Bodenfrost, Bodensatz und Tod

Zu Erhart Ellers neuem Werk „Bodenfrost“
Von Rüdiger Bernhardt
|    Ausgabe vom 17. November 2017

Erhart Eller: Bodenfrost. Erfundene Ereignisse um Wilfried Schaffer an wirklichen oder wirklich scheinenden Orten. Weißenfels: Lutz Reichelt, 2016, 443 S., 22,50 Euro, eBook 2,99 Euro

Erhart Eller: Bodenfrost. Erfundene Ereignisse um Wilfried Schaffer an wirklichen oder wirklich scheinenden Orten. Weißenfels: Lutz Reichelt, 2016, 443 S., 22,50 Euro, eBook 2,99 Euro

Das neue Buch Erhart Ellers, eines produktiven, aber kaum bekannten deutschen Schriftstellers der Gegenwart, trägt keinen Untertitel, sondern eine Beschreibung: „Erfundene Ereignisse um Wilfried Schaffer an wirklichen oder wirklich erscheinenden Orten“. Begriffe wie Roman oder anderes werden sorgfältig vermieden; sie träfen nicht zu. Das Buch um den Langzeitarbeitslosen Wilfried Schaffer spielt mit unterschiedlichen Stoffen und bezieht gegensätzliche Gestalten von den Schriftstellern Novalis bis Adolf Müllner, von den Herrschern Heinrich IV. bis Napoleon, aber auch Gustav II. Adolf von Schweden und Heinrich Schütz ein; dazu verwendet es vielfältige Gestaltungsmittel, die sich ein Mosaik von Zeiten und Ereignissen schaffen. Parodie und Abenteuergeschichten, Märchen und Phantasien, fiktive Gerichtsprozesse gegen die Herrscher gehen nahtlos ineinander über, um Ellers Absicht – in einer „Vorbemerkung“ mitgeteilt – zu verwirklichen: Das Buch sollte eine „gegen den Strich gebürstete „Heimat-Dichtung“ ebenso sein wie ein „Liebesroman unüblicher Art“, aber „vor allem ist es ein Anti-Kriegs-Buch“: Dem Krieg in der Geschichte und in seinen Auswirkungen auf Weißenfels gehört viel Aufmerksamkeit, ob es der Dreißigjährige Krieg oder der Zusammenbruch Preußens 1806 ist, der Kampf Napoleons 1812 um Moskau oder die Völkerschlacht 1813 bei Leipzig. Auch 2007 ist kein Frieden, „es war Krieg: der Herrschenden gegen die Beherrschten“ (238). Zwischen Verfall und Zerstörung findet die Liebesgeschichte kaum Raum und scheitert; fast wirkt sie wie eine Karikatur auf ein anderes, nicht mehr lebbares Leben.
Seit den siebziger Jahren schreibt Ellert, allein für sich, dann in dem Zirkel schreibender Arbeiter der Leuna-Werke, in dem er und der spätere Buchpreisträger Lutz Seiler ihre Bewährungsproben bestanden. Beiden war die „Sehnsucht nach Arbeit“ (Seiler, „Kruso“) ein besonderes Thema. Während aber Lutz Seiler sich dabei auf die Suche nach der Freiheit in seinem Roman Kruso begab, – denn die 1989 gepriesenen Veränderungen hatten mit Freiheit nichts zu tun und waren ein Irrtum, „milde, gutaussehende Schlacken“ (Seiler, „Kruso“) bzw. eine Volksverdummung –, hatte Ellert, dessen wirklicher Name Lutz Reichelt ist, keinen Blick für diese Freiheit, da ihm die Arbeit fehlte, die Voraussetzung aller wirklichen Freiheit ist. Er widmete sich den Schicksalen derer, die bei dem Zusammenbruch einer angestrebten menschlichen Gesellschaft auf der Strecke blieben und zu einem Teil einer Generation wurden, die nicht wieder Fuß fassen konnte oder durfte und endlich einen „Bodensatz“ bildete, in dem es kaum noch Schamgefühl gibt und der zum zunehmenden Problem geworden ist. Ellert hatte das selbst erlebt, als sein Betrieb plattgemacht und Menschen überflüssig wurden, und er dokumentierte in seinen Büchern die eigene Arbeitslosigkeit als prägendes Merkmal der neu entstandenen alten Welt. Der Weißenfelser Schriftsteller hat inzwischen ein Dutzend Bücher veröffentlicht; unsere zeit hat die Entwicklung Erhard Eller kontinuierlich verfolgt (vgl. u. a. unsere zeit vom 30. Oktober 2009 und zu Ellers „Herzliche Feindschaft“ in unsere zeit vom 21. Mai 2010).
Auch das neue umfangreiche Werk, entstanden zwischen 2007 und 2016, gehört in das thematische Umfeld: Im Jahre 2007 ist Wilfried Schaffer, geboren 1962, lebend in Weißenfels, immer noch arbeitslos, trotz vieler Bemühungen. Einmal mehr schaut er trauernd am Walpurgistag 2007, am Vorabend des „Tages der Arbeit“, auf seine „erträgliche Arbeit“ in der „einstigen kleinen Republik“ (8) zurück, auf seine Familie und die Achtung der Mitmenschen, die ihm so selbstverständlich erschien wie für ihn Arbeit Grundlage allen Lebens war. Nichts ist geblieben. Walpurgistag? Das bietet die Möglichkeit zu phantastischen Spielen, Zeitverschiebungen und unwirkliches Geschehen. Material zum Spiel sind sich ausbreitendes Elend und Verfall in einer einstigen Hochburg der Chemieindustrie, in einer von Kriegen und Schlachten überlagerten Landschaft. Auf der Suche nach sinnvoller Tätigkeit gerät Schaffer ins Umfeld der Touristikwerbung und versucht sich als Stadtführer. Dabei erfolgreich, wird er von einem ehemaligen Weißenfelser beauftragt, einen Stadtführer zu schreiben. Das schafft für Schaffer ständige Vergleiche zwischen Vergangenheit und Gegenwart, wobei die Grenzen fließend werden, die Zeiten ineinander übergehen und bedrohliche Halluzinationen von Schreckensbildern entstehen: Dürers apokalyptische Reiter und Gestalten einer bedrohlichen Walpurgisnacht scheinen sich in Ellerts Walpurgisgestalten Kaiser, Soldat, Lumpenmännchen und Tod zu spiegeln, heruntergeholt auf die Ebene hässlichster Wirklichkeit, die Schaffer zusätzlich verunsichert. Die einst überschaubare und gestaltbare Wirklichkeit ist zu einem grotesken Verwirrspiel geworden, das in vielen Varianten aufbricht und in Schaffer und Schwertfeger sogar Parallelen zu Faust erkennen lässt, der schon im Walpurgisnachtbeginn zu ahnen ist. Im Namen Schaffers liegt das faustische Moment des Schaffens, in dem Schwertfegers, der mehrfach mit Teuflischem verglichen wird (177), ein Element des Zerstörerischen (Schwert). In beiden wird faustisches Anliegen karikiert, Bildung wurde heruntergewirtschaftet zu Event und entleerter Unterhaltung, zum Tourismusprojekt „Erlebnisreisen in die Kriegsgeschichte“ (45). Schaffer ist auf der Suche nach einem sinnerfüllten Leben, trotz aller ihn umgebenden Einschränkungen. Sein Weg aber wird zu einem ständigen „Rundgang“, der Ausdruck von Aussichtslosigkeit wird. Dazu gehören Wiederholungen von Namen, Ereignissen und Abläufen. Schaffers Rundgang wird zum Hamsterrad, in dem er stirbt. Er lässt ratlose Freunde zurück. Befragt nach dem Grund für diesen Tod, der nicht genannt wird, antwortete Ellers einem Leser: „Er hat die misslichen Verhältnisse letztlich nicht verkraftet.“
Erhart Eller ist ein Schriftsteller, der das Scheitern in dieser Gesellschaft gründlich dokumentiert. Hoffnungen gibt es in seinen Werken kaum. Umdeuten zum Wenderoman, wie es gegen den Willen des Autors mit Seilers „Kruso“ der Fall war, lässt sich Ellers „Bodenfrost“ auch nicht: Zwar ist es ein Wenderoman, aber einer von der Sorte, die von der Kritik unterschlagen werden, die auch keine Preise erhalten und vor denen man das Publikum durch Nichtbeachtung bewahrt. Ellers macht das eindringlich und mit einer schroffen, nicht beruhigenden Intensität, bei der die Sprache fast holzschnittartig verwendet wird und auch verbindliche Normen, unter anderem der Rechtschreibung, verlassen, Jargon und Slang verwendet werden, manchmal bis zur Störung, Ausdruck der Zerstörung, getrieben. Das ist eines der Mittel, um den Zerfall der Gesellschaft und ihrer Werte – darunter Recht und soziale Gerechtigkeit, Freiheit, Bildung und Arbeit – adäquat zu beschreiben. Ellers den Leser erschütterndes, berührendes Buch setzt die bisherigen Werke des Autors über soziale Ungerechtigkeit, Ausbeutung, Diskriminierung und einen unmenschlichen Umgang mit Menschen fort, die man vom Wichtigsten getrennt hat, auf das sich ihr Leben gründete: von ihrer Arbeit und von ihrer Biografie, aus der sich ihre Individualität ergibt. Die darin beschriebene Hoffnungslosigkeit ist rigoroser als bisher. Änderung erscheint Schaffer nur in der kaum für möglich gehaltenen Vorstellung denkbar, „dass sich die Unteren, die Enterbten, die Ausgestoßenen, zu einem mächtigen Marschblock formten. Die Verachtung der Verachteten untereinander, das war ihm nun glasklar, nutzte nur den herrschenden Herrschaften.“ (13) Dagegen formte sich aus dem Bodensatz eine zerstörerische Bewegung, die „wöchentliche Kundgebung der Enterbten auf dem Markt“ (265).
Ellers Buch stellt sich in eine Lücke in der Gegenwartsliteratur; es gibt indessen mehr davon als man glaubt. Aber diese Bücher sind von keiner Messe, keiner Jury und keiner staatskonformen Literaturkritik erwünscht und werden deshalb auch nicht beworben. Scheinheilig bedauert die bürgerliche Presse den Mangel an sozialen Stoffen in der Literatur; nähme sie sich einen Augenblick Zeit für das umfangreiche Werk Ellers, fände sie soziale Probleme zuhauf und zugespitzt. Aber das verbietet die Selbstzensur. Dadurch wird der „Bodensatz“ begünstigt.


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Leserbrief zu Artikel »Bodenfrost, Bodensatz und Tod«, UZ vom 17. November 2017





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