro dotierte Preis gilt als die wichtigste deutsche Literaturauszeichnung. Zur Begründung für die Vergabe des Preises führte die Akademie aus, seine Gedichte „verbinden spielerische Sprachfreude und meisterhafte Formbeherrschung, musikalische Sinnlichkeit und intellektuelle Prägnanz“. Soll heißen, er schreibt am liebsten Naturlyrik, also über Bäume, Sträucher, Wind und Wellen, Delfine und Vögel, es plätschert so vor sich hin. Jan Wagner, das sagt er selbst, ist niemand, der die herrschenden Verhältnisse umwerfen will wie Büchners „kunstvoller Danton aus Worten“. Deshalb ist der „Hessische Landbote“, Büchners Flugschriften zur politischen und kulturellen Lage, nur als Erwähnung wert, nämlich dass er in einer Botanisiertrommel diese geschmuggelt habe. Zu Büchner selbst fällt ihm nur ein, dass dieser nach Fisch gestunken haben müsse, da er nach seiner Flucht aus Deutschland ständig Fische seziert habe, um seine medizinischen Fachkenntnisse zu erweitern. Was die Akademie zu dieser Würdigung getrieben hat, bleibt unerfindlich, denn dass Wagner ein Traditionalist ist, der mit einem biedermeierlichen Impetus die altehrwürdigen Formen recycelt und dabei die Erwartungen eines konservativen Publikums bedient, ist unbestritten und zeigt, welche Tendenzen die Jury bedienen wollte. Die Minnesang-Anthologie „Unmögliche Liebe“, die er zusammen mit dem Münchner Lyriker und Mediävisten Tristan Marquardt im Hanser Verlag herausgibt, wird das lyrische Ereignis des Herbstes sein mit dem Anspruch, dass wir mit unseren abgekühlten Paarbeziehungen und libertären Entregelungen der Liebeskunst noch immer den Einsichten Walther von der Vogelweides und anderen dieser Zeit hinterherlaufen.
Klotzig
Das Bregenzer Büro Cukrowicz Nachbaur Architekten hat den Wettbewerb für das Konzerthaus in München gewonnen. Die vier auf den weiteren Rängen wird nun das Staatliche Bauamt München gemeinsam mit dem Preisträger zu Verhandlungen einladen. Von diesen Gesprächen hängt es ab, wer den Auftrag letztlich bekommt. Der Vorschlag aus Bregenz sieht ein kubusartiges Trumm vor, leicht verjüngt nach oben hin und mit einer Spiegelglasfassade umkleidet. Die Frage muss berechtigt sein: Wie kann man sich nur für einen solch uncharmanten Koloss entscheiden. Wenn das vorrangige Kriterium der Wahl sein sollte, dass sich dieses hässliche Gebäude uneingeschränkt in die Nachbarschaft eines architektonisch gesichtslosen Werkviertels in Nähe eines Bahnhofs einfügt, dann ist es gelungen. Wo aber blieben die Visionen, von denen die Rede war, endlich in München einen „Musentempel“ zu schaffen, von dem die ganze Welt mit Bewunderung spricht?
Die Chance scheint verpasst. Nach all den unzähligen Fehlleistungen in der Vergangenheit, z. B. auch der Standortfrage, saßen diesmal wohl auch in der Jury die falschen Leute. Unter den Preisrichtern waren Innenminister Joachim Herrmann, Finanzminister Markus Söder, Kunstminister Ludwig Spaenle, der Münchner Oberbürgermeister Dieter Reiter, also Menschen mit ausgewiesener Kompetenz, Banausen in Sachen Kunst und Kultur zu sein. Das Konzerthaus mit zwei Sälen und, ganz wichtig, ausreichendem Platz für die Gastronomie, mitten in einem Gewerbegebiet, erfüllt alle Erwartungen einer Fehlplanung mit weitreichenden Folgen. Über die Gesamtkosten bleibt Unklarheit, die Rede ist von 150 bis 300 Millionen Euro, so hat es auch bei der Elbphilharmonie in Hamburg am Anfang geheißen.


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