Neulich auf der Bettkante

Zu den Marxistischen Blättern, Heft 6–17
Von Ulrich Macher
|    Ausgabe vom 1. Dezember 2017
Paris, Oktober 2017: Protest gegen Präsident Macrons neues Arbeitsgesetz (Foto: [url=https://www.flickr.com/photos/jmenj/36910402314/]/flickr.com[/url])
Paris, Oktober 2017: Protest gegen Präsident Macrons neues Arbeitsgesetz (Foto: /flickr.com / Lizenz: CC BY 2.0)

Also eine „Gute-Nacht-Lektüre“ sind die „Marxistischen Blätter“ 6–17 irgendwie nicht! Aber wer will auch schon mit der ganzen Arbeiterklasse ins Bett? Doch um genau die geht es in den neuen „MBs“: „Klasse – Demokratie – Arbeiterbewegung“.
Und wo die einen behaupten, die Arbeiterklasse verschwindet (so sehr, dass sie in die Ritze des heimischen Doppelbetts abtaucht), analysiert Heinz Bierbaum im ersten Artikel der Themenstellung: „Von einem Verschwinden der industriellen Arbeiterklasse (…) kann jedoch nicht die Rede sein.“ (S. 26) Sie verändere sich und um den wirklichen Veränderungen nachzugehen, sei es notwendig, die Entwicklung der Arbeit zu beleuchten. Und das tut er dann auch, der Professor aus Saarbrücken und beschränkt sich nicht darauf: es seien auch die Veränderungen auf der Kapitalseite, also der Unternehmenspolitik aufzugreifen, wie sie sich durch die Entwicklung hin zum Finanzkapitalismus ergeben.
Wenn wir uns dann verständigt haben, dass die Arbeiterklasse nicht verschwunden ist, so ist wohl auch die Frage erlaubt, was sie denkt – falls sie denkt. Und vor allem: warum sie so denkt, wie sie denkt. Der Philosoph Dominico Losurdo beschreibt, wie zwei „Patriarchen des Neoliberalismus“ (S. 30) das ideologische und politische Gegengewicht zur Sowjetunion entwickelten und stellt dar, wie bereits im 19. Jahrhundert der Kampf um die Köpfe erfolgte. „Seitdem stand im Zentrum des Kampfes um die Macht wohl die Kontrolle der Gedanken, aber vor allem die der Gefühle, und eine solche Kontrolle konnte erreicht bzw. aufrechterhalten werden, indem man sich in erster Linie des ‚Unbewussten‘ bediente.“ (S. 36)
Ja, sie wird beeinflusst, die Arbeiterklasse, und es gibt „die entsetzliche Macht des multimedialen Feuerwerks“ (S. 39). Aber warum gelingt es ihr dann doch immer wieder, sich zur Wehr zu setzen, zu kämpfen, in Bewegung zu kommen? Dieser Frage geht der Belgier Brecht De Smet nach anhand der ägyptischen Arbeiterklasse mit der „Mahalla-Bewegung“. Er beschreibt die Phasen der Bewusstseinsentwicklung der dortigen Bewegung und versucht diese mit Gramsci (kennt man doch) und Vygotskij (kennt man eher nicht) zu abstrahieren. Wenn dann jedoch von der „Form der Heterolepsis für andere Arbeiter“ die Rede und der „Übergang vom Synkretismus zum Denken“ Gegenstand der Betrachtung ist, wird die ungeübte UZ-Leserin, gefolgt vom UZ-Leser, mit Schweißperlen auf der Stirn die Bettkante verlassen und das Lexikon zu Rate ziehen müssen.
Wo wir dann schon beim aufrechten Gang sind:
Weitere Artikel der Marxistischen Blätter beschäftigen sich mit den gewerkschaftlichen und betrieblichen Kämpfen der Arbeiterklasse: Oliver Jonischkeit wirft den Blick auf 70 Jahre Weltgewerkschaftsbund und schätzt optimistisch ein: „Trotz der Stärke des Imperialismus haben die klassenorientierten Gewerkschaften in den letzten zehn Jahren an Bedeutung gewonnen“. Geht es in diesem Artikel um Strategien, die sich mit den Ursachen, dem kapitalistischen System, auseinandersetzen, heben Uwe Fritsch u. a. die Besonderheit der Kampfbedingungen im VW-Konzern hervor: hier seien mit der „qualifizierten Mitbestimmung“, dem VW-Gesetz und dem hohen gewerkschaftlichen Organisationsgrad zahlreiche Erfolge erzielt worden – im Rahmen und trotz der gravierenden Veränderung/Internationalisierung des Konzerns. „Ziel einer verantwortungsvollen und an den Belangen der Beschäftigten ausgerichteten Politik ist es, sich mit nachvollziehbaren Positionen und gegebenenfalls auch betriebswirtschaftlich überzeugenden Alternativen mit der Politik des Unternehmens und seiner Strategie auseinanderzusetzen.“(S. 72) Dieser Satz dürfte den einen oder die andere erschlafft auf die Bettkante zurücksacken lassen: Weht da ein schwüler Hauch von Sozialpartnerschaft in den „Marxistischen Blättern“ oder ist dies nur die Darstellung der besonderen Situation in einem der weltweit größten Industriekonzerne?
„Gut dass wir verglichen haben“ lautete vor einigen Jahren ein prämierter Werbeslogan: Wir blättern ein paar Seiten weiter und widmen uns dem Artikel „Der Kampf um gesetzliche Regelungen und Tarifverträge“ (Jan van Hagen). Hier geht es um die Mobilisierbarkeit der Pflegekräfte in Krankenhäusern zugunsten eines „Tarifvertrags Entlastung“, die Erfolge in den Kämpfen, aber auch um die Rückschläge und Schwierigkeiten in den gewerkschaftlichen Auseinandersetzungen. Spannend ist hier nicht nur die Beschreibung des Ringens um die richtige Aktionsform („Aktionstag Händedesinfektion“, Unterschriftenlisten, Überstundenverweigerung …). Das Besondere an dieser Auseinandersetzung ist auch, dass sie an „zwei Fronten“ ausgetragen wird: Nämlich gegen die Krankenhausträger (Tarifvertrag) einerseits und gegen „die Regierungsvertreter“ (gesetzliche Regelung) andererseits.
Diese Nummer der „Marxistischen Blätter“ beschäftigt sich ausweislich des Titels mit der Arbeiterbewegung. Dass es diese gibt und womit sie sich beschäftigt, darüber geben Georg Polikeit und Pierre Laurent in jeweils einem Artikel mit Blick auf Frankreich Auskunft. Der Nationalsekretär der Kommunistischen Partei Frankreichs Laurent kommt nach Darlegung der sozialen und ideologischen Auseinandersetzungen und der Möglichkeiten breiter(er) Bündnisse zu der Erkenntnis, dass die Demokratiefrage neu bewertet werden muss: „Ich bin davon überzeugt, dass der Kampf für die Demokratie, für neue Rechte und Befugnissen auf allen Gebieten zum Zentrum des Klassenkampfes geworden ist.“ (S. 96) Eine solche deutliche Akzentuierung dürfte in Aussagen anderer kommunistischer Parteien so nicht zu finden sein.
Nicht unbekannt wird den deutschen LeserInnen die Einschätzung des kommunistischen Gewerkschaftsaktivisten Bruce Bostick aus den USA vorkommen: „Die aktuelle Periode ist eine Periode der Abwehrkämpfe …“ (S. 102) Er berichtet aus dem Trump-geprägten Land von einer organisierten Arbeiterbewegung, die mit ungefähr 12 Prozent nur einen kleinen Teil vertritt. Es gehe darum, in eine nächste „Phase der Auseinandersetzungen“ zu kommen. Einige Forderungen und Ziele, die für diese Phase hilfreich sein können, werden im Artikel genannt. Auch hier wird – ähnlich wie im Artikel des französischen Genossen – die Notwendigkeit zum Kampf um die Demokratie betont („eine Demokratie der Arbeiterklasse, in der neue Institutionen und Kontrollen notwendig sein werden“, S. 107), ohne diese jedoch zum „Zen­trum des Klassenkampfes“ zu erheben.
Darf’s ein bisschen mehr sein, in den „Marxistischen Blättern“? Ja, es darf: Unter „Aktuelles“, „Positionen“ und weiteren Rubriken gibt es noch einiges Lesenswertes.
Nun steht der Leser wie elektrisiert in der Vertikalen seines Bettes. Aus gut unterrichteten Kreisen verlautet: die nächsten „MBs“ sind schon in Bearbeitung! Endlich legt er sich hin und murmelt: man kann sie auch abonnieren …


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Leserbrief zu »Neulich auf der Bettkante«, UZ vom 1. Dezember 2017





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