Kultursplitter

Von Herbert Becker
|    Ausgabe vom 1. Dezember 2017

Große Töne
Brandenburg unterstützt in diesem Jahr öffentlich geförderte Musikschulen mit rund 5,1 Millionen Euro – doppelt soviel wie im Vorjahr. Derzeit beteiligen sich mehr als 4 000 Schüler aus rund 170 Musikklassen von 66 Grund- und Förderschulen. Wie man es schaffen will, dass ab dem nächsten Jahr rund 33 000 Kinder und Jugendliche unterrichtet werden sollen, sagte Kulturministerin Martina Münch leider nicht. Denn wenn die halbe Summe bisher für die wenigen Schüler mehr schlecht als recht ausreichte, gehört viel Phantasie dazu, achtmal so viele Lernwillige mit nur der doppelten Fördersumme zu unterrichten. Hier scheint wieder viel Nebel und eine willige PR-Übernahme zu herrschen, von einer seriösen Finanzierung ist das Bundesland weit entfernt. Die Ministerin (der SPD zugehörig) war schon einmal verantwortlich für das Ressort, musste aber 2011 nach zwei wenig erfolgreichen Jahren zurücktreten, erst 2016 kam sie wieder als Nachrückerin in Amt und Würden zurück. Schon früher war sie bekannt durch große Töne, aber auch durch Dissonanzen, scheint ihr Markenzeichen zu sein.
Zweite Wahl
Aus Ärger über die stockende Erweiterung des Kölner Wallraf-Richartz-Museums will Stifterin Marisol Corboud die als Dauerleihgabe nach Köln gegebenen Bilder abziehen. Der geplante Neubau auf dem benachbarten Gelände soll unter anderem zur Präsentation der Sammlung Corboud genutzt werden. Die großzügige Dauerleihgabe von mehr als 170 Kunstwerken hatte der Ehemann, der Schweizer Gérard J. Corboud, 2001 getätigt. Seither trägt das Wallraf-Richartz-Museum den Zusatz „Fondation Corboud“. Die impressionistische Sammlung des Museums ist eine der größten deutschlandweit, der die Stadt ihren Rang als Kunstmetropole verdankt, während Corboud ihr eine nicht ganz erstklassige Kollektion von Impressionisten und Postimpressionisten angedient hat. Dass der Neubau nicht vorankommt, hängt natürlich am fehlenden Geld, schlampiger Planung und dem Streit der Ratsfraktionen. Sich von der Sammlung eines Neureichen, der sein Geld mit Immobilien und Finanzgeschäften gemacht hat, so vorführen zu lassen, ist beschämend. Die Impertinenz der Witwe, für ihren zusammengetragenen Haufen auch noch medial aufzutrumpfen, sollte die Stadt großzügig beantworten und die Dame nebst Sammlung ziehen lassen.
Bestes Kino
Ein Mann und eine Frau. Mitten auf einem nebligen Rollfeld. Die Entscheidung. Was wird aus uns? – „Uns bleibt immer Paris.“ Der gebrochene Held gibt seine große Liebe frei – für etwas Größeres als sein Glück. Schmerz in Schwarzweiß. Dann hebt das Flugzeug ab. Rick Blaine bleibt zurück mit gebrochenem Herzen, aber als moralischer Sieger. Die Rolle für Humphrey Bogart. Sie hat ihn unsterblich gemacht. Und Ingrid Bergman als Ilsa Lund in ihrer wunderschönen Zerrissenheit wurde durch diesen Film ein Weltstar. Ins Kino kam der Film vor 75 Jahren parallel zur Alliiertenkonferenz von Casablanca. Beinahe wäre alles anders gekommen. „Casablanca“ wäre nur einer von vielen US-Propagandafilmen geworden – wenn nicht alles zufällig gepasst hätte. Die Mehrheit der Schauspieler war vor den Faschisten geflohen und in Hollywood gelandet. Conrad Veidt, Peter Lorre, Paul Henreid und Curt Bois, bis in die kleinste Nebenrolle atmete der Film Echtheit. Auch wenn die Kulisse aus einem anderen, zweitklassigen Film stammte. Der Film wirkt immer noch. Schöner-trauriger war Kino selten, seitdem ist jedes Bild ein Poster, viele Dialoge ein Zitat. Ein Film, für den der Begriff Klassiker erfunden zu sein scheint. Auch wenn Bogart in der Schlussszene auf einer Kiste stehen muss. Der berühmte letzte Satz fiel dem Regisseur übrigens auch erst nach den Dreharbeiten ein, er wurde nachvertont. Zum Glück. Für die Zuschauer. Und das Kino. „Ich glaube, dies ist der Beginn einer wunderbaren Freundschaft, Louis.“ Uns bleibt immer Casablanca.


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Leserbrief zu »Kultursplitter«, UZ vom 1. Dezember 2017





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