Die Mutter aller Derbys

Von Karl Rehnagel
|    Ausgabe vom 24. November 2017
Spielt gar nicht mit: Marco Reus (Foto: Public domain)
Spielt gar nicht mit: Marco Reus (Foto: Public domain)

Das Haus in der Hoffnungstraße in Essen beherbergt neben einigen Fußballverweigerern unter anderen Frankfurt-Fans, St. Pauli-Fans, Anhänger von Rot-Weiß-Essen, Bayern-Fans (kein Scherz) und Anhänger der DEG aus Düsseldorf (welche allerdings Eishockey spielt), sowie – wir sind im Ruhrpott – selbstverständlich Anhänger von Schalke 04 und dem BVB 09.
Für eines der beiden Lager dürfte die folgende Woche hart werden und ich habe so eine Ahnung, dass ich als Dortmund-Fan dazugehören darf. Am Wochenende kommt es nämlich zur „Mutter aller Derbys“. Da geht es um mehr als alles, oder wie es der ehemalige Dortmunder Kevin Großkreutz einmal ausdrückte: „Wenn mein Sohn Schalke-Fan wird, kommt er ins Heim.“ Nun, auch wenn Großkreutz nie die hellste Kerze auf der Torte war, dies war natürlich ein Scherz von ihm. Hoffentlich zumindest.
Dortmund gegen Gelsenkirchen, das ist Rivalität seit ca 90 Jahren. Vielleicht war dies das erste Derby: Am 3. Mai 1925 schlägt Schalke 04 Borussia Dortmund mit 4:2. Und zwar in der „Ruhrgaumeisterschaft der Kreisligen“. Oder dieses: Das Endspiel um die Westfalen-Meisterschaft am 18. Mai 1947 in Herne – Die favorisierten Schalker führen zweimal, der BVB gewinnt aber 3:2. „Aus Verärgerung bleiben die Schalker der Siegerehrung fern.“ Legendär sicherlich auch das Nebelspiel vom 12. November 1966. Im Stadion Rote Erde (Dortmund) gewinnt der BVB im dichten Nebel mit 6:2. Mit einem einfachen Rezept: „Wir haben immer dahin gespielt, wo es hell war, und den Ball dort gehalten“.
Das dann habe ich live erleben müssen: Frei nach Marcel Reif („Je länger das Spiel dauert, desto weniger Zeit bleibt“) erzielte der Schalker Jens Lehmann im Dezember 1997 in der Nachspielzeit das 2:2. Soweit nicht zu ungewöhnlich, aber Lehmann war Torwart!
Hatte man zwischendurch das Gefühl, Anhänger beider Clubs kämen sich ein wenig näher (damals, unter dem verwegenen Slogan „Ruhrpott!“), so endete das ad hoc am 12. Mai 2007: Schalke fuhr am 33. Spieltag als Tabellenführer zum BVB. Der BVB, für den es um nichts mehr ging, gewinnt 2:0 und verdirbt dem Erzrivalen den ersten Meistertitel seit 1958!
Und heute, 2017? Natürlich hat das Derby „seine eigenen Gesetzte“ (Ups, dafür kommen aber gleich 2,- ins Phrasenschwein, also ins Spendenfäustchen für das UZ-Pressefest), aber Fakt ist: Schalke spielt seit Wochen nicht schön, aber sehr kompakt und vor allem erfolgreich. Und bekommt fast gar keine Gegentore. Und Dortmund? Unsere Millionäre laufen über den Platz, als wäre die Kreisklasse ihr großes Vorbild. Wild, vogelfrei, gedankenlos und für jeden größeren Slapstick zu haben. Zuletzt verlor der BvB gegen Hannover und Stuttgart, beide nicht gerade Anwärter auf den Meistertitel. Unser Trainer? Lässt einfach immer so weiter spielen nach dem Motto: Het leven is geen zoete krentenbol. Was Niederländisch ist und ungefähr bedeutet: Das Leben ist kein Rosinenbrötchen.
Ist es nicht und deshalb mein Tipp: Wir verlieren zu Hause 1:2. Traurig, aber wahr. So wahr wie: Schalke wird nie Deutscher Meister. Auch nicht in diesem Jahr. Oder wie Jürgen Klopp auf die Frage eines Schalker Fans antwortete, wie man denn Deutscher Meister wird: „Wie soll ich einem Blinden erklären, was Farbe ist?“
Trotz aller Vorraussetzungen bleibt für dieses Derby ja eine kleine Chance für den BVB. Zitieren wir zwei der ganz Großen: „Das Geheimnis des Fußballs ist ja der Ball“ (Uwe Seeler). Aha! Und wenn alles schief läuft, halten wir es einfach mit Bruno Labbadia: „Das wird alles von den Medien hochsterilisiert.“ Glück auf!


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