Klimaschutz auf Deutsch

Treibhausgasemissionen steigen dank gefördertem Autoverkehr wieder kräftig
Von Klaus Wagener
|    Ausgabe vom 10. November 2017
Wenn die Polkappe schmilzt, brauchen die Eisbären Asyl. Wir schaffen das. (Foto: Markus Feger)
Wenn die Polkappe schmilzt, brauchen die Eisbären Asyl. Wir schaffen das. (Foto: Markus Feger)

Deutschland geht es gut“. Immer, wenn sich die Mächtigen und ihre medialen Lautsprecher mit den desaströsen Konsequenzen ihres Handelns konfrontiert sehen, muss die platte, gebetsmühlenhafte Propaganda die nüchterne Analyse ersetzen. Beim Klima heißt das in etwa: „Deutschland ist gut – die anderen eher schlecht“. Ganz besonders schlecht: Wladimir Putin und Donald Trump und in diesem Fall auch die Chinesen.
Mehr als 25 000 Teilnehmer zählt die 23. UN-Klimakonferenz in Bonn. 196 Staaten. Die Weltpresse. Alle großen Networks. Eine Riesengelegenheit für die regierungsamtlichen Verteidiger, ja Vorkämpfer der Dieselbetrüger, der SUV-mobilen Vollgasfraktion, der endlosen Lkw-Karawanen und der ungehemmten Braunkohleverfeuerung, den grünen Blazer rauszukramen und, vor einer diensteifrigen Reportermeute in eine vegane Tofu-Frikadelle beißend, die heroischen Leistungen der Bundesregierung für den Klimaschutz anzupreisen.
Die Bundesregierung hat sich zum Ziel gesetzt, die Treibhausgasemissionen bis 2020 um 40 Prozent gegenüber 1990 zu senken. 1990 ist eine besonders angenehme Bezugsgröße, weil die ressourcenbedingte Braunkohlenabhängigkeit der DDR mit ihrer hohen CO2-Ausstoß noch ganz intakt war und somit die ökologische Bilanz der „Klimakanzlerin“ schon durch die De-Industrialisierung des Ostens nach vorn gebracht werden konnte. Dieser Effekt ist dummerweise nicht beliebig wiederholbar.
Laut Umweltbundesamt hat 2016 der Ausstoß an CO2, bzw. CO2-Äquivalenten, in Deutschland nicht absondern um vier Mio. auf 908 Mio. t zugenommen. Nahezu der gleiche Wert war 2009 auch schon erreicht worden. Die kostengünstige Reduktion von 27,2 Prozent von 1 248 Mio. t im Bezugsjahr 1990 aus der DDR-Abwicklung ist also verfrühstückt. Was nun kommt, wenn es denn kommt, erfordert ernsthafte Maßnahmen. Jenseits der Propaganda ist aber klar: Minus 40 Prozent bis 2020 wäre nur durch einen wirtschaftlichen Totalabsturz erreichbar.
Von 1990 bis 2015 sanken die Treibhausgas-Emissionen der Haushalte um 34,8 Prozent, in Gewerbe, Handel, Dienstleistung um 52,2 Prozent, in der Industrie um 32,0 Prozent und in der Energiewirtschaft um 16,8 Prozent. Nicht gesunken sind allerdings die verkehrsbedingten Treibhausgas-Emissionen. Sie liegen trotz aller „Eco-Motoren“ u. ä. ziemlich genau auf dem Niveau von 1990. Seit dem Crash 2009 steigen sie wieder kontinuierlich an und liegen nun bei weit überdurchschnittlichen 20 Prozent des Gesamt-CO2-Ausstoßes. Schuld ist nicht zuletzt das „Größer, stärker, schneller“, sowie der ungebremste SUV-Boom. Und da spielt die Frage, ob Diesel oder Ottomotor, auch nur eine untergeordnete Rolle. Die ab 2021 geltenden EU-Grenzwerte werden beide Motorenarten– legal – und zwar mit oder ohne Software-Update, nicht schaffen. Der durch die steuerliche Privilegierung inszenierte Dieselboom diente eh nur dazu, einen Zusatzmarkt zu generieren und den „Flottenverbrauch“ – betrügerisch – zu senken.
Mehr als drei Viertel der Verkehrsemissionen entfallen laut Statistischem Bundesamt auf den Personenverkehr. Und hier ist es der motorisierte Individualverkehr, der 79 Prozent der CO2-Emissionen verursacht. Der Flugverkehr bringt es immerhin auch auf 14 Prozent. Im Güterverkehr ist es noch drastischer. 93 Prozent der CO2-Emissionen kommen aus den Lkw-Auspuffen, Eisenbahnen und Binnenschiffe stehen für 5 Prozent, und das bei einer Transportleistung von satten 28 Prozent. Der Schienenverkehr kommt mit 21 g CO2 pro Tonnenkilometer aus. Die Schifffahrt braucht dazu etwa 33g, der Lkw etwa 92 g, und das Flugzeug steht mit rund 1,34 kg CO2/Tonnenkilometern einsam an der Spitze. Da sollten die Prioritäten eigentlich sonnenklar sein. Wenn da das Gebot zum Maximalprofit nicht wäre.
Zur Bonner Konferenz sind mehrere aufrüttelnde Klimaberichte erschienen. Die „World Meteorological Organization (WMO)“ verweist auf die rapide Beschleunigung der Klimaveränderung in den letzten Jahren. Ein rekordheißer Sommer folgte dem nächsten. Wirbelstürme neuer Größenordnung in der Karibik und im Atlantik. Temperaturen über 50 Grad Celsius in Asien. Die Extremwetterereignisse nehmen rasch zu. Im Vergleich zur vorindustriellen Zeit wird von einem mittleren globalen Temperaturanstieg von nun 1,1 Grad Celsius ausgegangen. Die Erderwärmung hat danach in den letzten Jahren geradezu einen Sprung nach oben gemacht. Es wäre höchste Zeit zu handeln. Noch einmal: Wenn da das Gebot zum Maximalprofit nicht wäre.


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Leserbrief zu »Klimaschutz auf Deutsch«, UZ vom 10. November 2017





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