Aus Träumen werden keine Revolutionen

Zu Volker Weidermanns Buch „Träumer. Als die Dichter die Macht übernahmen“
Von Rüdiger Bernhardt
|    Ausgabe vom 12. Januar 2018

Volker Weidermann: Träumer. Als die Dichter die Macht übernahmen. Kiepenheuer & Witsch 2017, 288 S., 22.- Euro

Volker Weidermann: Träumer. Als die Dichter die Macht übernahmen. Kiepenheuer & Witsch 2017, 288 S., 22.- Euro

Es ist die Zeit der Revolutionsjubiläen: Der 100. Jahrestag der Oktoberrevolution in Russland 1917 liegt hinter uns, mit der Oktoberrevolution begannen revolutionäre Bewegungen in Europa, die nach dem Krieg eine neue Ordnung suchten. Der 100. Jahrestag der deutschen Novemberrevolution liegt vor uns. Das Jubiläum verbindet sich meist mit Berlin: die doppelte Ausrufung der Republik durch Philipp Scheidemann und Karl Liebknecht, der Rücktritt des Kaisers. Ähnliche Ereignisse geschahen in Bayern und anderen deutschen Ländern. Bereits in der Nacht zum 8. November 1918 rief Kurt Eisner in München den Freistaat Bayern aus, nachdem am 7. November auf der Theresienwiese eine Massendemonstration von mehr als 150 000 Bürgern und Eisners „Unabhängige Sozialisten“ „Kein Frieden ohne Revolution!“ gefordert hatten, im Gegensatz zur sozialdemokratischen Losung von „Frieden und Freiheit“.
Der kurzen Regierung Eisners bis zu seiner Ermordung am 21. Februar 1919 gehört der erste Teil des Buches. Es erklärt die Münchner Vorgänge als eine in Wirklichkeit verwandelte Literatur, da mehrere Schriftsteller am politischen Leben beteiligt waren. Eisner auf dem Stuhl des Ministerpräsidenten erscheint wie ein Märchen oder, so Weidermann im „Spiegel“, eine „verrückte Utopie“ – aber war es nicht der Versuch einer neuen Gesellschaft? Mit der Einschätzung als Märchen wird man bayrischer Tradition gerecht, die die Novemberrevolution als einen unbequemen Traum versteht. Was tatsächlich geschah, war weder Märchen noch verwirklichte Literatur, auch wenn Kunst manches Attribut dafür bereitstellte, wie für andere Revolutionen auch. Es war ernsthafte, nur unangemessene Politik unter falschen Prämissen. Die Menschen waren revolutionsbereit, die soziale Ordnung drängte auf Veränderungen – darüber wäre zu berichten gewesen, um die „verrückte Utopie“ zu materialisieren. Die neue Staatsform löste die Monarchie ab, in Bayern auf unspektakuläre Weise: Der König zieht einen Mantel an, „nimmt eine Schachtel Zigarren unter den Arm und ist reisefertig“ (15). Insofern konnte Eisner – der als Preuße den Freistaat Bayern ausrief – danach sagen: „Ist es nicht etwas Wunderbares? Wir haben eine Revolution gemacht ohne einen Tropfen Blut zu vergießen!“
Der zweite Teil des Buches erzählt über das „München der Möglichkeiten“, die Räterepublik München und ihre Dichter. Auch das Umfeld wird ausgeschritten, nicht beteiligte Dichter fanden Aufnahme mit ihren Erinnerungen. – Der dritte Teil „Gegenschuss“ gilt dem Sieg der Konterrevolution im April 1919.
Die zahlreichen Dichter waren eine Besonderheit im revolutionären Geschehen, sie standen an der Spitze des neu ausgerufenen Freistaates Bayern – Kurt Eisner, Wilhelm Herzog und Oskar Maria Graf –, und dann riefen Dichter die Münchner Räterepublik aus – zuerst Ernst Toller, Gustav Landauer, Erich Mühsam und als Mitarbeiter Landauers Ret Marut (alias B. Traven), dann nach dem Scheitern der Konterrevolution Eugen Leviné und Max Levien u. a. Während in Berlin die Revolution von Parteipolitik geprägt war, schien das nach Weidermann in München nicht der Fall zu sein: Kurt Eisner erlebte nach der Darstellung mit seinem Weg zum bayrischen Ministerpräsidenten ein „Märchen“. Dem war nicht so: Einmal hatten ehemalige Soldaten sich formiert zum Marsch durch die Stadt und fanden Unterstützung. Andererseits hatte auch Eisner politische Vorstellungen, nur bezog er diese nicht aus einem revolutionären Programm, sondern aus Studien über Literatur und Musik und aus einem ethisch begründeten Sozialismus. So konnte er sich nicht zwischen einer bürgerlichen Demokratie und einem Rätestaat entscheiden. Vielmehr sollten Räte die Demokratie ergänzen; es war ein dritter Weg, der sich auch vom „russischen Wege“ unterscheiden sollte, mit dem „die Demokratie und die sozialistische Gesellschaft“ nicht geschaffen werden könnten. Aus dieser Inkonsequenz und seinem völligen Verkennen des kommunistischen Revolutionsverständnisses – so machte er u. a. Liebknecht für das Scheitern der Revolution verantwortlich – entstand auch Eisners Niederlage. Das war der Anfang vom Ende, denn die Grundlagen der bisherigen Macht – Banken und die wirtschaftlichen Verhältnisse zum Beispiel – blieben unangetastet. Zwar führte Eisner den Achtstundentag und das Frauenwahlrecht ein, das aber reichte nicht für eine neue Ordnung. Es war kein Wunder, dass Eisners USPD am 19. Januar 1919 eine vernichtende Wahlniederlage erlebte, der die Ermordung Eisners folgte. Doch Analyse will das Buch nicht sein, auch historische Dokumentation nicht: Es erzählt von wirklichkeitsfremden Dichtern, die eine Revolution zu bewerkstelligen glauben, von irrlichternden Geistesgrößen, die meinen, sie würden in dieser Zeit aller scheiternden Sicherheiten gebraucht werden. Ihre utopischen Vorstellungen beflügeln sie, aber sie entsprechen nicht den Forderungen der aufbegehrenden Massen. Dabei wollten die Bayern letztlich das Gleiche wie die Preußen: Frieden, ein besseres Leben, menschliche Bedingungen. Dass dafür Metaphern und Bilder gewählt wurden, Eisner nahm Beethovens 9. Sinfonie, war kein Fehler; der Fehler war, dass diese Bilder keine Entsprechung in der politischen Wirklichkeit und in der Arbeit der neuen Machthaber fanden. (Es war aber nicht so, dass es bei Eisner nichts Programmatisches gab: Die zwei Bände seiner „Gesammelten Schriften“ weisen sehr wohl Verständnis für die proletarische Revolution aus.)
Die Revolution war allenfalls ein Umsturz. Es ist eine Erzählung über ein Beispiel der missglückten deutschen Revolutionen; die Erzählung dient nicht als Dokumentation, auch nicht zur Information über die Literaturgeschichte. Sie ist alles in allem Erzählung, teils mit fremden Federn geschmückt, teils mindestens skurrile Gegensätze konstruierend, so wenn die Reaktionen Thomas Manns und Adolf Hitlers auf die Münchner Revolution ähnlich erscheinen und eine vergleichbare Geisteshaltung in Thomas Manns „Bruder Hitler“ von 1938 ihre Begründung findet. Die Freizügigkeit der Erfindung wird zum Angriff auf die Wirklichkeit. Das wird verstärkt durch den Verzicht auf Wertungen und Kommentare, auf die Differenzierung der benutzten Belege. Es wird legitimiert durch die Erklärung des Autors, ein historisches Buch habe er nicht schreiben wollen; es seien eben „subjektive Wahrheiten“, die er zusammengetragen habe, wie: „Hitler ist Kurt Eisners Soldat.“
Der Titel „Der Schuss“ nimmt das Ende des ersten Teils vorweg. Am Ende wird Eisler ermordet. Mit seinem Rücktrittsschreiben in der Tasche ist Eisner auf dem Weg zum Landtag. und erinnert seine kurze Zeit als Ministerpräsident von Bayern und wie er den Freistaat ausrief. Dazwischen weiten sich die Erinnerungen zu essayistischen Auslassungen über Oskar Maria Graf und Rilke, schließlich zu einem Essay über Thomas Mann und Hans Pfitzner.
Weidermann nennt sie „Träumer“, aber waren es nicht Politiker, nur ohne ausgeprägte Sachkenntnis der Politik? Es war keine Zeit für Träumer, es war die Zeit von Revolutionen und für ihre Niederlagen. Eisner hatte sich zwischen Parlamentarismus und Räteregierung nicht entscheiden können. Als am 12. April 1919 erstmals ein Kommunist nach der Macht griff, Eugen Leviné, ist die Situation bereits aussichtslos. Trotzdem versucht Leviné das Unmögliche: Er begreift die Notwendigkeiten, vereinnahmt die Banken, verteilt Nahrungsmittelvorräte usw. und lässt Mitglieder jener Kreise erschießen, in denen Eisners Ermordung geplant wurde. Aber die Reaktion aus ganz Deutschland war bereits zu stark.
Auch Johannes R. Becher soll revolutionär engagiert gewesen sein und floh im Frühsommer aus München nach Berlin. Brecht verfolgte das politische Geschehen aufmerksam, war Mitglied des Arbeiter-und-Soldaten-Rates Augsburg, nahm an der Münchner Trauerfeier für Luxemburg und Liebknecht teil – die Trauerrede hielt Gustav Landauer – und hatte mit Eisners Sekretär Fechenbach eine längere Unterredung. Aber diese Dichter waren dem Autor wohl nicht wichtig genug. Lediglich der Kommunist Alfred Kurella, der nach Eisners Tod München verließ, wird genannt, mehr nicht. Statt den revoltierenden Massen wird Parallelvorgängen große Aufmerksamkeit geschenkt: der Lektüre von Spenglers „Untergang des Abendlandes“ bei Rilke und Thomas Mann, Gusto Gräser und seiner Auferstehung in Hermann Hesses „Demian“ usw. Mit den Revolutionen im Herbst 1918 hat das nur bedingt zu tun.


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Leserbrief zu »Aus Träumen werden keine Revolutionen«, UZ vom 12. Januar 2018





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