Aufbruch in gesellschaftliches Neuland

Aus einem Vortrag von Bruno Mahlow zur Oktoberrevolution
Von Bruno Mahlow
|    Ausgabe vom 8. Dezember 2017
Sie waren angetreten, um Frieden und Brot zu erkämpfen: Mitglieder des ersten Regiments der Roten Garden, aus denen später die Rote Armee hervorging (Herbst 1917, Petrograd). (Foto: Public Domain)
Sie waren angetreten, um Frieden und Brot zu erkämpfen: Mitglieder des ersten Regiments der Roten Garden, aus denen später die Rote Armee hervorging (Herbst 1917, Petrograd). (Foto: Public Domain)

Bruno Mahlow ist Mitglied des Ältestenrates der Partei „Die Linke“

Die Oktoberrevolution wurde zur entscheidenden Weltenwende in der Geschichte der Menschheit. Die damalige Generation war erfüllt von der Hoffnung und der Absicht, auf dem Weg zum Kommunismus möglichst schnell voranzuschreiten. Dem Sowjetstaat wurde jedoch keine Zeit und kein Frieden gegeben, sich auf den schöpferischen Prozess mit ausgewogenen Vorstellungen zu konzentrieren. Der Ausnahmezustand bedingte eine lange Übergangsphase zu einem frühen Sozialismus. Die kapitalistische Umkreisung, das Ausbleiben der Weltrevolution ist aber nur einer der zu berücksichtigenden Faktoren. Ein weiterer bestand darin, dass es zwar Grundpositionen für den Übergang zur Aufbauphase eines neuen Staates nach der Machtergreifung gab, aber keine ganzheitliche Theorie des sozialistischen Aufbaus. Es dominierte die Vorstellung von einem raschen Übergang zu einer konfliktfreien Gesellschaft, bei der es nicht auf Gewaltenteilung ankam. Es offenbarte sich auch, dass Revolutionäre, wenn sie an die Macht kommen, teilweise den gleichen Traditionen und Methoden unterliegen, gegen die sie früher gekämpft haben.
Die praktischen Erfahrungen der Entwicklung des Sowjetstaates vermitteln u. a. drei entscheidende Lehren:
1. Es ist kein Sozialismus möglich ohne einen bestimmten Bewusstseinsstand der Gesellschaft. Es bleibt dabei: Sozialismus als Wissenschaft zu verstehen und zu gestalten, bedeutet nicht schlechthin nur die Verbreitung, sondern auch die Vergesellschaftung des Wissens. Damit verbunden ist die Forderung, mit den Kenntnissen der Theorie auch das Wissen um die Geschichte als notwendig zu erachten. (vgl. auch das Interview mit der kubanischen Philosophin Isabel Monal, „junge Welt“ vom 1./2. April 2017)
2. Während die Macht durch eine Minderheit und in vielen Fällen militärisch errungen werden kann, bedarf der sozialistische Aufbau einer aktiven Teilnahme der Mehrheit der Gesellschaft. Wunschdenken, Improvisation reichen nicht aus. Sozialistischer Aufbau fordert den ganzen Menschen viel mehr, als alle vorangegangenen Gesellschaftsformationen.
3. Die entscheidende Rolle der Ökonomie. Albert Einstein verwies in seinem Artikel „Warum Sozialismus?“ („Why Socialism?“, veröffentlicht erstmals 1944 in der ersten Ausgabe der Zeitschrift „Monthly Review“) auf solche charakteristischen Merkmale des Kapitalismus, wie Arbeitslosigkeit, ständige Angst vor dem Verlust der Arbeit, Folgen des technologischen Fortschritts usw. „Das Gewinnmotiv ist in Verbindung mit der Konkurrenz zwischen den Kapitalisten für Instabilität in der Akkumulation und Verwendung des Kapitals verantwortlich und dies bedeutet zunehmende Depressionen. Unbegrenzte Konkurrenz führt zu einer riesigen Verschwendung von Arbeit und zu dieser Lähmung des sozialen Bewusstseins von Individuen.
Diese Lähmung des Einzelnen halte ich für das größte Übel des Kapitalismus. Ich bin davon überzeugt, dass es nur einen Weg gibt, dieses loszuwerden, nämlich den, ein sozialistisches Wirtschaftssystem zu etablieren, begleitet von einem Bildungssystem, das sich an sozialen Zielsetzungen orientiert. In solch einer Wirtschaft gehören die Produktionsmittel der Gesellschaft selbst und ihr Gebrauch wird geplant. Eine Planwirtschaft, die die Produktion auf den Bedarf der Gemeinschaft einstellt, würde die durchzuführende Arbeit unter all denjenigen verteilen, die in der Lage sind, zu arbeiten, und sie würde jedem Mann, jeder Frau und jedem Kind einen Lebensunterhalt garantieren. Die Bildung hätte zum Ziel, dass die Individuen zusätzlich zur Förderung ihrer eigenen angeborenen Fähigkeiten einen Verantwortungssinn für die Mitmenschen entwickeln, anstelle der Verherrlichung von Macht und Erfolg in unserer gegenwärtigen Gesellschaft.
Dennoch ist es notwendig festzuhalten, dass eine Planwirtschaft noch kein Sozialismus ist. Eine Planwirtschaft als solche kann mit der totalen Versklavung des Individuums einhergehen. Sozialismus erfordert die Lösung einiger äußerst schwieriger sozio-politischer Probleme. Wie ist es angesichts weitreichender Zentralisierung politischer und ökonomischer Kräfte möglich, eine Bürokratie daran zu hindern, allmächtig und maßlos zu werden? Wie können die Rechte des Einzelnen geschützt und dadurch ein demokratisches Gegengewicht zur Bürokratie gesichert werden?“
Keinen Zweifel gibt es unter Marxisten darüber, dass die politische Ökonomie, d. h. die von Marx geschaffene Theorie der kapitalistischen Produktionsweise, eine Wissenschaft ist. Marx konnte sich auf sich über Jahrhunderte hinziehende Entwicklung des Kapitalismus stützen. Die ökonomische Praxis auf sozialistischem Wege vermochte noch nicht zu einer in sich geschlossenen Politökonomie des Sozialismus führen. Dazu bedarf es einer historisch längeren Zeit und der Reife in der Praxis. Die Veränderung der Eigentumsverhältnisse war eine Grundvoraussetzung für den Aufbau einer sozialistischen Produktionsweise. Aber sie allein bedurfte ihrer weiteren Ausgestaltung und praktischen Erprobung.
In jedem Falle ist die Wirtschaft das entscheidende Feld, auf dem sich die sozialistische Gesellschaft beweisen muss. Sie musste das bisher unter Bedingungen, dass drei Viertel der Weltwirtschaft vom Kapital dominiert wurde. Dieser Faktor und seine Bedeutung für das internationale Kräfteverhältnis wurde in der Bewertung sowohl der gesellschaftlichen Entwicklung der einzelnen sozialistischen Staaten, als auch in der Weltpolitik nicht gebührend berücksichtigt.
Dies ist auch von Bedeutung für das Erkennen des Stellenwerts des Kampfes um den Frieden in der heutigen Zeit. Das „Dekret über den Frieden“ war eine der Hauptlosungen der Oktoberrevolution. Es machte deutlich, dass der Aufbruch in gesellschaftliches Neuland, in einer ausbeutungsfreien Gesellschaft, zugleich der Beginn eines Ringens um die Abschaffung von Kriegen als Geißel der Ausbeutergesellschaft war. Clara Zetkin bewertete die Friedensfrage als Kraftprobe der Macht und Breite der revolutionären Bewegung, als eine Frage von Sein oder Nichtsein der Revolution. Die Bolschewiki bestanden diese Kraftprobe. Sie hatten die Massen hinter sich. Die provisorische Regierung der „Vaterlandsverteidiger“ scheiterte.
Der Sowjetstaat hat in Auseinandersetzung mit Krieg und für den Frieden einen entscheidenden Beitrag geleistet und auch die Hauptlast getragen. Der Teilnehmer der ungarischen Räterepublik und Philosoph Georg Lukàcs (1885–1971) erklärte: „… Ich finde, dass die Sowjetunion mit allem, was man an ihr politisch und ideologisch zu kritisieren hat – und ich habe mich nie zurückgehalten in dieser Kritik – zweimal die ganze Welt vor einer politisch-kulturellen Katastrophe zurückgehalten hat – mit dem entscheidenden Beitrag zum Sieg über Hitler und mit der Brechung des Atommonopols der USA.“ (Georg Lukàcs in „Einschätzung einer Lebensarbeit. Ein Gespräch mit Georg Lukàcs“ von Adalbert Reif, in „Die Zeit“, 10.4.1970)
Mit der Oktoberrevolution unmittelbar verbunden ist der bis heute anhaltende Kampf für den Frieden, für Abrüstung, für ein internationales System der Sicherheit. Eine entscheidende Voraussetzung für den Friedenskampf unter den heutigen Bedingungen ist das Erkennen des offensichtlichen sozialen Inhalts des Ringens um Frieden.
Gestützt auf die Erfahrungen und Lehren der Oktoberrevolution stehen die Linken vor der Herausforderung, in einer grundsätzlich veränderten Weltlage in Vielem den Kampf für eine Alternative zum Kapitalismus, für eine sozialistische Gesellschaft neu zu beginnen. Erinnert sei an den Volkskommissar für Bildung und bedeutenden marxistischen Kulturpolitiker Anatolij Lunatscharski (1875–1933), der schrieb: „Ich glaube in erster Linie an das Experiment. In der Aufbautätigkeit der Kommunisten in Russland erblicke ich ein Experiment von gewaltigem Ausmaß. Hierbei bin ich der Ansicht, dass es unter den ungünstigsten Verhältnissen in einem armseligen Laboratorium ausgeführt wird. Sollte es daher mit einem Misserfolg enden, so würde das für mich als Naturforscher noch nicht die Unmöglichkeit eines Erfolges des gleichen Versuchs in einem reicher ausgestatteten Laboratorium beweisen.“

Bruno Mahlow ist Mitglied des Ältestenrates der Partei „Die Linke“


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Leserbrief zu »Aufbruch in gesellschaftliches Neuland«, UZ vom 8. Dezember 2017





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